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“Vakuum in der Mitte besetzen”

18.11.2020 • 08:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Thomas Hopfner ist Polizeioberst und leitete viele Jahre die Polizeischule in Feldkirch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Thomas Hopfner ist Polizeioberst und leitete viele Jahre die Polizeischule in Feldkirch. Hartinger

Thomas Hopfner, designierter SPÖ-Klubobmann im Interview.

Sie sind Polizist und Politiker. Am anderen Ende von Österreich, im Burgenland, regiert ihr Parteikollege Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, der früher auch Polizist war. Die Landtagswahl gewann er mit einer Mischung aus linker Wirtschafts- und rechter Sicherheitspolitik. Was halten Sie von ihm?
Thomas Hopfner:
Ich kenne Hans Peter Doskozil persönlich. Allerdings mehr von der polizeilichen Seite her, weniger aus der Politik. Es gibt einige Dinge, die ich genauso sehe wie er. Manche seiner Wortmeldungen muss man allerdings differenzierter betrachten. Da haben viele den Eindruck, dass manche Dinge zunächst besser parteiintern besprochen und allfällige Ergebnisse gemeinsam nach außen getragen werden müssten. Dahingehend gibt es teilweise Kritik. Und die kann ich auch verstehen.

Welche seiner Äußerungen müssten – wie Sie es nennen – differenzierter betrachtet werden?
Hopfner:
Da muss ich überlegen. Da hat es in letzter Zeit ein paar Sachen gegeben. Beispielsweise der Plan, die Solarenergie zu verstaatlichen.

Was kann ein Politiker von einem Polizisten lernen?
Hopfner:
Ein Politiker kann sich drei Grundsätze abschauen. Erstens: Soziale Kompetenz leben, statt nur darüber zu reden, sprich für andere da sein und anderen helfen; auch dann, wenn keine Kameras dabei sind oder niemand applaudiert. Zweitens: Deeskalieren statt Aufsehen erregen. Drittens: Nicht nur reden, sondern auch tun. Sowohl Politiker als auch Polizisten sollten beherzigen: Es geht nicht darum, von allen geliebt zu werden, sondern das Richtige zu tun.

Was hat Sie bewogen, vor knapp zehn Jahren in die Politik zu gehen?
Hopfner:
Gesellschaftliche Dynamiken und die Gestaltung der Gesellschaft haben mich schon immer interessiert. In diesem Sinne bin ich seit jeher ein politischer Mensch.

Zur person

Thomas Hopfner ist 55 Jahre alt. In Alberschwende geboren und aufgewachsen, lebt er heute in Dornbirn.

 

Thomas Hopfner ließ sich 1986 zum Polizisten ausbilden und ist seither bei der Polizei aktiv. Viele Jahre war er in Wien im Bundesministerium für Inneres im Polizeibereich tätig. 2008 kam er zurück nach Vorarlberg, um dort die Polizeischule in Feldkirch zu leiten. Diese Tätigkeit führt er bis heute aus. 

 

Thomas Hopfner ist verheiratet und ist Vater eines Sohnes. Seine Hobbies sind Sport, Literatur & Philosophie sowie Musik (Gitarre). “Käsknöpfle” bezeichnet er als seine Lieblingsspeise. Sein Motto in Beruf und Politik: Sich selber nicht zu wichtig nehmen.

 

Warum sind Sie Sozialdemokrat?
Hopfner:
Erstens bin ich mit Leib und Seele Demokrat. Was das Soziale betifft, so findet sich da ein Konnex zur Polizei. Die ist da, um Menschen zu helfen und Schwächere zu unterstützen. Sich dafür einzusetzen, das soziale Gefüge für alle stabil zu halten, ist ein Interesse von mir, das war es in der Polizei und das ist es in der Politik.

Sie zeigten öfters Ambitionen für ein höheres politisches Amt. So wurden sie etwa 2016 von der Dornbirner Stadtpartei als möglichen Nachfolger des damaligen SPÖ-Chefs Michael Ritsch ins Gespräch gebracht. Wieso hat’s schlussendlich noch gedauert?
Hopfner:
Ich denke, gut Ding braucht Weile. Aber es sind natürlich auch interne Dynamiken, die hier mitspielen. Ich glaube, die Zeit war einfach reif dafür. Die sensationellen Ergebnisse in Bregenz und Hard haben eine Veränderung und Neuaufstellung erzwungen. Das ist eine Chance.

„Wir müssen uns Themen widmen, die bislang nicht im Fokus der Sozialdemokratie gestanden sind.“

Thomas Hopfner, SPÖ-Klubobmann im Landtag

Wie bewerten Sie die SPÖ-Siege in Bregenz und Hard?
Hopfner:
Die Bevölkerung möchte offensichtlich, dass das Gemeinsame wieder in den Vordergrund rückt und die Mitte stärker besetzt wird.

Was wird aus Ihrem jetzigen Job als Leiter der Polizeischule?
Hopfner:
Ich mache diesen Job mit sehr viel Herzblut. Aber das lässt sich zeitlich natürlich nicht vereinbaren. Ich werde mich deshalb aus diesem Beruf zum Großteil zurückziehen.

Wie werden Sie Ihre Rolle als Klubobmann der SPÖ anlegen? Ihre beiden Vorgänger Martin Staudinger und Michael Ritsch waren da ja sehr unterschiedlich.
Hopfner:
Wir müssen einerseits ganz klar Linien und Konturen zeigen. In weiten Teilen sollten wir aber gemeinsam mit den anderen Parteien nach Lösungen suchen. Wir müssen das Vakuum besetzen, das teilweise in der Mitte sichtbar wird. Das macht zwingend notwendig, dass wir uns Themen anschauen, die bislang nicht im Fokus der Sozialdemokratie gestanden sind.

Thomas Hopfner wird heute als Landtag angelobt. <span class="copyright">HARTINGER</span>
Thomas Hopfner wird heute als Landtag angelobt. HARTINGER

Die da wären?
Hopfner:
Das sind beispielsweise wirtschaftliche Themen. Die Corona-Krise wird immer mehr zu einer Wirtschaftskrise. Und eine Wirtschaftskrise wird zwingend auch zu einer Gesellschaftskrise. Und da müssen wir Antworten geben – mehr als das wir das bisher getan haben. Und das darf dann ruhig einige überraschen.

Was sagen Sie zum zweiten Lockdown? Ist er zu spät gekommen?
Hopfner:
Wenn das, was bisher gemacht wurde nicht reicht, dann sind die Maßnahmen zu erweitern. Jene Dinge, die ausprobiert wurden, etwa der Lockdown light, haben offensichtlich nicht ausreichend funktioniert. Im Frühjahr ist die Strategie voll aufgegangen. Das heißt, dass es wieder in eine ähnliche Richtung gehen muss. Damit es funktioniert, müssen meiner Einschätzung nach drei Punkte berücksichtigt werden: Nicht zu spät dran sein, lange genug durchhalten und genügend Bereiche umfassen.

Bei den Schulschließungen ist man sich innerhalb der SPÖ offenbar uneins. Während sich Parteichefin Pamela Rendi-Wagner ganz klar dagegen positionierte, hörte man von Ihnen nichts dergleichen?
Hopfner:
Was es meiner Meinung nach jetzt besonders braucht, ist ein Schulterschluss in der Gesellschaft und es sollte möglich sein, dass man sich auf grundsätzliche Maßnahmen einigt und diese gemeinsam vertritt. Das ist leider innerhalb der Regierung ein massives Problem. Krisenmanagement sollte spätestens jetzt im Lockdown professionell einsetzen. Türkis-Grün im Bund und Schwarz-Grün im Land kritisieren sich als Regierungspartner über die Medien. Ich mache das so nicht. Ich halte es aber für wichtig: Wenn es zu drastischen Einschränkungen im Arbeitsleben kommt, muss das natürlich auch die Schulen betreffen. Der Bereich Bildung lebt derzeit vom Engagement der Direktoren und Lehrpersonen. Von Bildungsdirektionen und vom Bildungsministerium erwarten sich viele deutlich mehr an Unterstützung und Klarheit.

Wo hapert’s denn am meisten?
Hopfner:
Das Bildungssystem muss sich nun von einigem bürokratischen Ballast lösen. Direktoren können ein Lied davon singen. Zum Beispiel das Thema „Bildungsstandards“. Die stellen einen heillosen Aufwand für die Schulen und bringen gleichzeitig zu wenig Nutzen. Fernlehrkomponenten soll man so entwickeln, dass man einzelne Module bei Bedarf nutzen kann. Lehrpersonen muss man darauf didaktisch ernsthaft und nicht nur mit einem Kurzvortrag vorbereiten. Lehrpläne können deutlich entrümpelt und aktualisiert werden. Schulbücher verschlanken. Wer sich schon einmal mit dem eigenen Kind zum Beispiel über Mathe-Schulbücher geärgert hat, weiß wovon ich rede. Man muss sich wieder mehr auf Wesentliches konzentrieren – ganz nach dem Motto „Weniger ist Mehr“.