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04.10.2020 • 06:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Michael Ritsch ist neuer Bürgermeister der Landeshauptstadt. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Michael Ritsch ist neuer Bürgermeister der Landeshauptstadt. Klaus Hartinger

Michael Ritsch ist neuer Bürgermeister der Landeshauptstadt Bregenz.

Sie werden keine Koalition eingehen, Ihre Fraktion ist aber nur die zweitstärkste Kraft in der Stadtvertretung. Kommt eine Zeit der Blockade auf Bregenz zu?
Michael Ritsch:
Die anderen Fraktionen müssen sich entscheiden, ob sie die Zukunft von Bregenz gestalten wollen oder ob sie etwas blockieren möchten. Die erste Gesprächsrunde hat schon stattgefunden. Mit der ÖVP können wir Projekte mit einer breiten Mehrheit gestalten, und für die Grünen ergibt sich die Möglichkeit, gemeinsam mit Neos und uns Dinge umzusetzen, von denen sie in den vergangenen 15 Jahren nur träumen konnten. Es tun sich Optionen auf, man muss sie nur nutzen. Ich denke, die anderen Parteien haben das auch verstanden.

Es besteht aber die Möglichkeit einer schwarz-grünen Allianz in der Stadtvertretung, die all ihre Themen mit einer Mehrheit durchbringen könnte, und Sie als Bürgermeister könnten es nicht verhindern.
Ritsch:
Wenn sie Sachen durchbringen, die für die Stadt gut sind, ist das doch schön. Da bin ich ganz offen. Es gibt im Stadtrat auch erstmals eine rot-grüne Mehrheit gegen die ÖVP. Für die Grünen ergibt sich die Chance der Gestaltung, ohne die ÖVP zu benötigen. Mit mir haben sie sicher den besseren Partner für die Zukunft der Stadt. Aber sie können natürlich gemeinsam mit der ÖVP auch Projekte blockieren, die ich gerne hätte.

Wie zum Beispiel einen Eislaufplatz?
Ritsch:
Das habe ich schon in der Vergangenheit immer wieder gefordert, aber keine Mehrheit gefunden. Ich brauche in der Stadtvertretung dafür 19 Mandate, und die habe ich nur, wenn Teile der anderen Fraktionen mitstimmen. Aber wenn nicht 19 Stadtvertreter der Meinung sind, Bregenz bräuchte einen Eislaufplatz, dann ist das so. Da bin ich als Bürgermeister auch nicht beleidigt. So funktioniert Demokratie.

Michael Ritsch möcht ein Bürgermeister für alle sein. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Michael Ritsch möcht ein Bürgermeister für alle sein. Klaus Hartinger

Sie sind lange genug in der Politik, um zu wissen, dass die Mandatare in Bregenz nur selten gegen die vorgegebene Meinung der Partei abstimmen.
Ritsch:
Das war bisher so, aber es ist meine große Hoffnung, dass sich das ändert. Es gibt keine Regierung und Opposition. Was zählt, ist die beste Idee für Bregenz, egal von wem sie kommt. Zum ersten Mal in der Geschichte können alle frei abstimmen.

Sie haben gesagt, Sie wollen den Bahnhof so nicht bauen, und werden es erneut zur Abstimmung bringen. Schwarz-Grün haben den Bahnhof mit ihren Stimmen damals auf Schiene gebracht. Warum sollten sie davon abkommen?
Ritsch:
Markus Linhart hat in den vergangenen 22 Jahren die Stadt entwickelt und wird noch lange der längstdienendste Bürgermeister bleiben. Aber er führte die Stadt und die Partei mit eiserner Faust. Im Klub der ÖVP kenne ich viele, die in der Bahnhofsfrage eine andere Haltung haben, aber für den Bahnhof abgestimmt haben. Wenn sich nun eine neue Kultur etabliert, dadurch, dass die Führungsebene der ÖVP weggebrochen ist, kann das für die Stadt nur gut sein.

Wenn Sie Schwarz-Grün nicht von Ihrer Vision von Bregenz Mitte überzeugen können, dann wird Ihr Wahlkampf-Prestigeprojekt in der Schublade verschwinden, noch bevor Ihre Amtszeit richtig begonnen hat.
Ritsch:
Ich habe die große Hoffnung, dass es gelingt, ganz kurz die Stopptaste zu drücken. Nicht Projekte in die Schublade werfen, sondern zu pausieren und die Chance der neuen Konstellation in Bregenz zu nutzen, um alle wesentlichen Player an einem Tisch zu versammeln. Gemeinsam mit den Vertretern aller Parteien können wir dann beraten, was es braucht, um an einer ganz großen Lösung für Bregenz zu arbeiten.

Warum sollte die ÖVP, die in fünf Jahren den Bürgermeistersessel zurückgewinnen möchte, in den kommenden Jahren irgendwelche Zugeständnisse machen?
Ritsch:
Mein Ansatz ist ein anderer. Ich hoffe, dass alle Vertreter so viel bewegen möchten, dass es Bregenz besser geht. Wenn es dazu führt, dass ich in fünf Jahren nicht mehr Bürgermeister bin, kann ich gut damit leben. Landeshauptmann Markus Wallner sagte, ich solle mich warm anziehen. Ich nehme das sportlich, habe sogar schon einen neuen Schal geschenkt bekommen (lacht). Ich habe die Möglichkeit, es in meiner Legislaturperiode anders zu machen als in der Vergangenheit, und werde das mit aller Kraft versuchen.

Michael Ritsch wünscht sich für Bregenz ein politisches mit und nicht gegeneinander.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Michael Ritsch wünscht sich für Bregenz ein politisches mit und nicht gegeneinander. Klaus Hartinger

Veronika Marte wird von der ÖVP als Vizebürgermeisterin vorgeschlagen. Wird das Ihre Zustimmung finden?
Ritsch:
Ich bin der Meinung, dass die stärkste Partei ein Vorschlagsrecht hat. Ich gehe davon aus, dass sich Sandra Schoch als Gegenkandidatin aufstellen lässt. Eine dieser beiden Frauen braucht in der geheimen Abstimmung eine Mehrheit von 19 Stimmen. So einfach ist es.

Sie wollen den Bahnhof weiter ins Zentrum legen und sprechen sich auch für eine Unterflurlösung für die Bahn aus. Beides geht laut dem Autor der Machbarkeitsstudie aber nicht, weil die Bahn dann nicht mehr durch den Pfänderstock geführt werden kann. Was soll es nun sein?
Ritsch:
Muss die Bahn unter dem Landhaus durch in den Pfänderstock? Ein bekannter Bregenzer Bauträger, der auf der ganzen Welt Bahnprojekte realisiert, sagte, es müsste möglich sein, die Bahn binnen drei Jahren am bestehenden Gleisverlauf unter die Erde zu legen.

Gunter Zierl, Autor der Machbarkeitsstudie, ist deshalb von einer Unterflurlösung am See abgekommen, um zum einen das Trinkwasserreservoir Bodensee nicht zu gefährden, und zum anderen, um Bauarbeiten im schwierig zu bearbeitenden Seeton zu verhindern.
Ritsch:
Die Machbarkeitsstudie und die Bestvariante durch den Pfänderstock sind aber bereits 20 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob man die Bezirkshauptmannschaft, die in der Zwischenzeit gebaut wurde, untergraben kann. Und wie gesagt, es gibt Experten, die eine Umsetzung binnen drei Jahren für machbar halten.

In Ihrem Wahlprogramm haben Sie 26 Punkte ausgearbeitet, die Sie umsetzen wollen. Was hat Priorität?
Ritsch:
Eine Herzensangelegenheit ist natürlich Bregenz Mitte. Das wird eines der ersten Projekte sein. Dann wollen wir Schritt für Schritt die Punkte abarbeiten. Das erwarte ich mir aber auch von den anderen Fraktionen. Sie sollen ihr Wahlprogramm in Form von Anträgen einbringen. Dann sollen die Stadträte in ihren Ressorts die Zukunft von Bregenz gestalten und nicht parteipolitisch gegeneinander arbeiten.

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