Allgemein

Matthias Strolz, der Geschichtensammler

05.09.2020 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Matthias Strolz. <span class="copyright">Andreas Hofer</span>
Matthias Strolz. Andreas Hofer

Ex-Neos-Chef spricht im Interview über Geschichten-Plattform


Nach sieben Jahren in der Spitzenpolitik haben Sie sich zurückgezogen. Aktuell sind Sie Vater, Unternehmer, Autor und seit 2019 auch Mitbegründer des Verlags und der Geschichten-Plattform story.one. Was hat Sie an diesem Projekt so begeistert?
Matthias Strolz: Ich habe immer schon gerne geschrieben und das Wort war eines meiner wichtigsten Werkzeuge – als Unternehmer und Politiker. Wir, die Menschen, sind viele Tausende Jahre am Lagerfeuer gesessen und haben uns Geschichten erzählt. Geschichten erzählen verbindet Menschen und macht uns froh. Im Jahr 2020 leben wir in einer Zeit, in der wir das Lagerfeuer durch Technik ersetzen können. Das macht story.one: Das Lagerfeuer mittels neuer Technologien zurück in die Mitte der Gesellschaft holen.

Die Philosophie von story.one ist, dass jeder ein Autor ist. Leidet da nicht die Qualität der Geschichten darunter?
Strolz: Es gibt auf der Welt Milliarden von Lesern, aber nur eine Million lebende Buchautoren. Wir wollen das Verhältnis ändern. Bei uns geht es nicht so sehr um die literarischen Fähigkeiten der einzelnen Autoren, sondern um die Geschichten an sich. Wir sind keine meisterhaften Beistrichsetzer. Wir sind Geschichtensammler. Bei uns schreibt Heinz Fischer genauso wie die Kassiererin aus dem Supermarkt – beide Autoren haben ihre Berechtigung und was zu erzählen.

Was macht die Geschichten auf story.one besonders?
Strolz: Alle unsere Geschichten passieren im echten Leben. Das ist die Voraussetzung. Es darf keine Fiktion sein. Die Geschichten dürfen nur eine Seite lang sein – das sind in etwa 2500 Zeichen. Wenn jemand online mehr als zwölf Geschichten veröffentlicht, kann er daraus ein Buch machen. Auf unserer Plattform fallen die üblichen Hürden, wenn man ein Buch publizieren will, weg – keine Kosten für das Layout oder eine vorgegebene Abnahmemenge. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche: die Geschichten, und freuen uns, jenen Menschen, die ihre teilen wollen, eine Plattform zu geben.

Welche Geschichte ist Ihnen kürzlich ins Auge gestochen?
Strolz: Ein Autor, der unter dem Pseudonym Rost schreibt, schildert seine Erlebnisse von einem 20 Jahre langen Gefängnisaufenthalt. Bislang hatte er nie die Möglichkeit mit jemandem außer seinem bezahlten Psychologen über sein Inneres zu sprechen. Dank story.one hat sich das geändert und er bekommt Feedback dazu. Das finde ich herzerwärmend. Ähnlich wie bei meinem Patenonkel Josef. Er ist 82 Jahre alt und hat unfassbare Geschichten vom Ende des Krieges im Klostertal zu erzählen. Er hat seine Berichte verschriftlicht und ich habe daraus drei Geschichten für story.one gemacht. Diese Geschichten muss man erzählen. Besonders, da es aus dieser Generation nicht mehr viele Zeitzeugen gibt.

“Bei uns schreibt Heinz Fischer genauso wie die Kassiererin aus dem Supermarkt.”

Matthias Strolz

Wie Ihr Patenonkel sind Sie auch in Wald am Arlberg aufgewachsen. Wie hat dies Ihre Kindheit in Vorarlberg beeinflusst?
Strolz: Die Welt muss immer erst klein sein, bevor sie groß werden kann. Ich hatte eine frohe Kindheit mit viel „Auslauf“. Von klein auf habe ich bei der Landwirtschaft meiner Familie mitgearbeitet und gelernt, einen langen Atem zu haben und wie man Verantwortung übernimmt. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Das hatte ich. Dadurch habe ich ein gutes Urvertrauen mitbekommen und die Grundeinstellung „Alles wird gut“ ist mir in die Wiege gelegt worden. Wenn ich bei Selbsterfahrungsseminaren an eine Situation der Freude denken soll, dann bin ich immer am Heuen im Familienverbund und springe von Heuballen zu Heuballen – ein Bergbauernbub eben.

Mitten in der Corona-Krise haben Sie Ihr Buch „Kraft und Inspiration für diese Zeiten“ veröffent­licht. Wie helfen uns Geschichten in schwierigen Zeiten?
Strolz: Sie helfen, weil sie uns verbinden. Zu Beginn von Corona habe ich unter dem Hashtag #CorCooning – eine Mischung aus Corona und dem englischen Wort Cocoon (dt. Kokon) – aufgerufen, Geschichten aus dem Lockdown in den eigenen vier Wänden zu erzählen. Die Resonanz war überwältigend. Es ist großartig, Freude zu teilen und es hat einen therapeutischen und erleichternden ­Charakter, wenn man einer ­Sorge einen Namen bezie­hungsweise eine Geschichte gibt.

Story.one

Zusammen mit Hannes Steiner und Martin Blank hat Matthias Strolz 2019 story.one gegründet. Auf der kostenfreien Online-Plattform kann jeder User täglich bis zu drei Geschichten hochladen und in Kontakt mit Lesern und anderen Autoren treten. Die einzigen Bedingungen sind: Die Geschichten müssen aus dem echten Leben stammen und dürfen die 2500 Zeichen nicht überschreiten. Aktuell sind bereits über 25.000 Geschichten veröffentlicht worden. Ab zwölf Geschichten kann ein Buch daraus gemacht werden. Die kleinste Auflage ist ein Exemplar und kostet 14 Euro.

Bis Ende September läuft die Sommer-Challenge #1Sommer1Buch noch auf story.one. Gibt man bis 30. September mindes­tens zwölf Geschichten online ab und macht daraus vor dem 15. Oktober sein eigenes Buch, übernimmt story.one die Kosten für die ersten zwei Exemplare frei Haus.

Zu Beginn der Krise waren Sie auf Social Media sehr aktiv und haben das Handeln der Regierung kommentiert. Fehlt Ihnen die Politik?
Strolz: In den ersten zwei Wochen war ich viel auf Twitter, Facebook und Co. unterwegs und habe Gastbeiträge geschrieben. Dann fiel mir aber auf, dass ich Gefahr laufe, Ersatzpolitiker zu werden. Das wäre eine Rollenverwechselung. Ich bin allerdings Autor und Publizist und so beschloss ich, ein Buch zu schreiben. Das ist auch ein wertiger Beitrag für das große Ganze, indem ich durch meine Worte Impulse und Ermunterung kreiere.

Sie waren Politiker und sind Musiker, Vater, Unternehmer und Autor. Wie würden Sie Ihren aktuellen Beruf beschreiben?
Strolz: Ich bin „Impact-Unternehmer“ (dt. Wirkungs-Unternehmer). Bei mir geht es immer um Wirkung. Ich kann beruflich keine Dinge im großen Stil machen, wenn mein Herz nicht dranhängt. Wenn ich das Gefühl habe, mein Beitrag ist bei
einem Projekt getan, gehe ich weiter. Wie der Gärtner des Lebens. Und ziehe auf das nächste Feld.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.