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Wortverdrehungen und Mut, zu Fehlern zu stehen

20.09.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Hallo, mein Name ist Heidi und ich bin Legasthenikerin. Und weil ich eine solche bin, bin ich wirklich sehr dankbar dafür, dass es in meinem Computer ein Rechtschreibprogramm gibt, weil sonst könnte ich das Wort „Legasthenikerin“ gar nicht auf Anhieb korrekt schreiben. Ich müsste hinschauen, konzentriert, mindestens fünf Minuten lang, und gucken, wel-che Buchstaben ich verwurstelt, vergessen oder verwechselt habe. Das hätte ziemliche Aus-wirkungen auf meine Arbeit mit Texten. Überhaupt hilft mir der Computer sehr, handschriftlich würde mein Geschreibe nur für außergewöhnlich fantasievolle Menschen Sinn ergeben. So ist das, da muss ich durch. Ande-rerseits passt diese kleine Stö-rung ausgezeichnet zu mir. Das Verlegen, Vergessen und Verhudeln gehört zu mir wie Schlagrahm zum Schokokuchen, oder für die weniger Kalorien-Begeisterten, wie Gänseblüm-chen zur Frühlingswiese. Solche kleinen Fehlerchen im System machen uns doch erst zu den Menschen, die wir sind. Jeder hat so seine Macken, seine Eigenheiten, seine ganz eigene Besonderheit. In die eine und in die andere Richtung. Ich bin der Meinung, solange man sich nicht seinen Fehlern hingibt und sagt: „Is’ halt so!“, sich derer bewusst ist und sich damit aus-einandersetzt und herumwer-kelt, ist doch schon viel Schönes passiert. Lange habe ich mich to-tal geweigert, irgendetwas gegen meine Wortverkrümmungen zu tun. Die Texte sind aus mir he-rausgesprudelt, und dann sind sie vor mir gelegen, auf Papier, verkorkst und ver-dreht. „Aber es weiß doch jeder, was ich sagen will, wer braucht denn schon Rechtschreibung!“ Damit hab ich mir und anderen aber einiges verwehrt. Nämlich zu erkennen, dass da einiges an zartfeinen, witzigen und spannenden Geschichten und Gedanken auf dieser weißen Fläche in unkenntlicher Buch-stabensuppe vor sich hinge-schwommen ist. Außerdem ist es auch eine Frage des Respekts, meinem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, möglichst ohne Schwie-rigkeiten meinen Gedankengän-gen zu folgen. Conclusio meiner philosophischen Abhandlung über Legasthenie: Erkenne dei-ne Fehler, akzeptiere sie, aber nimm sie nicht hin. Nur so kann ich mich auch weiterentwickeln. Übrigens: Als Ausgleich dafür kann ich Probleme schnell lösen, mit Veränderungen gut umge-hen und bin super kreativ. Weil: Auch die guten Dinge seines Ichs sollte man sich gelegentlich vor Augen führen. Jetzt muss ich schnell meine Brille suchen ge-hen, damit ich ein wenig besser erkenne, wo er noch ein wenig wortverkorkst ist, mein Text. Himmel, wo hab ich die schon wieder hin verschlampt?

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.