Allgemein

Absonderungen werden Streitthema

21.10.2020 • 18:29 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
K I-Personen müssen auch mit einem negativen PCR-Test in die Absonderung.  <span class="copyright">Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsges.m.b.H.</span>
K I-Personen müssen auch mit einem negativen PCR-Test in die Absonderung. Vorarlberger Krankenhaus-Betriebsges.m.b.H.

Wirtschaft fordert Möglichkeit zum “Freitesten”.

Wer derzeit vom Infektionsteam als Kontaktperson der Kategorie I zu einer positiv auf Sars-CoV-2 getesteten Person eingestuft wird, muss sich für zehn Tage in Quarantäne begeben. Diese behördlich angeordnete Absonderung kann bekanntlich auch durch ein oder mehrere negative PCR-Tests nicht abgekürzt werden. Das wird aufgrund von Bundesvorgaben österreichweit so gehandhabt.

Da jedoch immer mehr Menschen von diesen Absonderungen ohne nachgewiesene Infektion betroffen sind, regt sich auch immer mehr Widerstand. Wie berichtet, kommt jetzt gerade auch aus Wirtschaftskreisen der Ruf nach einer Verkürzung der Absonderung mittels „Freitesten“, wenn jemand also einen negativen PCR-Test vorweisen kann. Andernfalls müsse man gerade in den Wintermonaten mit verheerenden Folgen für die Betriebsabläufe rechnen.

Daten werden nicht erhoben

Um das epidemio­logische Risiko dieses „Freitestens“ einschätzen zu können, ist die Frage relevant, wie oft seit Anfang März in Vorarlberg negativ getestete und abgesonderte Personen innerhalb ihrer 10-tägigen (früher 14-tägigen) Quarantäne doch noch an Covid-19 erkrankt sind. Landessanitätsdirektor Wolfgang Grabher erklärte auf Anfrage, dass man derartige Zahlen in Vorarl­berg nicht erhebe. Allerdings sagte er: „Der Sanitätsabteilung ist kein Fall bekannt, dass eine negativ getestete Person andere Personen angesteckt hat oder danach schwer erkrankt ist.“

Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher erklärte ebenfalls, dass es keine Auswertung gebe, wie oft negativ getestete Personen innerhalb ihrer Absonderungszeit doch noch erkrankt sind. Sie wartete mit anderen Zahlen auf: So seien in den vergangenen zehn Tagen 729 Menschen in Vorarlberg positiv getestet worden. „Mehr als 70 Prozent von ihnen hatten nachgewiesenen Kontakt zu einer positiv getesteten Person.“ Die Auswertungen würden auch zeigen, dass derzeit rund 40 Prozent der Abgesonderten in weiterer Folge erkranken.

Landeshauptmann Markus Wallner ist derzeit das prominenteste Beispiel für eine Absonderung trotz negativem PCR-Test.                                  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Landeshauptmann Markus Wallner ist derzeit das prominenteste Beispiel für eine Absonderung trotz negativem PCR-Test. Klaus Hartinger

Das von der Wirtschaft geforderte „Freitesten“ mit einer Verkürzung der 10-Tages-Absonderung nach einem negativen PCR-Test bezeichnete Rüscher als „völlig illusorisch“. Das gehe sich schon allein vom Zeitablauf her nicht aus. Denn nur im optimalsten Fall könnten Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen innerhalb von nur wenigen Tagen ausfindig gemacht, telefonisch kontaktiert sowie im Bedarfsfall abgesondert und getestet werden. „Und da ­Absonderungen rückwirkend für zehn Tage ab dem Kontakt mit der infizierten Person ausgesprochen werden, befinden sich die meis­ten Menschen ohnehin nicht für zehn Tage in tatsächlicher Absonderung, sondern für deutlich weniger“, so Rüscher.

Da die meisten Covid-19-Erkrankungen zwischen dem fünften und siebten Tag nach Kontakt ausbrechen, würde ein „Freitesten“ ihrer Ansicht nach erst ab dem achten Tag Sinn machen. „Dann würde man das negative Testergebnis am neunten Tag bekommen und am zehnten Tag endet die Quarantäne ohnehin. Dafür würde sich der verwaltungstechnische Aufwand nicht lohnen“, sagte sie.

Die meisten Menschen befinden sich ohnehin nicht für zehn Tage in tatsächlicher Absonderung

Martina Rüscher, Gesundheitslandesrätin

Auf Wirtschaftsseite sieht man das anders. Denn auch die Verkürzung um nur einen oder zwei Tage bringt über das ganze Land betrachtet gleich einmal mehrere Tausend Arbeitsstunden. „Aus Sicht der Wirtschaft muss es dringend ermöglicht werden, sich freiwillig frei zu testen und generell die Anzahl der Personen in Quarantäne möglichst gering zu halten sowie Quarantänezeiten zu verkürzen“, meinte IV-Vorarlberg-Geschäftsführer Matthias Burtscher. Denn auch wenn die behördliche Absonderung erst ein paar Tage später bei den Mitarbeitern ankomme, so seien die Mitarbeiter in vielen Fällen schon früher nicht mehr in den Betrieben.

Neue Regelung

Landesrätin Martina Rüscher wies indes auf eine andere Erleichterung für Unternehmen und Mitarbeiter hin, die seit einigen Tagen gelte und in vielen Firmen noch nicht so bekannt sei. „Wenn alle Personen einer betroffenen Gruppe einen gewöhnlichen und eng anliegenden Mund-Nasen-Schutz getragen haben, dann werden nur jene Personen abgesondert, die positiv getestet werden“, erläuterte sie. Bei allen anderen Personen verhindere ein Mund-Nasen-Schutz jetzt die Absonderung, auch wenn die Mindestabstände nicht eingehalten werden konnten, so Rüscher. Bedingung sei aber, dass ihn alle Personen zu jeder Zeit des Kontaktes getragen haben. Bislang war es bekanntlich so, dass nur eine Schutzmaske der Klasse FFP2 oder höher eine Absonderung verhinderte.
Günther Bitschnau/wpa

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.