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„Wir stagnieren auf hohem Niveau“

17.10.2020 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Immer weniger Kinder können und wollen Ski fahren. <span class="copyright">daniel zangerl photographer</span>
Immer weniger Kinder können und wollen Ski fahren. daniel zangerl photographer

Skifahren hat bessere Zeiten erlebt. Immer weniger Kinder wollen fahren.

Nicht zuletzt wegen Ischgl und dem europaweiten Corona-Super-Gau ist der Ruf der Branche angeknackst. „Apres-Ski ist nicht gleichzusetzen mit Skifahren. Wir setzen da schon primär auf den alpinen Skisport. Die Halli-Galli-Kultur ist bei uns am Golm kaum bis gar nicht vertreten,“ betont Markus Burtscher, Geschäftsführer der Golm-Silvretta-Lünersee-Tourismus GmbH. Aber er versteht die Unsicherheit. Sowohl bei den Gästen als auch bei den Liftbetreibern. „Der Sommer lässt uns doch einigermaßen optimistisch in die Wintersaison blicken. Wir haben gute Konzepte entwickelt. Und es gibt nichts Besseres im Winter, als sich in der frischen Luft sich zu bewegen und das Immunsystem zu stärken.“
Dass in Zeiten von Corona auch die wirtschaftliche Lage der Gäste nicht immer die beste ist, liegt nahe. Dennoch sind die Liftpreise auch heuer wieder gestiegen. „Man muss schon auch die großen Investitionen sehen. Zudem sind wir mehr und mehr auf Kunstschnee angewiesen. Aber wir haben jetzt im Montafon und im Brandnertal die Aktion gestartet, dass Kinder unter zehn Jahren gratis fahren.“ Eine Tageskarte in der Hochsaison am Golm kostet 51,50 Euro. Eine vier- bis sechsköpfige Familie muss für einen Skitag tief in die Geldtasche greifen. „Wir haben kein Meer und keine Seen. Wir haben die Berge. Und das ist einfach sehr kostenintensiv. Zudem muss ich schon sagen, wenn man eine Saisonkarte besitzt, dann relativiert sich der Preis.“ Eine Jahreskarte kostet 595 Euro und eine Saisonkarte 525 Euro.

Immer weniger Kinder und Jugendliche fahren Ski. <span class="copyright">daniel zangerl photographer</span>
Immer weniger Kinder und Jugendliche fahren Ski. daniel zangerl photographer

„Ein Tag Vollbetrieb am Golm kostet uns 40.000 Euro. Wir brauchen etwa 1900 Gäste, dass wir kostendeckend sind“, rechnet Burtscher vor. Die Tatsache, dass nur noch etwa 20 Prozent der Jugendlichen Ski fahren, macht Burtscher nachdenklich. „Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge, wollen aber mit gezielten Aktionen dagegen wirken. Denn das ist auch volkswirtschaftlich bedrohlich. Wir müssen die Kinder wieder vermehrt in die frische Luft bringen und weg vom Computer.“ Insgesamt sind die Gästezahlen aber noch stabil. Und das gilt für das ganze Montafon. „Wir stagnieren auf hohem Niveau.“

Positiver Sommer

Auch Andreas Gapp, WKV-Obmann der Fachgruppe Seilbahnen, freuen die positiven Erfahrungen des Sommers. Sicherheitstechnisch ist alles im grünen Bereich. Aber: „Die Erwartungen in den Winter sind schon auch durchwachsen. Es wird mit Sicherheit weniger als in den letzten Jahren sein. Wir hoffen und sind auch überzeugt davon, dass die Reisewarnungen zum richtigen Zeitpunkt dann aufgehoben werden.“ Es wird alles in allem eine herausfordernde Saison. Davon ist Gapp überzeugt. „Wir haben eine Preissteigerung von durchschnittlich 2,4 Prozent. Und man darf nicht vergessen, dass da eine große Qualität und ein riesen Aufwand im Hintergrund ist“, betont Gapp. Dass immer weniger Kinder und Jugendliche Ski fahren, ist für den Seilbahnexperten bedenklich: „Es wird in Zukunft ganz wichtig werden, hier vermehrt wieder um den Nachwuchs zu kämpfen.“ Die Ansprüche der Gäste sind hoch, und da muss auch geliefert werden. „Alles wird teurer. Wir liegen nur knapp über der Inflationsrate.“ Laut Gapp befindet sich der Skitourismus auf einer permanenten Gratwanderung. „Qualität hat ihren Preis. Und das, was wir hier in Vorarlberg in Sachen Wintertourismus anbieten, ist äußerst hochwertig.“ Zudem gebe es ein differenziertes Angebot. Die großen Skigebiete sind teuer. Aber die kleinen bieten auch günstige Preise an.

Die Berge sind das touristische Kapital des Landes. <span class="copyright">Matthias Fend - Montafon Tourismus GmbH</span>
Die Berge sind das touristische Kapital des Landes. Matthias Fend - Montafon Tourismus GmbH

Schetteregg

Eines dieser kleinen Skigebiete ist Schetteregg im Bregenzerwald. „Wir haben sechs Lifte. Fünf Schlepplifte und eine Doppelsesselbahn und zudem zwei Föderbänder und ein Karussell im Kinderland“, erzählt Geschäftsführer Hannes Waldner. Die Tageskarte im Skigebiet Schetteregg kostet 35,50 Euro. Auch Waldner sieht der kommenden Saison trotz aller Schwierigkeiten recht optimistisch entgegen. „Wir sind halt kein touristisches Ballungszentrum, und das schätzen die Gäste. Vor allem auch hinsichtlich Corona. Das haben wir schon im Sommer gemerkt, dass der Zuspruch groß ist.“
Schneearme Winter sind da eher das Problem: „Unsere Talstation ist auf 1100 Meter. Da ist Schnee natürlich ein Thema.“ Ohne Kunstschnee geht nichts mehr. „Ja, klar kostet Skifahren heutzutage viel Geld. Was ist mir ein schöner Skitag wert? Das muss jeder selbst beantworten. Ich sag’ das oft auch zu meinen Mitarbeitern: Bei uns kostet eine Tageskarte etwa so viel wie eine Handyhülle von Apple.“

„Qualität hat ihren Preis. Und das, was wir hier in Vorarlberg in Sachen Wintertourismus anbieten, ist äußerst hochwertig.“

Andreas Gapp,
WKV-Obmann der Fachgruppe Seilbahnen

Das Skigebiet in Egg ist durchaus familienfreundlich. Eine Familientageskarte kostet 95 Euro. „Wir haben zehn Pistenkilometer, und das schlägt sich in der Preispolitik nieder“, betont Waldner. Dass die Jugend nicht mehr so skivernarrt ist wie früher, das spürt man auch in Egg. „Ja, es gibt mittlerweile selbst im ländlichen Raum viele Kinder, die nicht mehr Ski ­fahren.“ In Schetter­egg versucht man, den Einstieg für den Nachwuchs so angenehm wie möglich zu machen: „Der Gast kann mit dem Auto direkt herfahren und gratis das ganze Kinderland benützen.“ Generell sieht Waldner, dass diese Problematik wächst. „Früher war es einfach Standard, dass man Ski fahren gegangen ist.“ Das habe sich grundsätzlich geändert. Es kann durchaus auch eine Kostenfrage sein, so Waldner. Aber: „Wir jammern auf hohem Niveau im Ländle.“

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