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Der lange Weg zu kurzen Haaren

04.10.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ich habe es getan. Ich habe jetzt kurze Haare. Das ist für mich neu, aber tatsächlich gar nicht so übel. Es war ein langwieriger Dreistufenprozess, bis ich diese – im wahrsten Sinne des Wortes – für mich einschneidende Entscheidung treffen konnte. Erstaunlich, welche Bedeutung man solch langen Zotteln bei­misst. Selbst dann, wenn man weder die Zeit noch das Talent hat, die Mähne so zu gestalten, dass sie halbwegs öffentlich­keitstauglich ist. Deshalb bin ich immer mit einem sogenannten „Mess­Dutt“ durch die Gegend gelaufen, mit unfassbar tiefer Dankbarkeit, das so eine unkompliziert unor­dentliche Frisur gerade total hip ist. Als ich dann eines Morgens aufgestanden bin, mir zum gefühlten millionsten Mal den Haardutt an meinem Kopf hochgekrempelt habe und mir mein Spiegelbild den Kopf von Kasperls Großmutter gezeigt hatte, war Schluss mit lustig. Ich bat meine Friseurin um einen Termin, möglichst sofort. Danach hatte ich ein bisschen weniger als schulterlanges Haar. War nett. Meine Haar­„Pracht“ (die Anführungszeichen sind hier ganz bewusst gesetzt) neigt aber dazu, in Höchstgeschwin­digkeit zu wachsen. Überall. Also auch am Kopf. Innerhalb kürzester Zeit war ich wieder in Dutt­Versuchung. Das konnte ich nicht zulassen, hatte sich doch das Kasperl­Oma­Spiegel­bild – untermalt mit dem Hor­rorklang der Duschszene aus „Psycho“ – fest in meinem Kopf eingebrannt. Also wieder Friseur. Ich habe die junge Dame gebeten, mir die Haare doch etwa auf Kinnlänge abzuschneiden, passiert ist dann Ohrläppchenlänge. Ich dürfte mich wohl äußerst unverständ­lich artikuliert haben, dafür entschuldige ich mich. Zuhause angekommen, war der Schock zuerst groß. Irgendwie habe ich ausgesehen wie ein äußerst miserables Remake von Chris Lohner. Nach langem Herumstylen und Probieren habe ich dann aber doch eine Form gefunden, die meines Erachtens recht passabel ausgesehen hat. Nach einem Monat, vor lauter Lust und Neugier, bin ich dann noch­mals zum Friseur. Nicht, ohne vorher sämtlich existierende Kurzhaarfrisuren durchrecher­chiert zu haben. Wenn ich schon mal drinnen bin, im Haarschnei­defieber, warum nicht gleich aufs Ganze.Jetzt hab ich sie, meine kurzen Haare, und ich finde sie sehr stimmig. Meine Töchter sind in­zwischen auch über den ärgsten Schock hinweg. Nur Kind zwei hat letztens gemeint, nachdem ich sie mit Bestimmtheit aufge­fordert habe, ins Bett zu gehen, dass ich mit langen Haaren eine viel nettere Person gewesen sei. Ich glaube, ich kann damit umgehen.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.