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„Der Verstorbene soll sichtbar werden“

01.11.2020 • 10:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Die Verstorbene war gerne in den Bergen. Die Trauergäste brachten Steine mit guten Gedanken und Wünschen. <span class="copyright">Privat</span>
Die Verstorbene war gerne in den Bergen. Die Trauergäste brachten Steine mit guten Gedanken und Wünschen. Privat

Verein Abschied in Würde gestaltet seit 26 Jahren Trauerfeiern.

Sie sind seit Kurzem Obfrau des Vereins „Abschied in Würde“. Warum haben Sie diese Aufgabe übernommen?
Marielle Manahl:
Ich bin aus meiner Auszeit nach den „Projekten der Hoffnung“ zu „Abschied in Würde“ gekommen, wobei mich die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben schon lange begleitet. Ganz bewusst begann es vor 26 Jahren, als ich den Hospizlehrgang im Bildungshaus Batschuns machte. Vor drei Jahren habe ich erfahren, dass „Abschied in Würde“ Ritualleiterinnen sucht. Und je mehr Abschiedsrituale ich seitdem gemacht habe, desto mehr spürte ich, wie sehr ich diese „Arbeit“ liebe. Als ich im Vorjahr gefragt wurde, ob ich das Amt der Obfrau übernehmen will, konnte ich mir das gut vorstellen.

Sind es ausschließlich nicht getaufte Menschen, für die Sie Abschiedsfeiern gestalten?
Manahl:
Nein, es ist ganz unterschiedlich. Wir haben auch Mitglieder, die nach wie vor bei einer religiösen Gemeinschaft, meistens ist es die katholische Kirche, sind. Geschätzt wird von den Menschen, die mit uns eine Trauerfeier machen, dass unsere Abschiedsrituale sehr persönlich sind, mit dem Verstorbenen im Mittelpunkt. Bei einer konfessionellen Verabschiedung ist der Ritus vorgegeben, und darin findet der Verstorbene Platz. Bei unseren Verabschiedungen geht es ausschließlich um den, der gegangen ist, unter Einbeziehung derer, die zurückbleiben.

Was sind die genauen Unterschiede zu einer christlichen Beerdigung?
Manahl:
Der zentrale Unterschied ist der, dass ein vorgegebener Ritus wegfällt. Für mich hat eine Verabschiedung, wie sie „Abschied in Würde“ macht, auch ganz viel mit Eigenermächtigung zu tun.

Marielle Manahl begleitet Trauernde. <span class="copyright">Angela Lamprecht</span>
Marielle Manahl begleitet Trauernde. Angela Lamprecht

Das heißt?
Manahl:
Das heißt, dass wir als Menschen selber in der Lage sind, mit dem Göttlichen in Berührung zu kommen, und aus dieser Verbindung heraus jemanden gut verabschieden können. Ich brauche nicht zwingend eine Mittlerfunktion.

Also etwa einen Priester?
Manahl:
Genau. Die fällt da weg, und gleichzeitig ist es trotzdem für jeden Menschen anders. Es gibt Menschen, die können bei einer Messe mit einer transpersonalen Ebene in Verbindung sein und bei „Abschied in Würde“ vielleicht nicht. Und umgekehrt. Das eine schließt das andere nicht aus. Ein Unterschied liegt auch im Einbeziehen von Angehörigen in den Abschied.

Ist das stärker?
Manahl:
Ja, das geht über das Lesen der Lebensschau hinaus. Es ist Platz für ganz persönliche Reflexionen und Rituale. Im Trauergespräch laden wir dazu ein. Was die Familie letztlich annimmt, ist deren Entscheidung.

Welche Wünsche äußern die Angehörigen?
Manahl:
Das ist ganz unterschiedlich. Uns als Verein geht es darum, einzuladen und eine Auseinandersetzung mit einer bewussteren Abschieds- und Trauerkultur zu fördern. Der Verstorbene soll sichtbar werden, und die, die zurückbleiben, in diesem Abschiedsprozess gut begleitet werden. Aber in erster Linie soll der Mensch, der gegangen ist, mit all dem, was ihn ausgemacht hat, auch mit dem, was schwierig war, gewürdigt und sein Leben auf dieser Erde gefeiert werden.

ZUR person

Marielle Manahl

Geboren 1963

Beruf: Begleitung | Rituale | Naturcoaching

Lebt in Feldkirch

Seit 2. Oktober Obfrau des Vereins „Abschied in Würde“

Was heißt das?
Manahl:
Wir klammern Schwierigkeiten im Leben des Verstorbenen nicht aus. Es ist möglich, selbst nicht einfache Themen oder Lebensphasen respektvoll anzusprechen. Ich höre immer wieder einmal, dass Leute sagen: „Ich war auf einer Beerdigung und habe gedacht, ich bin auf der falschen, weil Dinge gesagt wurden, die nicht mit der Lebensrealität übereinstimmten.“ Gleichzeitig müssen auch wir akzeptieren, wenn Angehörige sich entscheiden, Schweres auszuklammern. Das kommt aber nicht sehr oft vor.

Haben Vereinsmitglieder den Ablauf ihrer eigenen Verabschiedung auch schon vorgeplant?
Manahl:
Ja, es gibt bei uns die Möglichkeit, sein Abschiedsritual zu Lebzeiten vorbereiten zu lassen. Wenn dieses dann zum Tragen kommt, wird mit den Angehörigen geschaut, was sich zwischen Vorbereitungszeitpunkt und Tod noch verändert hat, und das wird dann adaptiert. Doch grundsätzlich bleibt das Ritual so, wie es von dem Verstorbenen mit uns vorbereitet wurde. Wir empfehlen auch, diese Trauerfeier alle paar Jahre wieder durchzulesen, Änderungen zu sammeln und neu zu besprechen.

Wie wird prinzipiell mit Sterben, Tod, Trauer in unserer Gesellschaft umgegangen?
Manahl:
Als ich 1994 beim zweiten Hospizlehrgang in Vorarl­berg die Ausbildung gemacht habe, hatte ich in der Folge den Eindruck, dass das Thema Tod und Sterben gerade auch mit dem Aufbau der Hospizbewegung in der Gesellschaft präsenter war als vorher. Jetzt nehme ich wieder mehr Stillstand wahr.

Der Vorstand: Marielle Manahl, Edith Maria Fuchs, Susa Kennedy und Martina Schraml (v.r.).<span class="copyright">Angela lamprecht</span>
Der Vorstand: Marielle Manahl, Edith Maria Fuchs, Susa Kennedy und Martina Schraml (v.r.).Angela lamprecht

Warum ist das so?
Manahl:
Es ist schwer, Gefühle wie Schmerz und Trauer einfach da sein zu lassen. Daher kommt es häufig vor, dass Menschen ihre Angehörigen sehr schnell beerdigen möchten. Wenn ich schnell beerdigen muss, gibt es unter Umständen etwas, dem ich ausweiche. Daher laden wir immer dazu ein, sich Zeit zu nehmen. Ich habe in sehr kurzer Zeit beide Elternteile verloren. Beide waren nach dem Tod noch fast eineinhalb Tage aufgebahrt, wir haben selber die Totenwaschung gemacht, gemeinsam gesungen, gebetet, sind in Stille gewesen. Das war eine Zeit, die für mich sehr wertvoll war.

Inwiefern?
Manahl:
Die Zeit vom Tod bis zur Beisetzung ist eine besondere Zeit, es eröffnet sich eine Art Zwischenzeit, die einen Raum für tiefes Spüren, Reflektieren, Erinnern, Trauern aufmachen kann. Man weiß zudem aus der Forschung, was es mit uns Menschen macht, wenn wir einen Abschied bewusst be- und durchschreiten können. Ich erinnere mich an einen Film, den wir in der Hospizausbildung gesehen haben. Da ging es um Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Da war ein Paar, das sein totes Kind nicht mehr gesehen hat, ein anderes konnte es für 24 Stunden nochmals mit heim nehmen. Ein Jahr später waren Letztere noch in Trauer, gleichzeitig aber auch im Leben. Das andere Paar war im Schmerz versunken ohne Lebendigkeit und Freude.

Kann man sich auf den Tod vorbereiten?
Manahl:
Dieser Moment, in dem ein Mensch den letzten Atemzug tut, ist jedes Mal ein Mys­terium. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Aber ich kann mich vielleicht insofern vorbereiten, dass ich mich mit dem Tod immer tiefer anfreunde. Für mich ist es wichtig, mich mit der Endlichkeit – letzten Endes von allem – immer wieder auseinanderzusetzen. Durch die Säkularisierung wurde alles delegiert, was mit dem Tod zu tun hat. Ein Mensch stirbt, er wird abgeholt, und das ist es. Über viele Jahrhunderte lag die Begleitung von Gebärenden und Sterbenden in Frauenhand. Es gab die Sterbeammen und Seelenfrauen – das waren meistens auch die Hebammen –, die den Menschen beim Sterben begleitet und auch seinen Leib versorgt haben. Diese Frauen wussten, dass Beginn und Ende des Lebens große Ähnlichkeiten haben und vonseiten der Helfenden ähnliche Kompetenzen und Fertigkeiten erfordern.

Wie hat sich die aktuelle Corona-Krise eigentlich auf die Tätigkeit von „Abschied in Würde“ ausgewirkt?
Manahl:
Es mussten zu Beginn einige Verabschiedungen verschoben werden. Ansonsten war es einfach stiller, ruhiger.

Abschied in Würde

Der Verein „Abschied in Würde“ wurde 1994 auf Initiative der Götznerin Christl Büsel gegründet. Ihr Anliegen war es, dass jeder Mensch eine würdevolle Verabschiedung erhalten sollte. Jährlich werden zwischen 60 und 100 Verabschiedungen durchgeführt, 2017 wurde die die 1000. Trauerfeier abgehalten. Die Verabschiedungen finden in unterschiedlichen Räumlichkeiten statt, um die sich die Angehörigen kümmern müssen. Häufig sind es kirchliche Einrichtungen, Kirchen, Kapellen, Pfarrsäle, aber auch Räume in Bestattungsunternehmen und anderes.

Die Kosten für eine Trauerfeier betragen 730 Euro, für Mitglieder 365 Euro. Ab dem achten Jahr der Mitgliedschaft ist die Verabschiedung kostenlos, informiert Marielle Manahl, die seit Anfang Oktober dieses Jahres Obfrau des Vereins ist. Die Vorbereitung auf eine Trauerfeier beansprucht in etwa zwischen 12 und 15 Stunden.

Die Dauer der Verabschiedung variiert zwischen eineinviertel und eindreiviertel Stunden. Auch religiöse Aspekte können eingebracht werden.

Derzeit hat der Verein zwei Ritualleiter und zwei Ritualleiterinnen. Getragen wird er von rund 600 Mitgliedern. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt 35 Euro.

Nähere Informationen unter www.abschied-in-wuerde.at.