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Popo hoch – und dann sein Kreuzchen machen!

13.09.2020 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Über Politik haben wir nie gesprochen, weil man sich in der Zeit nie sicher war, ob nicht selbst die beste Freundin dich dafür an die Nazis aus-liefern ließ. Da kann ich mich noch gut daran erinnern. Im Sommer sind wir Mädchen aufs Land geschickt worden. Geschlafen haben wir in einem Heim und untertags waren wir bei den Bauern, um zu helfen. In diesem Heim sind ab und an Ortsnachrichten auf einer Wand ausgehängt worden. Dort habe ich zusammen mit einer Freun-din gelesen, dass wieder soge-nannte Staatsfeinde aufgespürt und verhaftet worden waren. „Schon wieder haben’s jemand erwischt!“, hat meine Freundin geseufzt. Daraufhin hat sie mich ganz erschrocken angesehen. Geredet haben wir nie darü-ber, aber ich habe gewusst, dass sie meine Meinung wohl teilt. Diese kleine Geschichte hat meine Großmutter einmal er-zählt, als ich sie gefragt habe, wie das für sie als junges Mäd-chen war, im Naziregime. Wie denkt man? Was fühlt man? Wie spricht man mit anderen Men-schen? Für meine Großmutter war es normal, als junges Mäd-chen gewisse Dinge für sich zu behalten. Nicht, weil sie keine Lust hatte, sich andere Meinun-gen anzuhören, sondern aus schierer Angst um ihr Leben. Für mich, die dieses unglaub-liche Glück hat, in eine Welt der Meinungsfreiheit hineingeboren worden zu sein, ist es kaum nachvollziehbar, was so etwas mit einem Menschen macht. Wir dürfen fleißig unsere Kommentare zu allen erdenklichen Themen hinauspo-saunen. Wir dürfen behaupten, die Erde sei flach (ob’s klug ist, ist eine andere Frage), wir dürfen uns kritisch zu Regie-rungsmaßnahmen äußern, und wir dürfen unser Leben nach unseren Vorstellungen gestalten, solange wir nicht anderes Leben damit einschränken oder verlet-zen. Und: Wir dürfen wählen! „Sei dankbar, nutze es aus, betei-lige dich an der Gestaltung der Gesellschaft, in der du mit dei-nen Mitmenschen leben willst!“, hat Großmutter immer zu mir gesagt. Meine liebe Omi hat selbst dann gewählt, als sie nach einer Herzoperation fast ge-storben wäre und schwach und zittrig im Krankenbett gelegen ist. Ihrer Stimme hat sie immer Ausdruck verliehen. Deshalb ge-be ich auch heute bei den Wahl-en die meinige her. Aus Respekt davor, wie wertvoll es ist, das tun zu dürfen. Aus Freude daran, mich am Gestaltungsprozess rund um mich herum beteiligen zu dürfen und als Erinnerung an meine Omi, die Teil einer Welt war, die mir fremd ist, mir aber immer wieder bewusst macht, wie zerbrechlich jene ist, in der wir leben. Um es nochmals in Omis Worten zu sagen: „Popo hoch und Stimme abgeben.“

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.