Allgemein

Eltern für Aufgaben des Alltags stärken

11.10.2020 • 08:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Fruchtender Austausch: In Coachinggruppen sollen Eltern in ihrem herausfordernden Alltag unterstützt werden. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Fruchtender Austausch: In Coachinggruppen sollen Eltern in ihrem herausfordernden Alltag unterstützt werden. Shutterstock

„Netz für Kinder“ macht mit talENTE.schmiede Projekt. Angebot nur für Eltern.

Seit mehr als 20 Jahren unterstützt die Vorarlberger Organisation „Netz für Kinder“ Heranwachsende in schwierigen familiären Situationen vor allem über die Projekte „Sozialpädagogische Kindergruppen“, „Ehrenamt“ und „talENTE.mobil“ (siehe Factbox „Weitere Projekte“). Mit diesem Herbst ist nun ein neues Projekt hinzugekommen. Bei der vom Netz für Kinder finanzierten und vom Institut für Sozialdienste (ifs) durchgeführten „talENTE.schmiede“ handelt es sich um ein Gruppenangebot, welches sich an Eltern richtet. Betreut werden die Coachinggruppen von Annette Heinzle und Nicole Fink. Heinzle ist Klinische- und Gesundheitspsychologin und verantwortet beim ifs den Fachbereich Familienarbeit. Sozialarbeiterin Fink ist ebenfalls beim ifs tätig und leitet die talENTE.schmiede-Gruppen. Seit September gibt es eine Elterncoachinggruppe in Bludenz, eine weitere Gruppe soll im Dezember in Dornbirn dazukommen.
Wie Heinzle auf NEUE-am-Sonntag-Anfrage mitteilt, sei man bereits seit mehreren Jahren immer wieder auf der Suche nach einem geeigneten Setting gewesen, in welchem „die Kraft und die Energie aus der Gruppe, also von den Familien selbst kommt.“

Information

Netz für Kinder

Der private Verein „Netz für Kinder“ wurde vor 24 Jahren von Hubert Löffler und Franz Abbrederis aus der Taufe gehoben. Der Verein unterstützt Kinder in schwierigen familiären Situationen, vor allem über die Projekte „Sozialpädagogische Kindergruppen“, „Ehrenamt“ und „talENTE.mobil“. Neu ist nun das Projekt talENTE.schmiede, welches sich erstmalig nicht an Kinder, sondern an deren Eltern richtet.

Website: www.netz-fuer-kinder.at

Spendenkonto: AT98 5800 0122 6172 9111 / BIC: HYPVAT2B

Erziehungsalltag

Denn im Rahmen von Coachinggruppen, erklärt Fink, sollen Eltern in ihrem herausfordernden Erziehungsalltag mit Kindern und Jugendlichen begleitet und unterstützt werden. Geschehen soll dies in Gruppen von zwölf Elternteilen – aufgrund von Corona sei die Anzahl derzeit auf acht Personen beschränkt –, welche bei acht Treffen nachhaltig befähigt werden sollen, ihren Familienalltag wirksam zu gestalten. Die Arbeit basiere auf den Theorien der „Neuen Autorität“ von Haim Omer und Arist von Schlippe, welche ein „Schmieden“ an Erziehungshaltungen, Erziehungswerten und Erziehungshandlungen erlauben würden, wie Annette Heinzle weiter erklärt.

Nicole Fink ist Sozialarbeiterin und Systemischer Elterncoach. Sie führt die talENTE.schmiede-Gruppen durch. <span class="copyright">IFS</span>
Nicole Fink ist Sozialarbeiterin und Systemischer Elterncoach. Sie führt die talENTE.schmiede-Gruppen durch. IFS

Die von Mitarbeitenden der ifs-Familienarbeit geführten Coachinggruppen richten sich an Eltern, die an einen Punkt angelangt seien, an welchem sie sich häufig als hilflos und handlungsunfähig erlebten. Der Zugang zu den Gruppen erfolge über das ifs und ziele auf alle Eltern, die „mit Kraft und Stärke ihre Aufgaben im Lebensalltag respektvoll, achtsam und gewaltfrei ausführen möchten. Durch die Teilnahme an einer talENTE.schmiede-Gruppe können neue Türen gefunden und alte, inzwischen verschlossene wieder geöffnet werden“, sagt Heinzle. Denn aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Familien wisse sie um die Wünsche und Bedürfnisse nach Austausch von Eltern mit anderen Eltern in ähnlichen Situationen.

Hintergründe beleuchten

Innerhalb von acht Treffen sollen die teilnehmenden Eltern so gestärkt werden, dass sie ihre Aufgaben im Lebensalltag wirksam, respektvoll, achtsam und gewaltfrei ausführen können. Um dies zu ermöglichen, würden auch die Hintergründe beleuchtet, die zu der aktuellen Situation geführt hätten: „Die professionelle Begleitung und fachlichen Inputs durch die Sozialarbeiter einerseits und die kollegiale Beratung und Ermunterung der anderen Gruppenteilnehmer andererseits fördern die Bereitschaft, neue Dinge auszuprobieren. Damit übernehmen Eltern wieder stärker Verantwortung für die Gestaltung ihres Familienlebens. Sie erleben sich als aktiv, handlungsfähig und selbstwirksam“, berichtet Fink, die in diesem Zusammenhang darauf hinweist, dass für die Teilnehmenden an den Gruppen keine Kosten entstehen würden.

Annette Heinzle ist Klinische- und Gesundheitspsychologin und hat beim ifs die Fachbereichsleitung Familienarbeit inne.<span class="copyright">IFS</span>
Annette Heinzle ist Klinische- und Gesundheitspsychologin und hat beim ifs die Fachbereichsleitung Familienarbeit inne.IFS

Themen geändert

Apropos Familien: Wie stark ist mitten in der Corona-Krise die Nachfrage nach Hilfeleistungen für Familien eigentlich generell angestiegen? Die Zahlen der Beratungen im Familienbereich hätten – so die Auskunft der ifs-Expertinnen –zumindest bei ihnen bisher nicht gravierend zugenommen, wenngleich sich die inhaltlichen Themen geändert hätten. So hätten sich in vielen bereits vorbelas­teten Familien die Belastungsfaktoren durch die Corona-Krise noch verstärkt.

„Existenzängste, Erschöpfung sowie Verhaltensauffälligkeiten sind derzeit die häufigsten Themen.“

Nicole Fink,
Sozialarbeiterin beim ifs

Existenzängste, hervorgerufen durch Kurzarbeit sowie Arbeitslosigkeit, und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern sind neben Erschöpfung – da der Urlaub oftmals bereits im Lockdown verbraucht werden musste – derzeit die häufigsten Themen bei uns in der Familienberatung“, so Fink. Sie berichtet weiters, dass gerade während des Lockdowns im Frühjahr der persönliche Kontakt zu den Familien stark eingeschränkt gewesen sei. „Wir konnten telefonisch oder per Video mit den Familien regelmäßig kommunizieren, ihnen über diese sehr intensive Zeit hinweghelfen und Beratungsprozesse aufrechterhalten. Seit Mai sind wir – mit entsprechenden Schutzmaßnahmen – wieder in persönlichem Kontakt mit den Familien“, zeigt indes Heinzle auf.

Erfahrung fehlt noch

Wie Eltern auf das neue Angebot der talENTE.schmiede ansprechen, werden Annette Heinzle und Nicole Fink frühestens in einem halben Jahr sagen können. Dass durch das Projekt zahlreiche positive Impulse bei Familien ankommen werden, davon kann jedenfalls bereits heute ausgegangen werden.

Drei Fragen an Conny Amann

1 „Netz für Kinder“ bekommt keine öffentlichen Fördergelder, finanziert sich hauptsächlich über Spenden und Fundraising-Events. Fallen diese zum großen Teil der Corona-Pandemie zum Opfer?
Conny Amann:
Richtig. Für uns sind Veranstaltungen wie etwa Benefizkonzerte, Märkte oder Messen eine große Einnahmequelle. Aufgrund der derzeitigen Situation können diese nicht stattfinden, und wir fallen um diese Einnahmen um.

Conny Amann (1.v.l.) ist bei Netz für Kinder u.a. für das Fundraising zuständig. <span class="copyright">Netz für Kinder</span>
Conny Amann (1.v.l.) ist bei Netz für Kinder u.a. für das Fundraising zuständig. Netz für Kinder

2 Wie ist es derzeit um die finanzielle Situation von „Netz für Kinder“ bestellt?
Amann:
Dieses Jahr wird eine große, vor allem finanzielle Herausforderung. Die von uns durchgeführten Projekte betreffen fast ausschließlich Kinder und ihre Familien, die in armutsgefährdeten und
existenzbedrohlichen Situationen leben. Ihre Situation hat sich schon verschärft und wird sich durch die wirtschaftlichen Entwicklungen vermutlich weiter verschlechtern. Das bereitet uns große Sorgen. Denn Arbeitslosigkeit, reduziertes Einkommen und Kurzarbeit sind ein gefährliches „Düngemittel“ für das weitere Wachstum von Kinderarmut in Vorarlberg. Aufgrund der aktuellen Situation hinken wir den letztjährigen Spendeneinnahmen bereits hinterher.

3 Wieviel Geld benötigen Sie pro Jahr, um das Angebot aufrecht zu erhalten?
Amann:
Um die von uns initiierten und organisierten vier Projekte zu finanzieren und erhalten zu können, benötigen wir ein jährliches Spendenvolumen von 300.000 Euro.

Weitere Projekte

Neben der talENTE.schmiede haben ifs und Netz für Kinder weitere Kooperationsprojekte. Dabei handelt es sich um Angebote, welche sich an Heranwachsende richten. Eines davon besteht aus zwei Sozialpädagogischen Kindergruppen. Hier verbringen Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren in einer fixen Gruppe einmal im Monat ein Wochenende in einer Selbstversorgerhütte. Ziel ist es, drohenden beziehungsweise bereits manifesten Defiziten entgegenzuwirken, Sozial- und Konfliktlösungskompetenzen zu erweitern und Natur zu erleben.

Im Rahmen des Projekts „Ehrenamt“ widmen ehrenamtliche Mitarbeitende ihre Zeit Kindern, um sie etwa beim Lernen zu unterstützen. Eine Anleitung im sozialen und familiären Umfeld ist indes das Kooperationsprojekt „talENTE.mobil – Intensivcoaching für Familien.“ Hierbei wird die Gesamtentwicklung von Kindern, Jugendlichen und Eltern in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten gefördert.