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„Wir leben davon, was die Natur gibt“

15.10.2020 • 11:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Stefan Simma über Erntedank in Zeiten der Corona-Pandemie.

Herr Direktor Simma, Erntedank ist ein etwas altmodisches Wort. Warum soll es heutzutage noch gefeiert werden?
Stefan Simma:
Danke zu sagen ist niemals altmodisch. Die Bauernfamilien und viele Mitfeiernde danken nach Einbringung der Ernte Gott für ein gutes, unfallfreies Jahr in Feld und Stall, und dafür, dass die Tiere von den Alpen wieder gesund ins Tal gekommen sind. Davon leben sie. Die Bäuerinnen und Bauern arbeiten mit und in der Natur, sie bauen Früchte an, ernten und versorgen ihre Nutztiere und sind in ihrer Arbeit von Witterung und Niederschlägen abhängig. Aber auch wir alle müssen uns bewusst sein, dass wir davon leben, was die Natur uns gibt.

Hat Erntedank auch eine kritische Seite?
Simma:
Gerade in Zeiten, in denen Lebensmittelüberfluss, Konsumüberflutung und jederzeitige Verfügbarkeit eine Selbstverständlichkeit zu sein scheinen, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass hinter der Lebensmittelerzeugung viel mehr steckt, nämlich hochqualifizierte bäuerliche Arbeit und nachhaltiger Umgang mit der Natur. Die großartigen Leistungen der heimischen Landwirtschaft für die Bereitstellung gesunder Lebensmittel so ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, ist uns sehr wichtig.

Landwirtschaftskammer-Direktor Stefan Simma. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Landwirtschaftskammer-Direktor Stefan Simma. Klaus Hartinger

Was bedeutet Erntedank für Sie?
Simma:
Erntedank ist ein Anlass danke zu sagen, dafür, dass wir in einem so schönen Land leben dürfen und allen zu danken, die dazu beitragen.

Wie feiern Sie Erntedank?
Simma:
Normalerweise darf ich die eine oder andere Erntedankfeier auf den Bauernmärkten in den Städten besuchen, das fällt heuer leider aus. Der Erntedankgottesdienst bietet einen würdigen Rahmen für alles Danke zu sagen.

Wie viele Tonnen Mais, Getreide, Kartoffeln und Äpfel wurden heuer in Vorarlberg geerntet?
Simma:
Im Gemüse- und Pflanzenbau ist die Ernte noch nicht ganz abgeschlossen. Grundsätzlich verzeichnen wir heuer ein durchschnittliches Jahr.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf die heurigen Erntedankfeste?
Simma:
Leider mussten die Erntedankfeste, wie sie in den vergangenen Jahren im Rahmen von Stadtmärkten gefeiert wurden, heuer abgesagt werden. Im Bregenz wurde heuer im Rahmen des Bauernmarktes ein Informationsstand aufgestellt, um Konsumentinnen und Konsumenten unter dem Motto „Das isst Österreich“ für das Thema regionale Lebensmittel zu sensibilisieren. Auch in Dornbirn gab es am 30. September dazu Informationsstände an zwei Standorten. In manchen Gemeinden wurden Erntedankgottesdienste, unter Einhaltung der Corona-Auflagen, gefeiert.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Welche Bilanz ziehen Sie hinsichtlich des heurigen landwirtschaftlichen Jahres?
Simma:
Witterungsbedingt war das heurige Jahr ein gutes. Die Alpsaison ist gut verlaufen und die Wetterbedingungen ermöglichten auch gute Erträge bei Obst und Gemüse. Die Corona-Pandemie ging und geht aber auch an der Landwirtschaft nicht spurlos vorüber. Im Frühjahr, nach Grenzschließungen und fehlenden Absatzmöglichkeiten über den Tourismus, war die Situation dramatisch. Ein Teil konnte im Sommer wieder gut gemacht werden. Für den Herbst kann leider noch keine Entwarnung gegeben werden. Für Waldbesitzer und Forstbetriebe ist das Jahr extrem schwierig. Borkenkäfer, Windwürfe und Markteinbrüche führten zu hohen Schadholzmengen und Preiseinbrüchen, das ging bis zur Unverkäuflichkeit von Sortimenten. Zumindest im ­Frischholzbereich geht der Trend aber derzeit wieder etwas nach oben.

Ernteertrag

Mais: Wurde auf 1270 Hektar angebaut. Aufgrund von ­Eigenverbauch am Hof kann die Ernte nicht in Tonnen beziffert werden.

Getreide: Wurde auf 190 Hektar angebaut und kann aufgrund von Eigenbedarf am Hof nicht in Tonnen beziffert werden.

Kartoffeln: Im vergangenen Jahr wurden rund 1500 Tonnen Tafeläpfel auf 59 Hektar geerntet. Für heuer wird bei den Kartoffeln eine Ernte auf demselben Niveau erwartet.

Äpfel: Die gesamte Tafel-Apfelernte 2020 beträgt etwa 410 Tonnen. Das ist ein Plus von 22 Prozent im Vergleich zu 2019.

Welche Rolle haben die heimischen landwirtschaftlichen Betriebe während des Corona-Lockdowns gespielt?
Simma:
Es war eindrücklich zu erkennen, wie unverzichtbar eine nationale und regionale Lebensmittelversorgung ist. Wir erlebten, wie schnell in einer Krisensituation plötzlich Grenzen geschlossen werden und Warenströme erlahmen können. Viele Konsumenten realisierten plötzlich diese Zusammenhänge und die Bedeutung einer nationalen Lebensmittelgrundversorgung und griffen verstärkt zu heimischen Lebensmitteln. Gerade in der Direktvermarktung hat sich einiges bewegt, wie etwa die im Frühling gestartete Aktion „Guats vo do“ gezeigt hat. Die Lebensmittelkisten mit verschiedenen Inhalten fanden reißenden Absatz, so wie die Gemüsekisten anderer bäuerlicher Anbieter auch. Diese verstärkte Wertschätzung und die Anerkennung der bäuerlichen Arbeit hat aber auch der bäuerlichen Seele gutgetan.

Gab es ein Umdenken in der Bevölkerung? Wird nun mehr Regionalität nachgefragt?
Simma:
Wie bereits erwähnt, ist der Wunsch nach regionalen Lebensmittel deutlich zu spüren und wir arbeiten daran, dass sich dieser positive Trend weiter verstärkt. Faire Preise für regionale Produkte sind für die bäuerlichen Familienbetriebe die Voraussetzung, eine klare Herkunftskennzeichnung ist entscheidend, damit sich der Konsument für mehr Regionalität entscheiden kann.

Erntedankfest

Das Erntedankfest ist im Christentum ein Fest nach der Ernte, bei dem die Gläubigen Gott für die Gaben danken. In Österreich wird Erntedank überwiegend – je nach Region und vorherrschender Art der Landwirtschaft – im September oder Oktober gefeiert. Die katholische Kirche bevorzugt in städtischen Gebieten den ersten Sonntag im Oktober. Pfarren in Landgemeinden feiern eher Ende September, woran auch die Landjugend stark beteiligt ist. Einzelne Gemeinden kennen den Brauch einer Erntedank-Wallfahrt oder von Umzügen, unter anderem in Tirol. So wallfahrtet Reit im Winkl am Samstag vor Erntedank nach Maria Kirchental, und Nassereith ist für seine farbenprächtigen Prozessionen bekannt.

Quelle: Wikipedia

Welchen Stand hat die Landwirtschaft in Vorarlberg?
Simma:
Rund zwei Drittel der Landesfläche werden von der Land- und Forstwirtschaft bewirtschaftet und gepflegt. Dieses Kulturland bildet gleichzeitig die Basis für Tourismus und ist Erholungsraum für die Bevölkerung. Die Land- und Forstwirtschaft ist ein Wirtschaftszweig mit rund 7000 Beschäftigten im vor- und nachgelagerten Bereich. Die rund 3500 Familienbetriebe versorgen die Bevölkerung mit nachhaltig erzeugten Lebensmitteln, Bau- und Energiestoffen. Gerade unsere Käsekultur ist hochgeschätzt und tief verwurzelt. Darüber hinaus sind die Bäuerinnen und Bauern vielfältig und breit aufgestellt. Angebote wie Urlaub am Bauernhof, Green Care, Schule am Bauernhof und vieles andere mehr stärken die Betriebe und erweitern das Leistungsangebot für die Gesellschaft.

In welchen Bereichen hat eventuell der Schuh gedrückt. Stichwörter: Feuerbrand, Maiswurzelbohrer oder Engerlinge sowie Kartoffelkäfer?
Simma:
Abgesehen von den Auswirkungen der Corona-Pandemie wurden wir heuer in allen Bereichen von größeren Schäden verschont, was aber, wie bereits gesagt, leider nicht für den Forstbereich zutrifft.

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