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“Der Terror ist auch bei uns”

04.11.2020 • 08:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Auch am Dornbirner Marktplatz wird der Opfer gedacht.    <span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Auch am Dornbirner Marktplatz wird der Opfer gedacht. Klaus Hartinger

Psychiater Reinhard Haller über den Anschlag und seine Folgen.

Der Terroranschlag in Wien hat ganz Österreich erschüttert. Was macht das mit Menschen in einem Land, die derartiges eigentlich nicht kennen?
Reinhard Haller:
In einer Zeit der Globalisierung ist dieser Effekt doch ein bisschen ein anderer. Aber generell meine ich schon, dass wir geglaubt haben, dass Österreich die berühmte Insel der Seligen ist und es solche Anschläge nur in Paris, Berlin oder im Mittleren Osten gibt. Jetzt müssen wir erkennen, dass der Terror auch bei uns ist und es ein Stück weit bedrohlich und ungemütlich geworden ist in unserem Haus.

Wie reagiert da die menschliche Psyche?
Haller:
Mit ganz normalen Reaktionen. Zunächst mit Schrecken, mit Ungläubigkeit, also einer Art Schockstarre. Dann kommen die ganz normalen psychischen Reaktionen, Entsetzen und in weiterer Folge Angst. Bei vielen Menschen wird jetzt auch das Gefühl aufkommen, dass gerade in diesem wirklich schwierigen Jahr, jetzt dieser Terror auch noch kommt. Das ist für die meis­ten Menschen sehr belastend.

Schwerbewaffnete Polizisten am Tag danach in Wien.                                         <span class="copyright">apa/Schlager</span>
Schwerbewaffnete Polizisten am Tag danach in Wien. apa/Schlager

Wie wirken sich dabei die weit verbreiteten Videos, auf denen auch angeschossene Menschen zu sehen sind, aus?
Haller:
Das ist das, was auch mich ein Stück weit besonders belastet. Dass diese Schaulust offensichtlich vor nichts und niemandem Halt macht. Das ist ein Problem. Dazu kommt, dass dadurch die Unmittelbarkeit erheblich verstärkt wird und damit auch die Belastung für die Menschen zunimmt. Andererseits besteht damit auch immer die Gefahr des Nachahmens. Man muss bei solchen Terroranschlägen immer davon ausgehen, dass sie auch einen gewissen Nachahmeffekt haben. Je mehr man darüber berichtet und das auch auf die Art und Weise wie auf diesen Videos dargestellt, umso größer ist die Gefahr, dass sich Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation wie der oder die Täter fühlen, angestachelt fühlen. Für mich ist es kein Zufall, dass nach den Anschlägen, die es international gegeben hat, nun auch dieser in einer Art Serie aufgetreten ist.

Wieso laden Menschen derartige Videos hoch, obwohl von der Polizei eindrücklich gefordert wurde, das nicht zu tun?
Haller:
Für mich als Psychiater ist das eine Art Schaulust. Man will zeigen, dass man unmittelbar dabei ist und das Ganze in einer Art und Weise darstellen kann, die zudem noch verboten ist. Da kommt diese Gier, Sensationen mitzuteilen dazu: Ich bin der, der diese Nachricht erbringen kann. Das spielt vermutlich eine wesentliche Rolle. Abgesehen davon, dass es in der heutigen Zeit offensichtlich zum Kommunikationsmuster dazugehört, dass man alles und jedes und natürlich ganz besonders so verbrecherische Vorkommnisse filmt und hochlädt.

Psychiater Reinhard Haller.                      <span class="copyright">Neue-Archiv/Hofmeister</span>
Psychiater Reinhard Haller. Neue-Archiv/Hofmeister

Wie können Menschen, die direkt vor Ort waren oder direkt betroffen waren, mit einem derartigen Geschehen umgehen?
Haller:
Die Reaktion der Menschen ist da völlig unterschiedlich. Ich denke, dass sich die meisten zurückziehen werden. Dann gibt es Menschen, die eine gewisse Resilienz haben und das eher von der Zuschauerwarte aus beurteilen und es gibt auch Menschen, die mehr oder minder schwer traumatisiert sind. Je näher ich am Ort des Geschehens bin und je mehr ich davon mitbekommen habe, desto stärker werden auch die psychischen Reaktionen ausfallen.

Wie lange kann es dauern, so etwas zu verarbeiten?
Haller:
Auch das ist unterschiedlich. Aber bei der posttraumatischen Belastungsstörung, die die gängigste Reaktion für Zeugen und unmittelbar Betroffene ist, ist es typisch, dass zunächst eine Art Schockstarre auftritt, dieses Gefühl der Unwirklichkeit. Die eigentlichen Symptome kommen dann erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. Erst nach einigen Tagen beziehungsweise Wochen kommen Depressionen, Schlafstörungen, Angstzustände, Nachhallerin­ne­rungen, Echophänomene oder sogenannte Intrusionen, also dass man das Wahrgenommene immer wieder in sich aufdrängenden Bildern sieht. Das kommt mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung und hält auch unterschiedlich lange an. In der Regel mindes­tens ein halbes Jahr, in manchen Fällen auch viel länger und da muss man auch therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Stilles Gedenken in Vorarlberg.                                       <span class="copyright">Hartinger</span>
Stilles Gedenken in Vorarlberg. Hartinger

Wie erklärt man Kindern, die das vermutlich mitbekommen, das Geschehene?
Haller:
Bei Kindern ist es wichtig, dass man ihnen zunächst einmal das Gefühl der Sicherheit gibt. Das ist das Allerwichtigste. Auf der anderen Seite soll man nicht versuchen, das Ganze zu verdrängen. Man muss hier eine behutsame Aufklärung machen, dass dieser Terror jetzt auch Österreich betroffen hat. Kinder bekommen das heute sowieso mit. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man mit ihnen darüber spricht, nicht in einer verdrängenden Art, aber auch nicht in einer sensationsheischenden und ihnen dabei immer das Gefühl gibt, bei mir bist du sicher.

Sie haben es vorher schon angesprochen: Corona-Lockdown und -Krise und jetzt Terror. Wie viel halten Menschen aus?
Haller:
Erfahrungsgemäß sehr viel, gerade auch Kinder. Das ist vielleicht fast vergleichbar – natürlich nicht in dieser ganz dramatischen Form – mit Kriegszeiten. Dort waren Menschen über längere Zeit hinweg einer permanenten Belastung ausgesetzt und dann kam es etwa in den letzten Kriegsjahren in Wien noch zu Bombenangriffen, unter anderem auf den Stephansdom.

Schreckliche Szenen haben sich am Montagabend in der Hauptstadt abgespielt.        <span class="copyright">apa</span>
Schreckliche Szenen haben sich am Montagabend in der Hauptstadt abgespielt. apa

Derzeit schaut es so aus, als ob es ein Täter wäre: ein einschlägig vorbestrafter 20-Jähriger mit österreichischer und nordmazedonischer Doppelstaatsbürgerschaft, der in Wien geboren wurde. Was bewegt solche Menschen zu einer derartigen Tat?
Haller:
In der Regel sind das aus der Gesellschaft Ausgeschlossene, Menschen, die aus irgendwelchen Gründen Außenseiter sind und die sich an der gesunden Gesellschaft rächen. In diesem Fall spricht schon der Tatort dafür, weil das sogenannte Bermudadreieck das vergnügliche Leben geradezu verkörpert. Das zweite ist, dass diese Menschen aus irgendwelchen Gründen radikalisiert worden sind, eine fanatische islamistische Idee übernommen haben. Damit legitimieren sie ihre Tat moralisch und bringen sich andererseits in eine mächtige Position, in der sie quasi Herr über Leben und Tod werden.

Was bezwecken sie damit?
Haller:
Dahinter steckt das, was bei Terroristen immer dahintersteckt, nämlich einerseits eine Botschaft rüberzubringen und andererseits die Gesellschaft zu verunsichern und zu spalten. Sie können mit relativ einfachen Mitteln weltweite Aufmerksamkeit und Schrecken erzielen, was dem Täter in Wien ja auch gelungen ist. Kriminalistisch gesehen ist das Schwierige daran, dass diese modernen Attentäter letztlich auch das eigene Leben in die Waagschale werfen. Manche streben es sogar an, sozusagen den Heldentod zu sterben, den Märtyrertod. Vor den Anschlägen vom 11. September 2001 hat man noch damit rechnen können, dass die Leute auch selbst überleben wollen. Das hat sich seit damals geändert. In Wien war es vermutlich nicht ein direkter Selbstmordattentäter, aber er scheint den Tod in Kauf genommen zu haben, was auf dasselbe rauskommt.

Der Mann wurde vorzeitig aus der Haft entlassen und galt nicht mehr als gefährlich. Hat er also sein gesamtes Umfeld getäuscht?
Haller:
Bei diesem Punkt müsste man auch ansetzen. Bei Terroristen ist oft das Problem, dass sie vorher nicht auffällig geworden sind. Diesen Mann hatte man schon als Hochrisikoperson identifiziert und in Gewahrsam. Da würde mich als Gerichts­psyschiater schon auch interessieren, ob er eine Therapie und Bewährungshilfe bekommen hat und welche Sicherungsmaßnahmen getroffen wurden – oder ob das alles dem großen Mangel an Psychologen und Psychotherapeuten in Justizanstalten zum Opfer gefallen ist. Es wäre vor allem in Hinblick auf die Prävention interessant, wie man mit dieser Hochrisiko-Person umgegangen ist.

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