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„Fahre mit Auto ohne Rückspiegel“

17.10.2020 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Simon Tschann bezeichnet sich selbst als guten Zuhörer. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Simon Tschann bezeichnet sich selbst als guten Zuhörer. Klaus Hartinger

Interview mit Simon Tschann dem jüngstem Bürgermeister des Landes.

Was hat Sie in so jungen Jahren bewogen, in die Politik zu gehen?
Simon Tschann:
Wenn ich mit Freunden oder Familie zusammengesessen bin, haben wir uns öfters über Dinge aufgeregt. Und irgendwann habe ich mir gedacht: Sei mutig und mach was, verändere was. Ich setze gern Dinge um und gestalte gern. Somit war es naheliegend, als man an mich herangetreten ist, dass ich diese Chance nutzen wollte. Vor allem auf Gemeindeebene ist das natürlich reizvoll.

Wie und wo sind Sie politisch sozialisiert worden?
Tschann:
Ich bin christlich- sozial erzogen worden. Und die ganze Familie war auch immer sehr politisch interessiert. Es gab da auch keine klaren Vorgaben. Niemand hat mir vorgeschrieben, was ich wählen oder denken soll. Die Diskussionen waren immer offen, abseits der politischen Farbenlehre. Somit bin ich auch für das freie Spiel der Kräfte. Die besten Ideen sollen zum Zug kommen. Durch mein Studium der Betriebswirtschaft und die Arbeit im touristischen Bereich bin ich natürlich auch in diese wirtschaftliche Richtung geraten. Einer meiner Mentoren war sicher Hans-Peter Metzler, der Präsident der Wirtschaftskammer. Er hat mich motiviert, studieren zu gehen, mich auszuprobieren.

In welchen Bereichen zeigt sich Ihr politisches Talent? Wann haben Sie bemerkt, dass das in Ihnen steckt?
Tschann:
Einerseits ist das mit der Arbeit in der Gastronomie in mir gewachsen. Andererseits ist das schon auch familiär bedingt. Ich bin ein Vereinsmensch und gehe gern auf Menschen zu. Das ist für einen Bürgermeister ganz wesentlich. Ich bin gern bei den Menschen, höre ihnen gern zu, aber setze dann auch gern die Dinge in die Tat um. Ich glaub, das wesentliche Talent, das ich besitze, ist der Mut. Ich hatte auch viel Unterstützung, das muss ich schon sagen. Und so ist das dann auch alles aufgegangen.

Tschann will schnelle Lösungen finden. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Tschann will schnelle Lösungen finden. Klaus Hartinger

Sie sind angetreten mit der Ansage, einen neuen Stil in die Politik zu bringen? Was genau wollen Sie anders machen?
Tschann:
Diesen neuen Stil habe ich schon versucht, im Wahlkampf zu präsentieren. Es geht da um Nachhaltigkeit. Wir haben nur Zirbenholzsäckchen und Äpfel verteilt und völlig auf Kugelschreiber und Feuerzeuge verzichtet. Wir können nicht von der Bevölkerung verlangen, dass sie ökologisch und nachhaltig agieren soll, und selbst fahren wir mit dem Mega-SUV durch die Gegend. Zudem will ich mehr auf Sachpolitik setzen und wegkommen von diesen persönlichen Befindlichkeiten. Da möchte ich niemand ausnehmen und auch vor der eigenen Türe kehren. Und das müssen wir hinter uns lassen. Ich habe bereits mit allen Parteien geredet, und wir sind uns alle einig, dass in Zeiten von Corona parteipolitisches Geplänkel in den Hintergrund rücken muss. Vor allem das Budget wird uns viel gemeinsame Kraftanstrengung kosten. Ich habe den Vorteil, dass ich ein unbeschriebenes Blatt bin. Ich war da bis jetzt nicht dabei. Das kommt mir zugute. Ich fahre mit einem Auto ohne Rückspiegel.

Wo liegen Ihre Stärken? Wo Ihre Schwächen?
Tschann:
Ich bin mutig. Ich will etwas weiterbringen. Ich will gestalten und bin teamfähig. Du brauchst immer eine gute Mannschaft, der du vertrauen kannst. Auch das habe ich in der Gastronomie gelernt. Genau so ist das auch als Bürgermeister. Ich muss nicht alles selber machen und gebe gern die Verantwortung in gute Hände. Eine meiner Schwächen ist wahrscheinlich, dass ich ungeduldig bin. Ich will schnell Lösungen haben. Da muss ich an mir arbeiten (lacht).

Sebastian Kurz ist laut eigenen Angaben ein Vorbild für Sie. Können Sie seine Flüchtlingspolitik nachvollziehen. Wie sieht es da mit ihren christlich-sozialen Werten aus?
Tschann:
Ich respektiere die Arbeit der Regierung im letzten halben Jahr. Und der Herr Kurz hat mich vor allem deshalb inspiriert, weil er in jungen Jahren bereits recht viel erreicht hat. Aber ich bin nicht Sebastian Kurz. Und da sind schon auch Welten zwischen uns. Ich stehe ganz klar zu der Haltung, dass alle Menschen, egal woher sie kommen, gleich viel wert sind. Zudem muss ich klar betonen, dass wir als Stadt, wenn wir die Möglichkeit haben, Familien, Kinder und Jugendliche aufnehmen. Da wird es kein Nein geben. Das ist mir wichtig. Das ist meine klare persönliche Haltung. Aber wir werden das Problem so nicht lösen können, wenn wir alle aufnehmen. Wir müssen alles dafür tun, diesen Leuten zu helfen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir müssen da menschlich handeln.

Tschann will in Zukunft vermehrt auf E-Mobilität setzen. Und das auf zwei und vier Rädern.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Tschann will in Zukunft vermehrt auf E-Mobilität setzen. Und das auf zwei und vier Rädern. Klaus Hartinger

Was sind Ihre konkreten Ziele und Projekte für die kommende Legislaturperiode?
Tschann:
Wie bereits erwähnt, wird das kommende Budget eine große Herausforderung. Deshalb habe ich mich in Sachen Großprojekte bis dato zurückgehalten. Aber ganz wesentlich werden auf jeden Fall Jugend und Bildung werden. Ich erwähne da den Campus-Mitte, den Zubau zur Volksschule. Das werden wir angehen müssen. Auch das Stadion und diverse Freizeiteinrichtungen müssen wir bald auf Vordermann bringen. Und in Sachen Digitalisierung im Verwaltungsbereich haben wir Nachholbedarf. Wir müssen trotz Krise investieren und Geld in die Hand nehmen. Denn wenn wir es nicht tun, wer soll es sonst tun?

Inwieweit planen Sie, Bludenz fahrradfreundlicher zu machen? Da gäbe es viel Optimierungspotenzial.
Tschann:
Es gibt natürlich Konzepte, die wir forcieren werden. Teilweise sind sie ja bereits in Umsetzung. Wir werden auch die Umweltabteilung in Sachen Mitarbeiter aufstocken. Da wird und muss ein Radkonzept kommen. Da geht es um Ladestationen und auch um sichere Abstellplätze für E-Bikes. Zudem werden Radwege ein massives Thema. Wir wollen weg vom Auto hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln und zum Fahrradverkehr. Vor allem im Nahbereich wird das ganz wesentlich werden.

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