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Beim letzten Geleit Begleiter sein

31.10.2020 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Beim letzten Geleit
Begleiter sein

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Hartinger

Patrick Nuck ist Bestatter und führt mit seinem Bruder den Betrieb.

Grabpflege machen wir selbst kaum, insofern ist Allerheiligen für uns ein Tag wie jeder andere auch“, erklärt der 38-jährige Patrick Nuck vom Bestattungshaus Hofsteig, das er mit seinem älteren Bruder Jochen führt. In Wolfurt, gerade ein paar Meter hinter dem Ortsschild, befindet sich das große Gebäude mit Ausstellungsraum für Särge und Urnen, mit Werkstatt, Lager für Aufbahrungsrequisiten, Einbettungen und Grabkreuze, einem Kühlraum mit Platz für neun Särge und einem Verabschiedungsraum.

Im Umgang mit den Angehörigen von Verstorbenen ist Einfühlungsvermögen gefragt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Umgang mit den Angehörigen von Verstorbenen ist Einfühlungsvermögen gefragt. Hartinger

Mit der üblichen Bestuhlung finden hier 110 Menschen Platz für eine Trauerfeier, wenn der oder die Verstorbene etwa aus der Kirche ausgetreten war oder eine Feier im kleineren Rahmen gewünscht wird, oder für eine Verabschiedung am offenen Sarg. Die Zeugen Jehovas oder Freikirchen hätten auch schon eine Zeremonie gestaltet, erzählt Patrick Nuck. Die Technik im Raum ist ausgeklügelt, es gibt einen in die Decke eingelassenen Beamer samt Leinwand, um etwa Fotos aus dem Leben des Verstorbenen zu zeigen, aus Kindertagen bis zuletzt, so, wie derjenige in Erinnerung bleiben wird. „Tritt der Todesfall im Krankenhaus ein, so wird der Verstorbene nur vier Stunden aufgebahrt. Wenn Angehörige bei der Arbeit, im Ausland oder im Urlaub sind, haben sie da oft nicht die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass es sehr wichtig ist, den Toten nochmals zu sehen, ihm vielleicht übers Gesicht zu streicheln, um zu realisieren, dass er wirklich tot ist. Mit ihm Zwiesprache zu halten, ihm möglicherweise zu verzeihen.“

“Unser Lebenswerk”

Im Verabschiedungsraum ist es im Sommer angenehm kühl und im Winter schön warm, Kerzen, Porzellanengel und von der Familie ausgesuchter Blumenschmuck spenden dezent Trost. Zu den Feierlichkeiten gibt es regelmäßig Musik, Gedichte, Tränen. Und wenn die Witwe am Ende auf dem Friedhof noch einmal Patrick Nucks Hand drückt und sagt: „Vielen Dank für die einfühlsame Begleitung“, dann weiß Nuck einmal mehr, wofür er und seine Kollegen arbeiten. „Dieses Gebäude und alles, was wir darin machen, ist unser Traum, unser Lebenswerk. Menschen zur Seite zu stehen, Ansprechpartner zu sein in der für sie schwierigsten Zeit, ist für mich eine Herzensangelegenheit.“

Blumenschmuck, Kerzen und Porzellanengel sollen im Verabschiedungsraum Trost spenden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Blumenschmuck, Kerzen und Porzellanengel sollen im Verabschiedungsraum Trost spenden. Hartinger

Seit 14 Jahren folgt er seinem Vater in dessen Beruf. Das erste Friedhofskreuz bei einer Beerdigung getragen hat der 38-Jährige vor 30 Jahren. „Ich habe neben meinem Vater Gräber mit der Kinderschaufel mit ausgehoben. Ich bin sozusagen auf dem Friedhof aufgewachsen.“ Wenig verwunderlich, dass er keine Berührungsängste mit dem Tod hat. Sein Beruf hat ihm vielmehr gezeigt, was wesentlich ist. „Man sagt ja so schön: ,Das letzte Hemd hat keine Taschen‘, oder: ,Es nützt dir nichts, wenn du der Reichste auf dem Friedhof bist.‘ Als Bestatter wechselst du die Perspektive im Leben. Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen, Gesundheit, Zufriedenheit im Guten mit deinen Lieben auseinanderzugehen, das ist es, was wirklich zählt. Man wird als Bestatter bodenständiger und weniger materiell ausgerichtet. Das Leben ist so, wie es ist, jetzt und unverfälscht“, beschreibt Nuck. Er wohnt mit seiner Familie ein Stockwerk höher. Jeden Morgen geht er bereits gegen 6 Uhr hinunter, schaut, ob für den Tagesbetrieb alles seine Ordnung hat. Als Arbeit empfindet er seinen Job nicht.

Schwierige Seiten

Trotzdem gibt es auch für ihn als Bestatter schwierige Erfahrungen, wie beispielsweise die Lockdown-Zeit. „Bestattungen sind ein gesellschaftlicher Anlass. Zur bisherigen Corona-Hoch-Zeit ist nicht nur dieser Aspekt weggefallen, weil die Trauerfeiern auf zehn oder fünf Menschen begrenzt waren. Es war auch ein Einschnitt in die gesamte Bestattungskultur.“ Blumen, Aufbahrungen, Zeit am Grab – all das war von einem Tag auf den anderen weggefallen.

Patrick Nuck ist als Bestatter in die Fußstapfen seines Vaters getreten. <span class="copyright">Hartinger</span>
Patrick Nuck ist als Bestatter in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Hartinger

Etwas ist ihm in der Lockdown-Phase aufgefallen: Sonst war es gängig, in die Traueranzeige zu schreiben: „Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen.“ Jetzt, fast allein am Grab, fehlten sie den Trauernden plötzlich, die Menschen, die mit dem Verstorbenen ebenfalls Erinnerungen teilten, ein gemeinsames Stück seines Wegs gegangen waren. Mitfühlende Worte, die sonst beinah als zu aufdringlich erschienen waren. Die Trauergemeinschaft, sie wurde vermisst, erzählt der Wolfurter.

Ansehen des Bestatters

Zu Corona-Zeiten oder nicht, der Bestatter ist heute ein wesentlicher Teil der Gesellschaft. Er ist, wie im Fall von Patrick Nuck, vielleicht tätowiert, fährt Motorrad, steht auf dem Fußballplatz. Früher war das mit dem Ansehen des Bestatters dagegen ein eher schwieriges Kapitel. Nuck kann sich noch gut erinnern: „Als ich ein Bub war, kam es schon mal vor, dass jemand meinem Vater nicht die Hand geben wollte oder in der Wirtsstube die Seite gewechselt hat, weil mein Vater ja angeblich den ganzen Tag Leichen angefasst hat. Andererseits wurde früher die Totenwache im Haus des Verstorbenen gehalten. Die Nachbarn waren da, der Pfarrer, in der Stube wurde geweint, in der Küche getrunken. Der Tod war noch viel präsenter.“ Heutzutage kann der Sarg zumindest im Verabschiedungsraum bei Nucks in Wolfurt noch einmal geöffnet werden, um in Ruhe und im geschützten Rahmen Abschied zu nehmen. Nuck zitiert: „Den eigenen Tod, den stirbt man nur. Mit dem Tod anderer muss man leben.“ Gut, wenn man mit ihm dank eines stimmigen Abschieds bestmöglich leben kann.

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