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„Auf politischer Ebene passiert zu wenig“

11.10.2020 • 14:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Jule Flöter und Johannes Hartmann von Fridays for Future Vorarlberg. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Jule Flöter und Johannes Hartmann von Fridays for Future Vorarlberg. Roland Paulitsch

Johannes Hartmann (24) und Jule ­Flöter (14) von Fridays for Future Vorarlberg.

Fridays for Future hat im Vorjahr einen regelrechten Hype erlebt. Der wurde mit der Corona-Krise abrupt gestoppt. Oder wie seht ihr das?
Johannes Hartmann:
Die Klima-Krise hat vor der Corona-Krise viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das stimmt auf jeden Fall. Es ist natürlich schade, dass die Aufmerksamkeit jetzt ein bisschen wegfällt, aber ich bin voll überzeugt, dass sie wieder kommen wird. Wir merken das jetzt schon: Bei einem Streik in Wien kamen unlängst 6000 Leute – trotz Corona. Das ist ein starkes Zeichen. In ganz Österreich waren es 10.000. In Vorarlberg haben wir statt einer Großdemo eine kleine Aktion und eine Social-Media-Challenge veranstaltet. Ich habe das Gefühl, es kommt auf jeden Fall wieder. Aber jetzt steht die Corona-Krise im Vordergrund, und das ist auch berechtigt. Trotzdem sollte man beide Krisen kombiniert behandeln und nicht die Klimakrise komplett ignorieren.

Warum scheint die Klimakrise auf sehr viele Menschen nicht so bedrohlich zu wirken?
Jule Flöter:
Vielleicht weil bei der Corona-Krise fast jeder jemanden kennt, der schon infiziert war. Bei der Klimakrise kriegen wir hier die Folgen noch nicht so drastisch mit.
Hartmann: Dem schließe ich mich an. Die Corona-Krise ist eine persönliche Bedrohung, die man auch so empfindet. Die Klimakrise kann das auch werden, ist aber nicht so direkt und betrifft nicht jeden sofort. Das dürfte ein wichtiger Aspekt sein. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass schon jetzt, besonders im globalen Süden, viele Menschen an den Folgen der Klimakrise sterben oder ihre Heimat verlassen müssen. Es besteht also bei beiden Krisen akuter Handlungsbedarf.

Martin Staudinger (Bürgermeister Hard, SPÖ) unterzeichnet die Klimaländle-Forderungen. <span class="copyright">Fridays for Future Vorarlberg</span>
Martin Staudinger (Bürgermeister Hard, SPÖ) unterzeichnet die Klimaländle-Forderungen. Fridays for Future Vorarlberg

Wird Fridays for Future wieder so viel Aufmerksamkkeit bekommen wie vor der Corona-Krise?
Hartmann:
Schwierig zu sagen, ich glaube allerdings schon, dass das wieder kommen wird, allein schon, weil die Folgen der Klimakrise drastischer und drastischer werden und man die immer weniger ignorieren kann. Wenn die Menschen sehen, dass es auch bei uns so weit ist oder Krisenmeldungen von überall herkommen, dann wird das Thema wieder ganz oben auf der Agenda stehen. Davon bin ich überzeugt.
Flöter: Wir haben bei unserer Kampagne zur Gemeinderatswahl bemerkt, dass die Klimakrise nicht vergessen wurde. Die Reaktion der Gemeinden hat gezeigt, dass das Bewusstsein nicht verloren gegangen ist. Auch die Unterschriften von drei Landesparteichefs – Martin Staudinger, Johannes Rauch und Sabine Scheffknecht – zeigen, dass zumindest Teile der Politik die Sachlage weiterhin ernst nehmen. Die Klimakrise ist und bleibt eines der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit, und deswegen mache ich mir wenig Sorgen darum, ob die Aufmerksamkeit wieder kommt, lediglich darum, dass die Zeit knapp wird.

Was habt ihr mit Fridays for Future Vorarlberg in nächster Zeit für Pläne?
Flöter:
Wir hatten jetzt unsere Klimaländle-Kampagne, und die werden wir jetzt nachbearbeiten.
Hartmann: Es wurden bei den Gemeindewahlen einige gewählt, die unsere Forderungen – die Klimaländle-Forderungen – unterzeichnet haben, einige, wie Martin Staudinger in Hard und Michael Ritsch in Bregenz, wurden auch Bürgermeister. Wir werden jetzt mit denen allen noch mal in Kontakt treten und speziell mit den Bürgermeistern, die jetzt Möglichkeiten zur Umsetzung hätten, und mit ihnen Gespräche führen. Insgesamt haben fünf Bürgermeister unsere Forderungen unterschrieben – neben Ritsch und Staudinger noch Dieter Egger in Hohenems, Andi Haid in Mittelberg und Jürgen Bachmann in Zwischenwasser.

Wie viele Leute sind eigentlich in Vorarlberg bei Fridays for Future aktiv?
Hartmann:
Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Im Organisationsteam sind wir zwischen zehn und 20 Leute, im weiteren Umfeld finden sich viele Interessierte und Unterstützer, und auf den Streiks sind wir mehrere Tausend.

Was habt ihr für einen Eindruck, wie ernst die Politiker im Land die Klimakrise nehmen?
Flöter:
Es kommt darauf an, aber ich glaube, dass grundsätzlich schon das Verständnis da ist, dass was getan werden muss. Insgesamt haben 44 Fraktionen aus den Gemeinden unsere Forderungen unterschrieben. Daher glaube ich schon, dass zumindest in ein paar Gemeinden das Bewusstsein da ist und auch der Wille, etwas zu tun.
Hartmann: Es gibt natürlich immer einige, die den Willen zeigen, und es freut uns auch, wenn die Mehrheiten in Gemeinden kriegen. Aber grundsätzlich wäre schon noch mehr drin. Das Land zum Beispiel hat ja einen Klimanotstand ausgerufen, und dem folgen bisher kaum Taten, und das lässt sich überall beobachten. Das war auch ein Grund dafür, dass wir in die Gemeinden gegangen sind. Wir haben gedacht, da ist vielleicht noch mehr Potenzial, dass Veränderungen wirklich angestrebt werden auf ihrem Gebiet.

Michael Ritsch (Bürgermeister Bregenz, SPÖ) unterzeichnete die Forderungen der Aktivisten ebenfalls. <span class="copyright">Fridays for Future Vorarlberg</span>
Michael Ritsch (Bürgermeister Bregenz, SPÖ) unterzeichnete die Forderungen der Aktivisten ebenfalls. Fridays for Future Vorarlberg

Das heißt, es passiert auf politischer Ebene noch zu wenig?
Hartmann:
Viel zu wenig.

Warum engagiert ihr persönlich euch eigentlich bei Fridays for Future?
Flöter:
Ich habe das erste Mal vor vier Jahren in der Schule davon gehört. Damals habe ich mir schon gedacht, wie kann es sein, dass so wenig gegen die Klimakrise getan wird. Ich bin dann auch auf die Streiks gegangen, und irgendwann habe ich mir gedacht, ich will mehr tun. Ich habe dann mitgeholfen, die Streiks zu organisieren, und mir ist es einfach ein persönliches Anliegen, dass die Politik das endlich ernster nimmt. Es geht um unsere Zukunft und die folgender Generationen.
Hartmann: Ich habe mich lange Zeit mehr darauf fokussiert, was ich persönlich alles zum Schutz der Umwelt tun kann: kein Auto haben, beim Einkauf schauen, wo und wie Lebensmittel produziert werden usw. Ich habe dann einfach gemerkt, dass das allein nicht zielführend ist. Ich kann darauf schauen, aber es gibt viele Menschen, die nicht die finanziellen und andere Voraussetzungen bzw. Möglichkeiten haben, das zu machen. Mir war dann klar, dass da auf einer anderen Ebene etwas passieren muss. Das ist der Grund, warum ich bei Fridays bin, weil ich überzeugt bin, dass die Politik was tun muss.

Noch kurz ein Themenwechsel: Derzeit geistert die Meinung herum, dass vor allem junge Menschen „schuld“ an den steigenden Corona-Fallzahlen sind. Wie seht ihr das?
Hartmann:
Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass sich Junge schwertun, die sozialen Kontakte zu begrenzen. Aber ich würde es wichtig finden, dass auch junge Leute darauf schauen, andere nicht zu gefährden. Ich persönlich achte sehr darauf.

Zu den Personen

Johannes Hartmann

Geboren 1996 in Au/Bregenzerwald, lebt in Dornbirn. Krankenpfleger am LKH Hohenems.

Jule Flöter

Geboren 2006 in Sterzing/Südtirol, lebt in Hard. Schülerin am BG Blumenstraße in Bregenz.

Wie ist es eigentlich für euch, wenn alle Lokale um 22 Uhr schließen müssen?
Flöter:
Mich persönlich betrifft das weniger. Ich bin um diese Zeit höchstens mal mit der Familie essen gegangen. Ich sehe es aber bei meiner Schwester, die ist älter. Die vermisst das längere Feiern schon, aber sie sieht es schon ein, und dann ist es halt so.
Hartmann: Bei mir ist es jetzt auch nicht so dramatisch. Ab und zu täte man schon gern, aber man kann ja auch mal daheim bleiben. Für mich ist es nicht so schlimm, aber ich kenne viele, denen das wirklich weh tut.