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Lech/Zürs: „kleinere“ Kopie von Sölden

20.10.2020 • 12:53 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Auch in Lech/Zürs wird die Veranstaltung ohne Zuschauer stattfinden. <span class="copyright">Symbolbild / APA/EXPA/JOHANN GRODER</span>
Auch in Lech/Zürs wird die Veranstaltung ohne Zuschauer stattfinden. Symbolbild / APA/EXPA/JOHANN GRODER

Zweite Weltcup-Veranstaltung als Nachtevent. Kritik von Grüne.

Nach dem Auftakt in Sölden findet auch die zweite Ski-Weltcup-Veranstaltung unter Corona-Bedingungen in Österreich statt. Die Flexenarena in Zürs ist Schauplatz von Parallelbewerben am 13./14. November, die mit den gleichen Sicherheitsabläufen wie in Tirol und auch ohne Zuschauer stattfinden sollen. Voraussichtlich wird das Setting aber etwas kleiner dimensioniert sein. „Wir sind guter Dinge und freuen uns auf ein Sportspektakel als Nachtevent im TV“, sagte Patrick Ortlieb.

Bubbles auch in Lech/Zürs

Der jahrelange Präsident des Vorarlberger Skiverbandes ist nun OK-Präsident des Weltcups und war als solcher am vergangenen Wochenende auch Zaungast in Sölden. „Wir setzen das, was der Veranstalter ÖSV uns vorgibt, genau so um, wie es uns aufgetragen wird. Ich gehe davon aus, dass alles gut gelingt“, gab sich der 53-jährige Abfahrts-Olympiasieger von 1992 optimistisch. „Das Konzept mit den Bubbles und einer sehr geringen Anzahl von Zuschauern bzw. Gästen hat ja in Sölden sehr gut funktioniert. Es war aus Vorsichtsgründen fast schon ein wenig überdimensioniert. Wir haben zwar Platz genug, werden es aber wohl ein wenig kleiner gestalten“, erklärte Ortlieb.

Der ÖSV wollte das Sölden-Konzept in den Tagen nach den beiden Auftaktrennen evaluieren. Auch in Lech/Zürs sperren die benötigten Hotels extra für die Veranstaltung auf. Anpassungen ergeben sich auch aus der Disziplin, weil sich bei K.o.-Rennen und der Mehrzahl an Bewerbsläufen einige Kreuzungswege mehr ergeben. Die Läuferinnen und Läufer können mit einem Sessellift vom Ziel direkt an den Start gebracht werden. Die Piste sei grundbeschneit und mit zwei kalten Nächten fertiggestellt, versicherte Ortlieb. Das vorbereitete Schneedepot müsse man nicht mehr antasten.

Flutlicht

Dazu gekommen ist Flutlicht. Dieses sei aber auch Teil des entstandenen, neuen Wintersport-Trainingszentrums, um das er sich schon in seiner Zeit als Landesverbandspräsident intensiv bemüht habe, so Ortlieb. „Das ist jetzt eine permanente Sportstätte wie ein Fußballplatz, in der wir vom November weg und bis zum Schluss der Saison tun und lassen können, was wir wollen.“ Die Nachfrage sei jetzt schon extrem gut. „Wir ersparen unserem Nachwuchs Unmengen Kilometer an Fahrten zu den Gletschern“, betonte Ortlieb. „Es war höchste Zeit, dass wir so etwas kriegen.“

Betrieben wird die Arena durch die gegründete Sportstätten-GmbH, einer hundertprozentigen Tochter des Ski Clubs Arlberg. Unterstützt werde man zum üblichen Anteil mit öffentlichen Geldern des Landes. „Den Rest haben wir selbst aufgetrieben“, so Ortlieb. Skilift-Partner ist die Ski-Zürs AG, die sich auch um die Beschneiung der Anlage kümmere und sich durch die Liftfahrten finanziere.

Kritik von Naturschützern und Grünen

Für die Weltcup-Piste wurde der bestehende „Übungshang“ nördlich der Trittkopfbahn in den vergangenen Monaten angepasst. Dafür wurden auf rund 16.700 Quadratmetern der Magerwiese Geländeveränderungen vorgenommen, wobei rund 10.000 Quadratmeter für Pistenmaßnahmen, 4.500 Quadratmeter für das auf 1.920 Metern liegende, rund 35.000 Kubikmeter große Snowfarming-Depot und etwa 1.500 Quadratmeter für die Änderung der Schneeanlage in Anspruch genommen wurden. 580 Quadratmeter Wald wurden gerodet. Zudem wurde die technische Infrastruktur erweitert, also Leitungen für Beschneiung, Wasser, Strom und Fernsehen verlegt, und 20 Flutlichtmasten, davon zwölf fixe mit einer Höhe von 22 Metern, aufgestellt. Die Größe der beschneiten Fläche änderte sich nicht.

Trainingsstätte

Außerhalb der Weltcup-Rennen soll die Piste laut Angaben der Betreiber und des Landes Vorarlberg als Trainingsstätte für den Skinachwuchs und als Ausbildungsplatz für Skilehrer und -trainer genutzt werden. Das Land förderte das Vorhaben mit rund 1,3 Mio. Euro. Der Ausbau ermögliche es, die Gemeinde langfristig als Ausrichter im Ski-Weltcup zu etablieren – ein wichtiger wirtschaftlicher Impuls für die Region, gerade in Corona-Zeiten, begründete die Landesregierung Anfang Oktober.

Wirtschaftlich-Touristischen Argumente überwiegen

Die Bewilligung für das Gesamtprojekt erfolgte seitens der Bezirkshauptmannschaft Bludenz am 28. August 2020. Im Bescheid sind eine Reihe an Auflagen zu lesen, von der Vergrämung der Murmeltiere und dem Abbau der Flutlichtanlage im Frühjahr über Rekultivierungen bis hin zu Beschneiungsvorgaben. Für die „dauerhafte Entnahme“ von geschützten Pflanzenarten wurde den Betreibern eine naturschutzrechtliche Ausnahmebewilligung erteilt. Während die Amtssachverständige für Naturschutz sowie Naturschutzanwältin Katharina Lins das Projekt negativ beurteilten, überwogen laut Bescheid die wirtschaftlich-touristischen Argumente der Ski-Zürs AG, der Gemeinde Lech, der Lech Zürs Tourismus GmbH und des Vorarlberger Skiverbands. Die öffentlichen Interessen seien stärker zu gewichten als die Eingriffe in die Interessen von Natur und Landschaft, hielt die BH im Bescheid fest.

Naturschutzanwältin Lins kritisiert nun, dass die Umsetzung des Projekts nicht bescheidgemäß erfolgte. So sei das Schneedepot bereits im Winter 2020 angelegt worden. Die Bauarbeiten hätten schon Ende August begonnen, als noch keine Bewilligung vorlag. Eine Zufahrt zur Liftstation sei ohne Bewilligung errichtet und nachträglich als „Viehtriebweg“ beantragt worden. Zudem liefen offenbar bereits die Beschneiungen, obwohl diese laut Bescheid erst ab 1. November erlaubt seien. Man verstehe die Bedeutung der Weltcup-Rennen für Sport und Wirtschaft. „Uns fehlt aber jedes Verständnis dafür, dass die Organisatoren so einer Veranstaltung offenbar meinen, über dem Gesetz zu stehen“, sagte Lins.

Wintersport muss sich Gesetze halten

Ihrer Kritik schloss sich Grünen-Tourismussprecherin Nadine Kasper an. Zu den schweren Eingriffen in die Landschaft und den Ausgaben von 1,3 Mio. Euro Steuergeldern zu Corona-Zeiten geselle sich nun noch der Vorwurf fehlender Bewilligungen für die Bauarbeiten. Der Wintersport müsse sich wie jeder Häuslebauer auch an die Gesetze halten. Sie ortete „eine gewisse Kontinuität im Nichteinhalten der Verfahren“ in der Wintertourismus-Branche und kündigte Anfragen an die zuständigen Landesräte Martina Rüscher (Sport, ÖVP) und Johannes Rauch (Umwelt, Grüne) an.

Der Präsident des Weltcup-Organisationskomitees, Patrick Ortlieb, versuchte zu kalmieren. „Wir haben coronabedingt sehr späte Bauverhandlungen gehabt, mussten spät beginnen und haben deshalb natürlich mit sehr vielen Baggern gleichzeitig gearbeitet. Das hat optisch dann wild ausgeschaut“, erklärte der Abfahrts-Olympiasieger von 1992 der APA in Sölden. „Es ist alles wieder begrünt. Da ist sehr viel hineininterpretiert worden. Es ist halt eine sehr prominente Stelle gleich neben der Straße“, sagte Ortlieb. „Wir haben nicht einen Kubikmeter Erde hin- oder weg geführt, sondern nur anders verteilt. Die Schneekanonen wurden lediglich erneuert.“

APA