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Halskratzen wird zur Gewissensfrage

11.10.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Langsam gewöhne ich mich an den Schulrhythmus. Nach mindestens fünf Mal verschlafen und darauf sieben Mal panisch schon um vier Uhr morgens die Augen aufreißen, habe ich es endlich im Griff, das morgend-liche Aufstehen, Jause richten, Tee kochen, Kaffee brühen und Kinder verabschieden. Das alles sogar, ohne mich danach beim Bettenmachen nochmals dazu verleiten zu lassen, unter die Decke zu kriechen. Ich bin wie-der schulfit. Und kaum habe ich diese eine Herausforderung des 6-Uhr-Aufstehens bewältigt, kommt schon die nächste auf mich zu: kindliches Halskratzen. Vormals noch mit Honigtee am Morgen und Halstuch für den Schulweg sorgenlos gemeistert, prasseln derzeit Weltuntergangsge-danken auf mich ein, sobald eines meiner Kids sich am Mor-gen räuspert. Und meine Mädels wissen das. Fast jeden Morgen wird gehustet, kurz über Bauch-weh geklagt und dabei leidvoll geflüstert, dass man so gerne in die Schule gehen würde, aber wegen Corona vielleicht doch sicherheitshalber daheim bleiben sollte. Die Stirn dabei in sorgenvolle Falten gelegt und die blauen Augen gekonnt mit einem kleinen Hauch Unglück-lichkeit unterlegt. Ich stehe dann da und ver-suche herauszufinden, wie ernst die Lage wirklich ist. Was ist dran am Halskratzen? Fordere ich einen vorarlbergweiten Lockdown heraus, wenn ich mei-ne Mädels in die Schule schicke? Und wenn ich sie daheim lasse, öffne ich ihnen Tür und Tor für künftige Schwinde-leien, um nicht die Schulbank drücken zu müssen? Das ist wirklich keine leichte Aufgabe. Einmal meinte ich, ich würde sicherheitshalber bei der Hotline anrufen und um einen Test bit-ten. Innerhalb von drei Minuten hatte weder Kind eins noch Kind zwei in irgendeiner Form Beschwerden, und beide sind beschwingt in die Schule gegan-gen. Ich bin zu Hause gesessen, panisch, weil ich dachte, meinen Mädels womöglich ungewollt Angst gemacht zu haben und sie jetzt als Superspreaderinnen ihre Schulen ins Homeschooling manövrieren. Als sie am Nach-mittag heimgekommen sind, konnten sie sich nicht einmal mehr erinnern, über Halskratzen geklagt zu haben. Na bravo. Ich löschte in meinem Kopf die Schlagzeile: „Sorglose Mutter stürzt Vorarlberg ins Wirt-schaftschaos“, und ging kochen. Ich brauche etwas, das sie nicht in Panik versetzt, aber die Motivation, zu Hause bleiben zu wollen, rapide nach unten verlegt. Ich habe jetzt eine Lö-sung gefunden. Fürsorglich bot ich meinen Kindern an, beim nächsten Halsweh mit ihnen am Küchentisch zu lernen, damit sie nichts versäumen. Seit einer Woche sind sie topfit.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.