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Eiskönigin – 22 Grad sind nicht immer 22 Grad

25.10.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Es ist furchtbar. Es ist eine absolute Katastrophe. Es ist, gelinde gesagt, ein Horror. Es wird kalt. Seit ich kein männ-liches menschliches Wesen mehr in meinem Haushalt habe, kann ich das noch dazu sagen, ohne dass mir permanent wider-sprochen wird. Es ist kalt! Ganz unabhängig davon, was denn ein Thermometer so anzeigen mag. Denn auch wenn dieses mir mitteilt, dass es im Haus momentan 22 Grad hat, sind das dennoch „herbstliche-kurz-vor-Wintereinbruch-22-Grad“. Es gibt diesbezüglich nämlich eklatante Unterschiede, die meines Erachtens wissenschaft-lich noch nicht angemessen untersucht wurden. Das Emp-finden dieser 22 Grad ändert sich nämlich mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Spaziere ich im Sommer bei diesen Temperaturen in kurzer Hose und barfuß durch die Wohnung, benötige ich derzeit eine lange Hose, zwei Pullover plus Schal und eine Wollweste darüber – und dennoch: beim Tippen sind meine Finger immer noch kalt. Ich muss heizen. Das Wunderbare daran: nie-mand, wirklich niemand runzelt jetzt die Stirn, zieht demonstra-tiv sein T-Shirt aus, zeigt auf das Innenthermometer und meint: „Heidi! Es hat 22 Grad!“, nur um dann wieder die Heizung abzu-drehen, während ich Pullover Nummer vier aus dem Kasten hole. In den allermeisten Fällen, so konnte ich durch eigens an-gelegte Feldforschung eruieren, sind es Personen männlichen Geschlechtes, die mir mein besonderes Kälte-empfinden absprechen und es für Einbildung halten. Ein liebe-volles Streicheln ihrer Wangen meinerseits hat sie dann ab und an doch noch überzeugen können, dass wohl nicht alles meiner Fantasie entspringt. Allerspätestens jedenfalls dann, wenn sie den durch meine Be-rührung entstandenen Eisfilm von ihrer Gesichtshaut kratzten. In einem hauptsächlich vom weiblichen Geschlecht domi-nierten Haushalt, wie ich ihn hier jetzt habe (der Kater zählt nicht), gibt es diese Temperatur-konflikte nicht. Wir haben jetzt eiskalte 22 Grad Innentempera-tur, vollkommen logisch, es wird Winter. Wärme und Kälte sind nun einmal nicht nur Zahlen auf einer Skala, sie sind eine Stim-mung im Kopf und der Blick auf den Nebel draußen. Abgesehen davon, genau jene Männer, die schmunzelnd den Heizkörper bei 22 Grad Innentemperatur abstellen, sind meist genau jene, die im Sommer bei 22 Grad Wassertemperatur quietschend nur bis zum Bauchnabel ins Badewasser staksen, um dann wieder umzudrehen, weil es so grauslich kalt ist. Ich übrigens finde 22 Grad Sommerwasser-temperatur perfekt. Ich freu’ mich jetzt schon wieder darauf.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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