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Ist Schließung von Schulen sinnvoll?

14.11.2020 • 12:53 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Ist Schließung von Schulen sinnvoll?

Mathematiker Norbert Mauser verlangt sofortige Schließung für drei Wochen.

“Lockdown sofort, Schulen, Betriebe, Handel, Kirchen – alles schließen! Wir sitzen derzeit wie in einem Auto, das mit Vollgas gegen eine Wand fährt. Wir werden dort hineinkrachen, wenn wir nicht eine Vollbremsung machen.” Univ.-Prof. Norbert J. Mauser

Endlich! Die Regierung wird den zweiten Lockdown, der am 3. November viel zu spät und viel zu weich gekommen ist, endlich so machen, dass wir die erschreckend steigende Anzahl der Ansteckungen, der IntensivpatientInnen, der Toten senken.

Bitte nicht Dienstag, sondern Montag – am besten heute!

Bei exponentiellem Anstieg mit über 9000 neuen Fällen pro Tag bedeutet jeder Tag warten nur weitere vermeidbare Tote.

Wir fahren seit Monaten ungebremst in die Katastrophe überlasteter Spitäler, wo Ärzte „Triage“ machen und PatientInnen unbehandelt sterben lassen müssen. Es ist de facto jetzt schon „Triage“, wenn geplante Operationen abgesagt werden – Menschen, die eine Behandlung brauchen, werden „weggeschickt“.

Es war spätestens seit Ende September vollkommen klar, dass wir wieder im exponentiellen Anstieg sind. Nicht nur der Autor, auch z. B. Erich Neuwirth hat das mit „logarithmischer Darstellung“ gesehen.

Es ist kein „Alarmismus“, es ist keine „Panikmache“, wenn die besten Wissenschaftler Österreichs, Wittgenstein/ERC/START-Preisträger, seit über einer Woche öffentlich davor warnen, dass wir in Zustände wie in Norditalien im März fahren.

Wir sitzen in einem Auto, das mit Vollgas gegen die Wand fährt, und Naturwissenschaftler an Bord rechnen anhand der gemessenen Zahlen wie Geschwindigkeit und Entfernung zur Wand aus, dass wir voll hineinkrachen, wenn wir nicht sofort eine Vollbremsung mit aller Kraft machen. Der Fahrer darf sich jetzt nicht beirren lassen, wenn ein Chor der Passagiere einsetzt: “Bei einer Vollbremsung können die Kinder hinten die Aufgaben nicht weitermachen!” – “Aber das kostet Bremsbeläge!” – “Aber das wird die Frauen mehr herumschleudern!” – “Vielleicht geht es sich ja eh mit einer sanften Bremsung aus!” – “Die Wand ist nur eine Einbildung!” – “Wir brauchen Experten für Wände und Bremsen, um das zu beurteilen, keine Mathematiker!”

Und „Vollbremsung“ = „voller“ Lockdown! Der im Frühjahr war deutlich früher und sofort hart – und in die warme Jahreszeit hinein! Welcher Narr kann glauben, dass wir jetzt mit einem weichen Lockdown in den kritischen Winter hinein den exponentiellen Anstieg stoppen können, wo wir jetzt im Gegensatz zum Frühjahr schon voll im steilen Teil sind!?

Leider muss alles, auch die Schulen, geschlossen werden – die Mär, dass Kinder nicht ins Infektionsgeschehen involviert seien, ist einfach falsch! Die internationalen seriösen Studien sagen was ganz anderes als die österreichischen Erzählungen – und jetzt auch die „Gurgeltest“-Studie von Michael Wagner, ebenfalls Wittgenstein Preisträger.

Schulen und ihr Umfeld (überfüllte Schulbusse), sind sicher mit Verursacher der „diffusen Haushalts-Cluster“ !

Wir müssen jetzt leider alles zumachen, für mindestens 3 Wochen, so wie Israel, das nach der Schulöffnung in den exponentiellen Anstieg gekommen ist.

Wenn wir es schaffen, in den 3 Wochen all die Konzepte umzusetzen, die für covid-konforme Schulen vorgeschlagen sind, können wir hoffentlich wieder halbwegs aufmachen.

Norbert J. Mauser
Norbert J. MauserSonstiges

Universitätsprofessor Norbert J. Mauser, Universität Wien und Direktor des Wolfgang Pauli Institutes, u.a. START Preisträger, arbeitet an Simulationen im Bereich Physik, Biologie/Medizin und seit dem Frühjahr an Covid-Simulationen mit dem einzigen Modell, das seit März zuverlässige Langzeitvorhersagen erlaubt hat.

“Die Schulen zu schließen, schränkt Kinderrechte massiv ein. Wenn das Kindeswohl bei dieser wichtigen Frage vorrangig berücksichtigt wird, wie es in der Verfassung steht, kann die Antwort nur lauten: Nein!” Denise Schiffrer-Barac

Schule ist eine der bedeutendsten Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen. In der Schule finden Bildung, soziales Lernen, persönliche Entwicklung und Gemeinschaft statt.

Schulen gänzlich zu schließen würde die Schere zwischen Kindern und Jugendlichen aus bildungsnahen und -fernen Familien größer werden lassen. Zahlreiche Kinder und Jugendliche verfügen nicht über die erforderlichen Internetkapazitäten oder einen eigenen Arbeitsplatz zu Hause. Auch wenn das Land schon im Frühjahr Endgeräte zur Verfügung gestellt hat, welche weiterhin in den Schulen zur Verfügung stehen, so kann auch das beste Distance-Learning den Präsenzunterricht nicht ersetzen. Gerade, wenn jüngere Kinder sich Unterrichtsstoff selbstverantwortlich erarbeiten müssen, brauchen sie auch bei bestem Engagement des Lehrpersonals erhebliche Unterstützung durch ihre Eltern. Einerseits wären Familien daher gefordert, ihre Kinder beim Erarbeiten und Erlernen des Stoffes vermehrt zu unterstützen und die gesetzliche Aufsichtspflicht einzuhalten, was für viele Eltern neben der eigenen Berufstätigkeit eine massive Belastung bedeutet. Andererseits wären zahlreiche Kinder und Jugendliche für Lehrpersonen nicht mehr greifbar und würden vom Online-Unterricht nicht erreicht.

Einige Familien leben auf engem Raum und sind bereits mit Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, oder Krankheit konfrontiert. Schulschließungen bedeuten dann noch weniger Tagesstruktur, mehr Unterstützungsbedarf der Kinder und Jugendlichen, keine Ausweichmöglichkeiten und erhöhten Druck. Dadurch besteht die Gefahr, dass das Aggressionspotenzial bzw. das Gewaltrisiko steigen. Schulschließungen schränken daher neben dem Recht auf Bildung und bestmögliche Entwicklung auch das Recht auf Schutz vor Gewalt ein.

Es ist klar, dass zur Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung strenge Maßnahmen erforderlich sind. Aus der Erfahrung der letzten Monate hat sich jedoch gezeigt, dass nicht nur die physische Gesundheit zu beachten ist. So einschneidende Maßnahmen wie Schulschließungen können sich sehr belastend auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirken. Denn Schule ist auch ein Ort, wo Freundschaften gelebt werden, Sicherheit und Stabilität vermittelt wird, soziales Lernen passiert und Kontakt zur Außenwelt entsteht. Wochenlanges Distance-Learning heißt somit wochenlanger Verlust wichtiger Sozialkontakte, die derzeit auch anderweitig nicht oder nur beschränkt real möglich sind.

Schulschließungen ziehen also einen erheblichen Eingriff in mehrere Kinderrechte nach sich. Derartige Eingriffe sind nur erlaubt, wenn sie das gelindeste Mittel darstellen und verhältnismäßig sind. Genau das ist der zentrale Punkt. Kinder infizieren sich seltener und haben auch im Falle einer Infektion einen milderen Verlauf. Das Ansteckungsrisiko könnte durch organisatorische Maßnahmen in der Schule und am Weg zur Schule auch anders vermindert werden. Hier ist auf die Empfehlung der ÖGKJ zu verweisen.

Kinder und Jugendliche sind ein wichtiger Teil unserer Gegenwart wie auch Zukunft. Daher sollten Schulen zum Wohl unserer Kinder und Jugendlichen, wenn irgendwie möglich, geöffnet bleiben.

Denise Schiffrer-Barac
Denise Schiffrer-BaracFotograf

Mag.a Denise Schiffrer-Barac ist Kinder- und Jugendanwältin des Landes Steiermark (kija) und setzt sich für die Einhaltung der Kinderrechte in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ein.