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Vom Fisch über Affen bis zum Menschen

29.10.2020 • 12:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Daniela Hagspiel ist Evolutionspädagogin und arbeitet mit Kindern. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Daniela Hagspiel ist Evolutionspädagogin und arbeitet mit Kindern. Klaus Hartinger

Entwicklung Menschen verläuft laut Evolutionspädagogen in sieben Stufen.

Prägende Phasen schreiben sich in unserem Körper ein. Selbst wenn wir sie längst vergessen haben beziehungsweise wenn sie vor dem Beginn unseres bewussten Erinnerns liegen. Stehen wir unter Stress, können sich diese frühen Erfahrungen wieder bemerkbar machen. Empfinden zum Beispiel Schulkinder Leis­tungsstress, haben sie vielleicht nicht mehr die richtige Körperspannung, um sich auf den Unterricht oder die Hausaufgaben konzentrieren zu können. Dann kommen manche von ihnen mit ihren Eltern zu Daniela Hagspiel in die Praxis, um positive Impulse zu erhalten und die Entwicklung wieder in eine gute Richtung zu lenken. Hagspiel hat selbst drei Kinder, arbeitet seit 1996 als Kindergartenpädagogin und ist ausgebildete Evolutionspädagogin.

Ursprung

Die Evolutionspädagogik wurde im Jahr 1990 von Ludwig Koneberg in München erstmals eingetragen und entwickelt und ist somit eine recht junge Disziplin. Sie basiert zum einen auf aktuellen Erkenntnissen aus der Gehirn- und Lernforschung. Zum Zweiten fußt sie auf der darwinschen Beobachtung und Lehre. Und zum Dritten bezieht sie viele Übungen aus der pädagogischen Kinesiologie mit ein.
Darwin war schon Mitte des 19. Jahrhunderts aufgefallen, dass der Mensch in seiner Entwicklung vom Fötus bis zum Erwachsenen die sieben Stufen der Evolution durchläuft: etwa von dem wie ein Fisch im Mutterleib schwimmenden Embryo über das wie ein Krokodil robbende Kleinkind bis hin zum wie ein Affe kletternden Kind. Das sich schließlich aufrichtet, „im Leben steht“ und wie die Urmenschen unsere komplexe Lautsprache entwickelt hat.

Bewegung ist in der Praxis ein wesentliches Element. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bewegung ist in der Praxis ein wesentliches Element. Klaus Hartinger

Die sieben Entwicklungsstufen sind nicht nur mit (Fort-)Bewegungen verknüpft, sondern auch mit kognitiven und emotionalen Entwicklungsstufen des Kindes. Im vorgeburtlichen Schaukeln im Mutterleib lernt das Kind Urvertrauen. „Dieses Weltvertrauen bedeutet für das Kind die Grundhaltung: ,Ich nehme es, wie es kommt. Alles hat einen Sinn!‘“, beschreibt die Expertin Hagspiel. Die zweite Stufe benennt sie mit „Erlebnissicherheit: ‚Ich bin neugierig auf die Welt‘“. In der dritten Stufe erlernt das Kind Körpersicherheit: „Ich habe meine Kräfte im Griff.“ Die Gefühlssicherheit schließlich bedeutet, dass das Kind spürt, was ihm guttut, und dass es mit seinen Gefühlen umgehen kann. „Wenn ich ständig sehr emotional reagiere, mich vieles umhaut, dann habe ich vielleicht Mangel an Verhaltensmöglichkeiten in dieser Entwicklungsstufe“, sagt die Evolutionspädagogin. Es folgt die Gruppensicherheit: „Bin ich der Anführer, oder ducke ich mich weg? Wie kann ich in der Gemeinschaft meine Individualität leben?“ Am Ende steht bei dem dann etwa dreijährigen Kind die Entwicklung der Sprachsicherheit. „Körperausdruck und lautliche Sprache gehören zusammen. Ich habe mit beiden gelernt, mich und meine Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Dank der körperlichen und kognitiven Entwicklung kann ich eine gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz, Gruppe und Individualität und Sprache und Körper halten.“

Diagnostik

Lernen, so sagt es darüber hinaus die neueste Forschung, passiert über neue Verknüpfungen im Gehirn. Je mehr diese Verknüpfungen verwendet werden, je häufiger jemand also auf eine bestimmte Art denkt oder handelt, desto stärker werden diese Verknüpfungen ausgebaut. Dabei vollzieht sich Lernen übers Erleben, also Bewegung. Bewegung ist daher in der Praxis von Daniela Hagspiel ein zentrales Element.
Am Anfang allerdings steht erst einmal eine ausführliche Diagnostik. Das Kind und seine Eltern erzählen von den akuten Schwierigkeiten. Dann kommt ein Screening-Verfahren zum Einsatz.

Ziel, das Wissen weiterzugeben

Auch wenn es sich bei der Evolutionspädagogik um eine noch recht junge Disziplin handelt, ist sie durchaus in Vorarlberg schon verankert. Daniela Hagspiel gibt ihr Wissen an andere weiter, gibt kleine Einführungskurse für Kindergärtnerinnen und Lehrer oder bildet interessierte Menschen aus allen möglichen Berufssparten zu Evolutionspädagogen aus. Dank dieser Arbeit sind mittlerweile in vielen Vorarl­berger Gemeinden, wie zum Beispiel in Alberschwende, Au, Schwarzach, Batschuns, Lustenau, Altach und Hittisau, Evolutionspädagoginnen vertreten.

Beim Kindergarten in Alberschwende wurde von der Gemeinde vor zwei Jahren eine Erweiterung realisiert – in Zusammenarbeit mit Hagspiel und nach den Vorstellungen der Evolutionspädagogik. Dort gibt es nun eine Kindergartengruppe mit entsprechendem Schwerpunkt. Mittlerweile wird in mehreren elementarpädagogischen Einrichtungen Vorarlbergs die Evolutionspädagogik in den Jahreskreis eingebaut. Es werden nicht die einzigen hierzulande bleiben, wenn man davon ausgeht, dass kollektives Lernen funktioniert wie das Lernen im Gehirn: Bewährt sich etwas in der Praxis, wird es vermehrt angewandt.

Die Pädagogin lässt das Schulkind Schleifen zeichnen, die linke von der rechten Körperseite unterscheiden, mit den Augen einem Stift folgen. Anhand solcher und weiterer Übungen erkennt sie, wo die Blockade liegt. „Versagt zum Beispiel beim Vortragen die Stimme, zittern die Hände oder hat der Schüler oder die Schülerin in der Mathearbeit ein Blackout, wurde im Gehirn der Kampf- und Fluchtreflex ausgelöst, und eine Blockade besteht. Dann bearbeiten wir die entsprechende Entwicklungsstufe mit gezielten Übungen, um Verknüpfungen im Gehirn zu schaffen, die es bisher noch nicht gibt“, beschreibt Hagspiel. Die Evolutionspädagogik geht nämlich davon aus, dass die kognitive Entwicklung über körperliche Übungen getriggert werden kann und dass ausgelassene Entwicklungsstufen „vom Fisch bis zum Menschen“ beliebig spät nachgeholt werden können. Entsprechend sind Hagspiels Klienten Kleinkinder, Kinder, Erwachsene und auch ältere Menschen.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Menschen verbessern sich

Fehlt ihrer Klientin das nötige Urvertrauen, wird die Bregenzerwälderin mit ihr vorgeburtliche Schaukelbewegungen nachvollziehen. Kinder, die die Entwicklungsstufe des Krabbelns ausgelassen haben, wird sie zu entsprechenden Übungen anleiten. „Indem ich zu etwas oder jemandem hin- oder von ihm wegkrabbeln kann, lerne ich Nähe und Distanz selbstständig zu regulieren. ‚Was lasse ich also wie nahe an mich heran? Was tut mir gut und was lasse ich lieber sein?‘, das sind damit verbundene Themenfelder, an denen wir indirekt arbeiten“, erklärt die Mutter dreier Kinder. Die Impulse, die sie in ihren Sitzungen gibt, sind Lernimpulse für die Gehirne ihrer Gegenüber. Deren Synapsen verkabeln sich neu, und in den folgenden Wochen geht es darum, die neue Verbindung im Gehirn zu nutzen. Wenn die Schüler wieder etwas vortragen müssen, ein neuer Mathetest ansteht, dann sagt das Gehirn: „Stopp mal, hier gibt es eine neue Möglichkeit zu handeln.“

Und weil Menschen lernen, sich verbessern, von der Evolution her gesehen überleben wollen, werden sie die neue Möglichkeit nutzen. Je öfter, desto selbstverständlicher. Und wenn nach vier Wochen die nächste Sitzung mit Daniela Hagspiel ansteht, dann sitzt vor ihr ein deutlich entspannterer, souveränerer Mensch. Der vielleicht gar keine nächste Sitzung mehr braucht, weil er erfahren hat: Er selbst kann den gordischen Knoten durchschlagen.

Zur Person

Daniela Hagspiel

Evolutionspädagogin und Ausbildnerin

Achrain 929, Alberschwende

Tel. 0650-9577988

E-Mail: daniela.hagspiel@lernberatung-pp.net

Web: www.lernberatung-pp.net

Der nächste Ausbildungslehrgang startet am Freitag, 6. November 2020. Dafür sind nur noch zwei Plätze frei.

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