Allgemein

Suizid ist immer noch ein Tabuthema

23.11.2020 • 22:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright">APA/BARBARA GINDL</span>
APA/BARBARA GINDL

Seit den 80er-Jahren ist die Suizidrate in Vorarlberg rückläufig.

Im Jahr 2019 wurden in Vorarl­berg 46 Suizide begangen. Das ist im österreichischen Schnitt relativ niedrig. Wobei jede Selbsttötung eine zu viel ist. Seit Mitte der 80er-Jahre geht die Suizidrate in ganz Österreich anhaltend zurück: Wurden 1986 national noch 2139 Suizide registriert, waren es im vergangenen Jahr 1113, im Jahr 2018 noch 1219.
Der aktuell vorliegende Suizidbericht des Jahres 2019 bestätigt diesen Trend. „Seit den 80er-Jahren haben sich die Suizidzahlen halbiert. Es gibt allerdings immer wieder kleinere Schwankungen“, erklärt Albert Lingg, Mitautor der Suizid-Studie und langjähriger Leiter des LKH Rankweil.

Tabuthema

Im Wesentlichen ist es vor allem auf eine langsame Enttabuisierung des Themas zurückzuführen. „Früher haben sich die Leute dafür geschämt, ein psychisches Problem zu haben. Das ist heute besser. Aber es könnte noch besser werden“, ergänzt Lingg. Es gibt aber nach wie vor viele Menschen, die viel zu spät Hilfe zulassen oder gar keine Hilfe holen. Weder sie selber noch die Umgebung werde da aktiv.

Albert Lingg ist Mitautor der aktuellen Studie. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Albert Lingg ist Mitautor der aktuellen Studie. Dietmar Stiplovsek

Deshalb ist es wichtig, immer genau hinzuschauen und ein offenes Ohr für psychische Probleme zu haben. „Man muss über dieses Thema sprechen. Immer wieder. Und zwar möglichst sachlich“, ergänzt Lingg. Genau deshalb wird auch jährlich ein derartiger Bericht präsentiert. „Suizidverhütung lässt sich bekanntlich nicht allein an Experten oder Programme delegieren, sondern beginnt bei der Bereitschaft jedes Einzelnen, Krisen und Gefährdungen Betroffener ernst zu nehmen, bei Hilferufen nicht wegzuhören und nach Möglichkeit Hilfen zu vermitteln“, so der Experte.

Männer sind gefährdet

Ein Schwerpunkt der aktuellen Studie ist der männliche Suizid. Und das hat seinen guten Grund: „Es ist seit Jahren ersichtlich, dass drei bis vier Mal so viel Männer Suizid begehen als Frauen“, so Lingg. In Vorarlberg ist diese Zahl noch einmal höher. Hier ist das Verhältnis sechs zu eins. Das hat primär damit zu tun, dass sich Männer schwerer damit tun, sich zu öffnen und Hilfe zuzulassen. Und: „Männer können viel schlechter mit Kränkungen umgehen. Deshalb neigen sie in solchen Situationen zu Kurzschlusshandlungen.“ Die ließen sich laut Lingg verhindern, wenn die Menschen, die diese Männer umgeben, mitdenken und mitfühlen würden.

„Auch die Medien sind da gefordert. Reißerische Berichterstattung ist da auf jeden Fall kontraproduktiv. Zudem sollte immer darauf hingewiesen werden, wo die Menschen Hilfe bekommen können“, so Lingg. Ob das nun die Telefon-Seelsorge, Beratungsstellen oder Ambulanzen sind. Alle diese Einrichtungen können Hilfeleistungen gewähren. „Je älter, desto mehr sind Menschen gefährdet. Das ist leider eine zusätzliche Tatsache“, ergänzt Lingg. Ältere Menschen hängen mitunter nicht mehr so stark am Leben. Wobei diese Zuspitzung in Großstädten noch massiver ist als am Land. Wenn man die Suizidraten in Vorarlberg mit den anderen Bundesländern vergleicht, steht das westlichste Bundesland mit Oberösterreich und Burgenland am besten da derzeit. Kärnten und Steiermark sind am Ende dieser Skala.

Krise

Vor allem in Krisenzeiten rückt dieses Thema mehr in den Fokus. Wobei die aktuelle Situation noch keine signifikanten Auswirkungen erkennen lasse: „Wir beobachten das genau. Bis jetzt sind die Zahlen da stabil. Das kann sich aber auf Dauer noch ändern. Vor allem im kommenden Jahr, wenn die wirtschaftlichen Folgen der Krise mit voller Wucht bei den Menschen angekommen sein werden. Auch seelische Langzeitfolgen sind möglich. Das müssen wir genau im Auge behalten.“

Kontakte