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Von Mutter- und Fremddialekten und dem Gebrauch

18.10.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Es mag hie und da schon aufgefallen sei: ich bin keine gebürtige Vorarlbergerin. Eigentlich bin ich ein Sammel-surium aus halb Österreich. Da ist ein wenig Steiermark in mir drin, ein ausgeprägter Touch Niederösterreich, eine Prise Burgenland und ganz viel Wien. Neben all den kleinen Persön-lichkeitsmerkmalen, die 18 Mal umziehen so bei mir hinterlas-sen haben, fällt eines besonders auf: meine Sprache.Sie ist ein unverkennbares In-diz dafür, dass ich „a Zuagraste“ bin. Sogar zwei Mal zugereist. Einmal im zarten Alter von zehn aus Niederösterreich nach Blu-denz und dann im nicht mehr ganz so zarten Alter von 38 aus Wien nach Vorarlberg. Ich fühle mich in beiden Dialektformen daheim, beherrsche aber keine in Perfektion. Aber: Ich weiß und wusste beide immer zu nutzen. Das Vorarlbergisch wurde zu meiner Wien-Zeit gekonnt eingesetzt beim Flirten und bei Behördengängen. Es wirkt Wunder, wenn man einem grantigen Wiener Beamten mit einem herzigen, immer freund-lich klingenden, nahezu alles auf „le“ endenden Dialekt darum bittet, dieses eine Formular doch nochmals mit dir „ a klele durchzumgoh“. Vice versa werden hier in Vorarlberg wienerisch ange-hauchte Beschwerdeanrufe häufig wesentlich lösungsori-entierter behandelt. Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Stimme automatisch ein wenig tiefer wird, sobald sich meine innere Wiene-rin zu erkennen gibt. Besonders inte-ressant ist, dass meine humorige Seite eher aus der Wienerin in mir heraussprudelt. Ironie, Sar-kasmus und Witz sind bei mir sprachlich eindeutig der Bun-deshauptstadt zuzuordnen. Erzieherisch spielt meine Sprache ebenso eine wesent-liche Rolle. Solange ich mit mei-nen Mädels auf Vorarlbergisch – oder sagen wir besser: im gehobenen „Bödele-Dütsch“ – rede, sind die Kids auf sicherem Boden. Sie wissen aber, wenn sie etwas ausgefressen haben, mei-ne Stimme ein wenig tiefer wird und ein „I los ma doch vo euch kan Scheam aufbinden!“ kommt, wissen sie Bescheid. Aber ernsthaft, auf Vorarlbergisch zu schimpfen, das nimmt einem doch niemand ab. „Jetzt gosch uf dies Zimmerle und gisch a Rüabigs!“ Ernsthaft? „Schleichts eich in eire Zimmer und hoits bittschö füa fünf Minutn die Pappn!“, hat doch viel mehr er-dige Aussagekraft. Den Töchtern is’ dennoch wurscht, da kommt nur ein gelangweiltes „Kasch bitte höra, so komisch z’reda!“ daher. Even-tuell versuche ich mich mal im steirischen Dialekt meiner Mut-ter. Die Mädels kommen in die Pubertät, und ich brauche drin-gend eine respekteinflößende, idiomische Unterstützung.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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