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Träume sind Schäume – oder so ähnlich

06.09.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ab und an passiert es mir, dass ich aufwache, und die erlebte Träumerei stülpt sich gefühls-mäßig über den ganzen Tag. Das ist nicht besonders angenehm! Dann kann es nämlich vorkom-men, dass ich mir 24 Stunden lang ein gefälschtes Verknallt-heitsgefühl aus dem Kopf häm-mern muss. Heute Früh zum Beispiel bin ich wieder einmal total verliebt dem Bett entstie-gen. Jemanden anschmachtend, den ich inzwischen seit mehr als 15 Jahren nicht gesehen, geschweige denn gehört habe. Dann taucht der Kerl plötzlich aus dem hintersten Winkel mei-ner Erinnerungsschublade auf und träumt mir eine Umarmung und einen bauchkribbelnden Kuss in meinen Kopf. Das Ganze im netten Setting der Karl-May Festspiele, die sich aus einer anderen Erinnerungsschub-lade als Bühnenbild für diesen träumenden Kitschstreifen dazu gesellt haben. Peinlicher Fact also ist: Ich wurde von einem Cowboy geküsst und bin in seinen Armen dahinge-schmolzen, ganz wie in einem schlecht colorierten 50er-Jahre-Westernstreifen. Dann läutet der Wecker, ich mache die Augen auf, bin entgeistert, weiß aber dennoch nichts Besseres zu tun, als das World-Wide-Web nach dem verschollenen Mister Cow-boy zu durchsuchen, nur um dann kopfschüttelnd das Handy wegzulegen und herzhaft darü-ber zu lachen. Himmel, in wie viele Menschen ich schon unbe-kannterweise träumend verliebt war! Da bin ich einmal mit dem wunderbar basslastig sprechenden Frank Hoffmann händchenhaltend der Donau entlang spaziert, an-schließend aufgewacht mit dem kurzzeitigen Gefühl, meinen Seelenverwandten gefunden zu haben. Nach dem Morgenkaffee war es dann vorbei mit dieser romantischen Vorstellung. Diese Mitnahme von Gefühlen und Eindrücken aus Träumen in das reale Leben funktioniert aber nicht nur mit Verliebtsein. Auch grausliche Sachen, Momente, die unglaublich traurig machen, Situationen, in denen ich zornig und sogar erschreckend brutal bin, schwappen ab und an aus der Welt der Träume noch mit in die Realität und hinterlassen eine neblige Empfindung, die ich immer mal wieder mit in den Tag hineinschleppe. Wie eben Schaum (Schäume? Gibt es echt eine Mehrzahl von Schaum?), bei dem langsam aber stetig jede einzelne Seifenblase wieder zerplatzt, bis er sich aufgelöst hat. Ich stelle mir dann vor, dass solche Träume vielleicht die gleiche reinigende Wirkung haben wie Seifenschaum. Ein Vollbad für die Seele. Aber wie-so der Cowboy? Ich werde noch ein bisschen darüber nachden-ken, was meine Seele hier wohl loswerden wollte. Oder sollte ich vielleicht doch telefonieren?

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis-tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Ho-henems.