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„Autoritäre Strukturen haben zugenommen“

05.10.2020 • 06:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Soziologin Erika Geser-Engleitner im Gespräch. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Soziologin Erika Geser-Engleitner im Gespräch. Klaus Hartinger

Erika Geser-Engleitner über Auswirkungen von Corona-Krise auf Gesellschaft.

Seit über einem halben Jahr bestimmt die Corona-Pandemie das Leben der Menschen. Welche Auswirkungen kann ein derart langer Zeitraum ständiger Unsicherheit und Bedrohung auf eine Gesellschaft haben?
Erika Geser-Engleitner:
Die Gesellschaft kann man systemtheoretisch in verschiedene Funktionssysteme zerlegen: Gesundheit, Erziehung, Wissenschaft … Wenn man nun schaut, welches Funktionssystem besonders davon betroffen ist, wurde ja anfangs davon ausgegangen, dass es das Krankheitssystem vielleicht nicht mehr schafft. Das hat das Funktionssystem Politik auf die Bühne gerufen. Die hat daraufhin, um das Gesundheitssystem zu schützen, massiv in andere Systeme eingegriffen: Wirtschaft, Bildung usw. Daher hat Corona Auswirkungen auf alle Funktionssysteme. Um das Gesundheitssystem zu schützen, ziehen wir alle anderen Systeme in große Mitleidenschaft.

Wie geht es dem Individuum dabei?
Geser-Engleitner:
Das kommt darauf an, wo er oder sie bedroht ist. Wenn jemand gesundheitlich bedroht ist, ist das dominant. Wir wissen, dass mittlerweile fast ein Drittel der Bevölkerung dem zuzuordnen ist. Die Auswirkungen sind Rückzug und in der Folge Vereinsamung, psychische Erkrankungen. Wenn ich in einem Wirtschaftssystem tätig bin, kann es sein, dass mir aufgrund der Corona-Auflagen auf einmal die Existenz unter den Füßen weggezogen wird. Da kann es dann zu einer Art Wettbewerb zwischen den Systemen kommen.

Inwiefern?
Geser-Engleitner:
Das haben wir etwa zurzeit mit den Wirten, die sagen, für den Wintertourismus sperrt man jetzt prophylaktisch zu. Immer wenn man in so ein Gesamtsystem eingreift, bringt man Unruhe hinein, und es entstehen unbeabsichtigte Wirkungen. Zum Beispiel jene, dass durch die Maskenpflicht weniger eingekauft wird.

Es hat jetzt aber den Anschein, dass der Widerstand gegen die Regeln größer wird. Warum?
Geser-Engleitner:
Ein gutes halbes Jahr ist eine relativ lange Zeit. Es hat zwar eine Gewöhnung an die Umstände stattgefunden. Aber langsam geht uns der Sinn der Maßnahmen verloren. Menschen brauchen einen Sinn, um etwas in ihr Handeln einfließen zu lassen. Wenn kaum Infektionszahlen da sind, wie etwa im ländlichen Bereich, dann geht den Menschen der Sinn verloren, und das ist das große Problem.

Durch den Eingriff in das Gesamtsystem entsteht Unruhe. Beispielsweise wird durch die Maskenpflicht weniger eingekauft. <span class="copyright">Mirjam Mayer</span>
Durch den Eingriff in das Gesamtsystem entsteht Unruhe. Beispielsweise wird durch die Maskenpflicht weniger eingekauft. Mirjam Mayer

Auch die Anzahl derer, die sich auf Verschwörungstheorien stützen, scheint größer zu werden. Wie lässt sich das erklären?
Geser-Engleitner:
Verschwörungstheorien häufen sich dann, wenn ein ganz intensives Gefühl und Kontrollverlust da sind. Der Mensch will sich die Dinge erklären. Dann sucht man auch gerne Schuldige. Weil nicht klar ist, warum es jetzt so ist, entstehen Konstrukte im Menschen. Wir müssen uns Dinge erklären, und wenn wir das nicht können, erfinden wir Dinge.

Wobei diese Konstrukte manchmal schon abenteuerlich sind.
Geser-Engleitner:
So ist es. Es ist eine Mischung aus einigen nachprüfbaren Fakten und ganz viel Konstrukt. Das Muster ist aber immer dasselbe: Es gibt jemanden, der uns Böses will, und dieses Böse will eigentlich die Weltherrschaft. Das ist das Grundprinzip von Verschwörungstheorien. Damit kann man schwer umgehen, weil die Menschen, die daran glauben, für rationale Fakten nicht zugänglich sind, aber unterstützen muss man sie nicht.

Mit der Krise ist auch die Arbeitslosigkeit gestiegen. Was bedeutet zunehmende Arbeitslosigkeit für eine Gesellschaft?
Geser-Engleitner:
Da gibt es eine Mikroebene und eine Makroebene. Auf der Mikroebene ist der einzelne Mensch betroffen. Da wissen wir, dass die gesundheitlichen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit gerade im ersten Jahr hoch sind. Zudem kommt es zu einem Spaltungsprozess in der Gesellschaft zwischen denen, die Arbeit haben, und denen, die keine Arbeit haben. Wichtig ist auch, wie mit den Arbeitslosen umgegangen wird. Wird die Arbeitslosigkeit als individuell verschuldet betrachtet oder als Ergebnis der Umstände?

Das Ausbleiben von Gehalt kann weitläufige Folgen haben. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Das Ausbleiben von Gehalt kann weitläufige Folgen haben. Shutterstock

Und die Makroebene?
Geser-Engleitner:
Durch die hohen Arbeitslosenzahlen steigen die Ausgaben des Staates. Die müssen aber finanziert werden, und dort haben wir momentan ein Riesenproblem: Wir nehmen eine Anleihe bei der nächsten Generation auf. In der Regel wird dann je nach politischer Intention auch ausgabenseitig gekürzt, etwa bei Sozialleistungen, und dann haben wir einen Teufelskreislauf.

Das heißt?
Geser-Engleitner:
Das Individuum hat weniger Geld, wobei die Ausgaben nur bedingt reduzierbar sind, etwa beim Wohnen. Von Armut und Armutsgefährdung ist immer auch ein hoher Anteil an Kindern betroffen. Wir wissen, dass sich die ökonomische Situation in den Elternhäusern massiv auf die Bildung auswirkt. Hohe Arbeitslosigkeit führt eben auch zur vorher erwähnten Spaltung in der Gesellschaft, die ja ohnedies fortschreitet. Je höher die Arbeitslosigkeit, umso größer die Spaltung, umso größer die Unruhen, bis dahin, dass manche sich fragen, ob sie noch etwas zu verlieren haben. Arbeitslosigkeit ist einer der gefährlichsten Indikatoren einer Gesellschaft.

Während sich die jüngere Generation, die von den medizinischen Auswirkungen der Pandemie nicht so stark betroffen ist, zu Beginn noch streng an die Regeln gehalten hat, scheint sich das jetzt zu ändern. Womit hat das zu tun?
Geser-Engleitner:
Am Anfang der Pandemie war das ein Riesenschock für die Gesamtgesellschaft. Da haben alle, auch die Jungen, an einem Strang gezogen. Dann war von Corona-Partys der Jungen die Rede. Als sich die Situation wieder stabilisiert hat, waren es natürlich die Jungen, die als erste wieder Kontakt gesucht haben. Für Jugendliche in ihrer Ablösung vom Elternhaus sind Freunde die wichtigste Bezugsgruppe. Das kann mit Smartphones nicht ausgeglichen werden. Dass Jugendliche ihre Freunde besuchen, ist auch zentral für ihre Gesundheit.

Die Solidarität zwischen den Generationen wird subjektiv höher empfunden. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Die Solidarität zwischen den Generationen wird subjektiv höher empfunden. Shutterstock

Sie müssen also ihre Freunde treffen?
Geser-Engleitner:
Es ist ein Grundbedürfnis der Jugend, sich zu treffen, und wir als Gesellschaft tun gut daran, dieses Grundbedürfnis zu akzeptieren. Dazu kommt, dass die Qualität der Ausbildung Heranwachsender teils massiv zurückgegangen ist. Sie wissen auch, dass der Schuldenberg, der jetzt gemacht wird, von irgendwem finanziert werden muss, und das sind sie. Die Jungen haben kaum schwierige Krankheitsverläufe, und daher haben sie das Gefühl, sie machen es für die anderen. Das bedeutet nicht, dass sie unsolidarisch sind.

Die anfangs so gepriesene Solidarität zwischen den Generationen ist also noch vorhanden?
Geser-Engleitner:
Ich habe immer infrage gestellt, ob die Solidarität am Anfang empirisch wirklich höher war. Mit dieser Einkaufsaktion hatte man das subjektive Gefühl. Aber wenn man verunsichert ist, schaut man, was machen die anderen. Die Wissenschaft sagt aber, dass wir in Extremsituationen nur unsere individuellen Tendenzen ver­stärkt ausleben, das heißt, wenn ich sonst auch sozial und hilfsbereit bin, dann lebe ich das in einer Extremsituation intensiver aus. Wenn ich auch sonst eher egoistisch orientiert bin, dann lebe ich auch das intensiver aus.

Wie lange hält eine Gesellschaft eine solche Situation aus beziehungsweise. wie kann sich das weiterentwickeln?
Geser-Engleitner:
Diese Frage fand ich schon von Anfang an spannend. Wir sehen, dass in Europa autoritäre Strukturen massiv zugenommen haben. Gesetze und Gesetzesauslegungen haben unser ganzes Leben bestimmt. Es ist die ideale Zeit, um autoritäre Machtstrukturen zu festigen. Den schwedischen, skandinavischen Umgang mit der Pandemie, der auf Selbstverantwortung setzt, könnten wir nicht eins zu eins auf Österreich übertragen, weil wir kulturell nicht die Basis dafür haben.

Was heißt das?
Geser-Engleitner:
In den skandinavischen Ländern geht es schon von klein auf in allen Lebensbereichen viel mehr in Richtung Selbstverantwortung, ohne dass sich der Sozialstaat zurückzieht. Aber der Mensch gibt die Verantwortung nicht ab, und dann kann ich in einer schwierigen Situation auf diese Selbstverantwortung setzen. Wenn das in einer Gesellschaft aber noch nicht so ausgeprägt, dann ist der Ruf nach der starken Führung ganz laut. Es ist auch bequemer. Jetzt sehe ich in Europa aber Tendenzen, die eigentlich Rückschritte sind, Rückschritte in Hinblick auf Führungsstil und Wertehaltung. Wir sind wieder eine Art Neo-Biedermeier, wir ziehen uns zurück.

Zur Person

Prof.in (FH) Mag.a Dr.in Erika Geser-Engleitner

Geboren 1964. Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin, Soziologin.

Dozentin an der Fachhochschule Vorarlberg, Leiterin zahlreicher nationaler und internationaler Forschungsprojekte.

Forschungsschwerpunkte: Pflege- und Betreuungssysteme, Familie und Generationen, Wohnungslosigkeit, Armuts-/Reichtumsforschung, Evaluierung von Projekten und Maßnahmen.

Aber das geht doch schon länger so, oder?
Geser-Engleitner:
Ja, aber es wird durch diese Tendenzen noch verstärkt. Dieser gesellschaftliche Rückzug macht mir Kummer. Noch mehr Kummer machen mir aber diese wachsenden autoritären Strukturen. Wenn ich derzeit Spanien mit Ungarn vergleiche, weiß ich nicht, wo seitens der Regierung die autoritäreren Strukturen sind. Wir müssen gesellschaftlich gut darauf schauen, dass wir nichts von unserer Demokratie verlieren. Das wäre sonst die schlimmste Folgewirkung überhaupt.

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