Kommentar

Unser soziales Gewissen

17.10.2020 • 19:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Hilfe soll vor Ort geleistet werden. Unter anderem wird mit Decken und Zelten versucht, die größte Not im Flüchtlingscamp Moria zu lindern und den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Doch haben Sie die Bilder der vergangene Tagen gesehen, als der Regen kam? Was nützt ein Dach über dem Kopf, wenn die Bewohner knöcheltief in Schlamm und Wasser stehen?
Hilfe vor Ort ist wichtig, gleichzeitig muss der Staat Österreich aber aktiv werden und Menschen aus diesem unglaublichen humanitären Elend befreien. Eine Verteilungsquote auf alle neun Bundesländer gehört beschlossen. Und Vorarlberg muss sich dafür aussprechen, 50 Kinder aufzunehmen. Immer wieder wird argumentiert, dass Vorarlberg 2015 seiner Pflicht nachgekommen sei und Flüchtlinge aufgenommen habe. Das soll beweisen, dass das westlichste Bundesland durchaus ein soziales Gewissen hat. Das wurde auch nie in Abrede gestellt, jedoch ist 2015 lange her, und das Erfüllen der damaligen humanitären Pflicht befreit uns 2020 nicht von selbiger.

Immer wieder ist aus jenen Bevölkerungsteilen, die sich gegen eine Aufnahme von 50 Kindern aus Moria aussprechen, folgender Satz zu hören: „Sollen die Gutmenschen die Flüchtlinge doch bei sich zu Hause aufnehmen. Wir haben selbst genug Probleme.“ Dazu sei kurz Stellung bezogen. Zum einen verlangt niemand von den Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern, dass sie in ihren eigenen vier Wänden Flüchtlinge unterbringen. Daher ist die Aussage, die „Gutmenschen“ sollten das tun, reine Provokation und nicht ernst zu nehmen. Die öffentliche Hand muss sich um die Unterbringung kümmern, wir als ­Bevölkerung können aber unseren Teil zu einer funktionierenden Integration beitragen.
Vorarlberg durchlebt aufgrund der Corona-Pandemie derzeit selbst eine Krise. Corona-Maßnahmen, Kurzarbeit, Betriebsschließungen sowie Kündigungen stellen eine große Belastung für den Einzelnen, gesamte Branchen und nicht zuletzt das komplette Land dar. Es ist wichtig, dass hier geholfen wird. In jeder erdenklichen Form. Die Hilfe für die in Not geratenen Vorarlbergerinnen und Vorarl­berger muss aber eine Hilfestellung für die Flüchtlinge aus Moria nicht ausschließen. Der Charakter einer Gesellschaft definiert sich nicht in den guten, sondern vielmehr in den herausfordernden Zeiten. Zumal die derzeitige Situation viele am eigenen Leib erleben lässt, wie schnell es gehen kann, dass einem ohne eigenes Zutun oder Verschulden die Existenzgrundlage entzogen wird.
Und zu guter Letzt hören wir bitte auf, den Begriff des „Gutmenschen“ negativ zu konnotieren. Gut zu seinen Mitmenschen zu sein, egal ob fremd oder vertraut, ist ein erstrebenswertes Ziel. Gut zu sein, ist eine Tugend und kein Frevel. Und diese Tugend sollte auch keine Landesgrenzen kennen.