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Viele Tränen getrocknet

26.09.2020 • 11:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Verschoben: Viele Paare mussten ihren großen Tag von heuer ins nächste Jahr verlegen.<br><span class="copyright">Shutterstock</span>
Verschoben: Viele Paare mussten ihren großen Tag von heuer ins nächste Jahr verlegen.
Shutterstock

Hochzeitsbranche wurde heuer auf eine harte Probe gestellt.

Mit dem Corona-bedingten Herunterfahren der gesamten Republik im heurigen Frühjahr, drohte so manche – oftmals seit vielen Monaten geplante – Hochzeit zu platzen. Paare, die nach dem ersten Schock nicht auf Nummer sicher gegangen sind und ihre Eheschließung gleich auf 2021 oder gar 2022 verschoben haben, setzten alles auf die Karte „Herbst“. Denn ursprünglich hieß es seitens der Bundesregierung, dass im Sommer zwar keine Hochzeiten im großen Rahmen möglich sein würden, dafür aber ab September.

Falsche Karte

Doch diese Karte stellte sich im Nachhinein nicht als Trumpf heraus. Zwar wurden seitens der Bundesregierung Hochzeitsfeierlichkeiten wieder früher als geplant – konkret ab Ende Mai – erlaubt, doch bereits Mitte September verkündete Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) neue Empfehlungen, um das sich mittlerweile wieder verstärkt auf dem Vormarsch befindliche Coronavirus erneut einzudämmen. Die Folge: Seit Montag dieser Woche dürfen an sämtlichen privaten Feiern, welche im Innenbereich stattfinden, nicht mehr als zehn Personen teilnehmen – ausgenommen sind von dieser Regelung lediglich Beerdigungen. Der wahrscheinlich entscheidende „Todesstoß“ für jedes Hochzeitsfest im heurigen Jahr wurde jedoch Anfang dieser Woche von den drei ÖVP-Landeshauptleuten Markus Wallner (V), Günther Platter (T) und Wilfried Haslauer (S) gesetzt. Sie verkündeten in einer gemeinsamen Aussendung, dass die Sperrstunde in der Gastronomie in diesen drei Bundesländern ab 25. September von bisher 1 Uhr auf 22 Uhr vorverlegt wird. Eine verzweifelt anmutende Maßnahme, um mögliche Reisewarnungen anderer Staaten noch rechtzeitig abzuwehren und die bevorstehende Wintersaison zu retten – dies gelang jedoch nicht. Bekanntlich stuften Belgien und Deutschland erst vor wenigen Tagen unter anderem Vorarlberg als Risikogebiet ein.

Gabi Micheluzzi ist Geschäftsführerin der Bregenzer Hochzeitsfeen. <span class="copyright">Hochzeitsfeen</span>
Gabi Micheluzzi ist Geschäftsführerin der Bregenzer Hochzeitsfeen. Hochzeitsfeen

Auf Probe gestellt

Dieses Hin und Her von Lockerungen und Verschärfungen führt indes nicht nur dazu, dass die Nerven von so manchem Brautpaar einer extremen Belastungsprobe ausgesetzt waren und in vielen Fällen weiterhin sind, sondern die gesamte Hochzeitsbranche auf eine harte Probe gestellt wurde. Die NEUE hat sich bei entsprechenden Dienstleistern umgehört, wie für sie dieses außergewöhnliche Hochzeitsjahr verlaufen ist.
Gabi Micheluzzi etwa ist seit über 20 Jahren in der Hochzeitsbranche tätig und ist Geschäftsführerin vom Bregenzer Unternehmen „Die Hochzeitsfeen“. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und bringt die derzeitige Situation mit nur wenigen Worten auf den Punkt: „Die gesamte Situation ist ganz, ganz furchtbar. Nur um den Wintertourismus zu retten, andere sterben zu lassen, puh. Das ist für mich sehr schwer zu verstehen.“

Umsatzeinbußen von 80 Prozent

Gemeinsam mit ihren zehn Mitarbeitern begleitet die erfahrene Hochzeitsplanerin in einem normalen Jahr über 300 Eheschließungen. „Eigentlich hätten wir sieben Monate Hochsaison. Heuer waren es jedoch gerade einmal sieben Wochen und wir haben lediglich 51 Hochzeiten betreut – 60 wurden komplett abgesagt, der Rest auf die kommenden Jahre verschoben. Aber wenn wir ehrlich sind: wir wissen ja nicht, was nächstes Jahr ist“, so die ernüchternde Bilanz der Geschäftsführerin, die ergänzt: „Zu 99 Prozent sind wir heuer am Tränen trocknen. Besonders dramatisch ist auch, dass wir alleingelassen werden. Wir bekommen keine Unterstützung vom Land oder vom Bund.“ Micheluzzi rechnet heuer mit Umsatzeinbußen von über 80 Prozent im Vergleich zu einem normalen Jahr.
Aus ihrer Sicht werde derzeit die gesamte Eventbranche im Regen stehen gelassen, erklärt Gabi Micheluzzi weiter. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass die Eventbranche keine eigene Sparte innerhalb der Wirtschaftskammer habe. So würde sich niemand so richtig zu ständig fühlen und es gebe niemanden, der sich für die entsprechenden Dienstleister einsetzen würde. „Wir haben alles Mögliche probiert, um auf uns aufmerksam zu machen. Aber nichts hat geholfen. Jeder Antrag, den ich gestellt habe, wurde abgelehnt. Wir bekommen nichts“, so die Hochzeitsfeen-Geschäftsführerin weiter. Von nun an bis April drohe das Geschäft weiter stillzustehen: „Neben Hochzeiten wurden heuer auch sämtliche Maturabälle, der Gildenball sowie Weihnachtsfeiern und andere Firmenveranstaltungen abgesagt.“ Veranstaltungen, bei welchen die „Hochzeitsfeen“ zusätzlich zum Hauptgeschäft „Ehe und Hochzeit“ oftmals beauftragt werden, für das passende Ambiente und die besondere Dekoration zu sorgen.

Karin Peer organisiert Feierlichkeiten auf Schloss Amberg in Feldkirch. <span class="copyright">Peerfect Events</span>
Karin Peer organisiert Feierlichkeiten auf Schloss Amberg in Feldkirch. Peerfect Events

Kurzfristigkeit

Für Gabi Micheluzzi ebenfalls alles andere als ideal: „Die Branche erfährt von neuen Maßnahmen und Empfehlungen seitens der Bundesregierung oftmals erst aus den Medien.“
Ähnlich sieht dies Karin Peer. Sie ist Geschäftsführerin der Wolfurter Event­agentur „Peerfect Events“ und betreut sämtliche Feierlichkeiten auf Schloss Amberg in Feldkirch. Peer berichtet im NEUE-Gespräch, dass normalerweise auf dem Schloss pro Jahr durchschnittlich 60 Hochzeiten mit etwa jeweils 60 bis 80 Gästen stattfinden. „Heuer hatten wir hingegen nur acht Hochzeiten mit 30 bis 50 Gästen“, so die ernüchternde Bilanz von Peer. Ein Großteil der Feierlichkeiten sei von heuer auf das kommende Jahr verschoben worden. Und: „Brautpaare, die ursprünglich 2021 heiraten wollten, verschieben bereits jetzt auf 2022, weil es ihnen zu unsicher ist“, so die erfahrene Eventmanagerin weiter.

Zweiter Shutdown

Mit diesem beinahe zweiten „Shutdown“ für die Branche in diesem Jahr habe sie nicht gerechnet, so Peer: „Ich bin davon ausgegangen, dass bei steigenden Infektionszahlen im Herbst es zwar wieder zu einer Begrenzung der Personenanzahl kommen würde. Aber damit, dass nicht mehr als zehn Gäste erlaubt sein würden, habe ich nicht gerechnet.“ Auch Karin Peer kritisiert die nach ihrem Dafürhalten schlechte Informationspolitik seitens der Regierung: „Am Freitag wird es bei der Pressekonferenz verkündet und am Montag wird es umgesetzt. Doch eine Hochzeit hat – das muss man bedenken – normalerweise eine Vorlaufzeit von mindestens einem Jahr. So kurzfristig können wir kaum reagieren“, so Peer.
Wenig zu tun hatte heuer auch Sabrina Elsensohn. „Eigentlich haben so gut wie keine Hochzeiten stattgefunden. Und jetzt, wo viele Eheschließungen hätten stattfinden sollen, gibt es erneut Einschränkungen aufgrund von Corona“, berichtet die Rednerin für freie Trauungen aus Frastanz. Auch sie musste viele Termine von heuer ins nächste Jahr und teilweise sogar ins Jahr 2022 verschieben. „Vielen Paaren ist es selbst nächstes Jahr noch zu unsicher. Man weiß nicht, was einen erwartet.“

Fotograf Andreas Uher. <span class="copyright">Archiv/Mediart</span>
Fotograf Andreas Uher. Archiv/Mediart

Auch wenn die Hochzeitsfotografie nicht das Hauptstandbein von Andreas Uher (Mediaart) ist, spürt auch der Fotograf aus Hard die Corona-bedingte Hochzeits­flaute in diesem Jahr: „Über alle Geschäftsfelder hinweg verzeichnen wir aufgrund des zweimonatigen Lockdowns heuer einen Umsatzentgang von circa 30 bis 35 Prozent.“ Viele heiratswillige Paare seien äußerst frustriert darüber, dass ihr Vorhaben weiterhin auf derart wackligem Fundament stehe. „Wir haben bereits jetzt Vorbesprechungen für das kommende Jahr gehabt. Wobei auch hier schon einzelne Paare dabei waren, die nach den neuerlichen Verschärfungen ihre Hochzeit komplett auf Eis gelegt haben.“

Von Constance Stickler gestaltete Hochzeitspapeterie.<span class="copyright"> MorganeBallPhotography</span>
Von Constance Stickler gestaltete Hochzeitspapeterie. MorganeBallPhotography

Datum weggelassen

Auf ein eher durchwachsenes Jahr blickt auch Constance Stickler zurück. Sie bietet unter dem Label „Wolkengold“ individuelle Papeterie an. „Im Mai hat genau eine einzige Hochzeit stattgefunden, bei der ich beteiligt gewesen bin. Bei Terminen im Juni und Juli haben wir es aufgrund der unsicheren Situation so gelöst, dass wir zwar die Designs der Einladungskarten fertiggestellt, aber das Datum freigelassen haben. Extrem viele haben jedoch auf nächstes Jahr verschoben“, berichtet Stickler. Auch wenn sie noch keine konkreten Zahlen nennen könne, rechnet sie für heuer mit Umsatzeinbußen zwischen 50 und 75 Prozent.

Gute Buchungslage

Zwar auch in der Hochzeitsbranche tätig, aber nicht ganz so hart wie andere Dienstleister wurde Sigrid Pfeifer von den Auswirkungen der Corona-Pandemie getroffen. Pfeifer steht dem Götzner Geschäft „Brautschatz Hochzeits- und Festmoden“ vor. „Unsere Buchungslage ist im Moment super. Wir konnten den Umsatzverlust von März und April gut abfangen. Aber vieles verlagert sich auch bei uns ins nächste Jahr. Wir müssen bereits jetzt darauf achten, wie wir dann mit unseren Kapazitäten haushalten. Denn läuft die Verkaufssaison weiterhin so gut, haben wir aufgrund der Verschiebungen von heuer ins nächste Jahr ja doppelt so viel zu tun. Wir müssen dann vor allem bei Änderungsarbeiten darauf achten, dass es nicht zu einem Stau kommt.“
Aber auch im Geschäft von Sigrid Pfeifer musste so manche Träne von der einen oder anderen verzweifelten Braut trocknen. „Leider haben wir in den vergangenen Monaten auch Totalabsagen von Hochzeiten und sogar Trennungen von Brautpaaren erleben müssen“, so Sigrid Pfeifer.

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