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Manchmal erwacht die Teenagerin in mir

27.09.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Wenn ich Fotos von mir an-schaue, und ich es schaffe, nicht herumzunörgeln, sondern ganz wertfrei die mittelalter-liche Heidi betrachte, kann ich hinter dem Gegenwartsgesicht noch immer die 17-jährige Teenie-Heidi erkennen. Es ist ein wenig wie eine dieser Video-aufnahmen anzusehen, in der in rasantester Geschwindigkeit Ba-bygesichter in die eines Greises verwandelt werden und die Vergangenheit immer für eine Zehntelsekunde hinter dem neu-en Ich zu erkennen ist. Genauso wie die 17-jährige „Salmi“ noch leicht verschwommen an mir zu erkennen ist, genauso ist sie auch immer noch irgendwo in mir drin. Sie ist da, wenn ich die Küche in die Discotanzfläche der 90er verwandle und zu Ace of Bases „All that she wants“ meinen definitiv nicht mehr 17-jährigen Körper durch die Gegend schwinge und dann, um einen Kontrapunkt zu setzen, zu Metallica headbangend das Ge-schirr abwasche. Meinen Töch-tern ist das furchtbar peinlich, und mir ist das wurscht. Die nachpubertierende Heidi ist aber auch anwesend, wenn die 45-jährige mit einem nett lächelnden Mann einen feinen Wandertag ausgemacht hat. Während die ungestresste und tiefenentspannte Frau in den besten Jahren sich auf einen schönen Tag in den Bergen freut, dreht die 17-jährige fast durch. Ihr wird übel vor lauter Nervosität, und sie führt sich auf, als würde sie gleich einen der Backstreet-Boys persön-lich treffen. Unglaublich. Dann versuche ich die ganze Wanderung lang, die wurlige Heidi zu beruhigen, lei-der chancenlos. Der ist nämlich vor Aufregung inzwischen so richtig schlecht. Beide Heidis stehen dann da, betrachten den Berghang, sehen flimmernde Sterne, und der nett lächelnde Mann schaut nur bedauernd und meint, dass es wohl besser wäre, umzukehren. Heidi (45) zwingt sich zu einem Lächeln. „Nein, alles bestens, weiter geht’s!“, während Heidi (17) sich nichts sehnlicher wünscht als ein Speibsackerl, eine Couch und eine Netflixserie. Ganz offensichtlich und unge-niert raus darf die Teenie-Heidi aber, wenn die beste Freundin im Haus ist. Jene Freundin, die man schon seit der Volksschule kennt. Vor der man rülpsen kann, und man sich danach vor Lachen nicht mehr einkriegt.Mit der man die Küche zur heißen Disco macht (während unsere Kinder sich alle in ihren Zimmern einsperren) und mit der man sich über die vermeint-lich unwichtigsten Probleme er-holsam auslassen kann. Das alles mit dem Wissen, dass sich das bestimmt nicht ändern wird und wir noch als Großmütter die Augen unserer Enkelkinder zum Rollen und unsere Teenie-Ichs zum Tanzen bringen werden.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.