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Zeichen gegen Gewalt an Frauen

25.11.2020 • 08:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Im Rahmen der Anti-Gewalt-an-Frauen-Kampagne "Orange the world" werden 25 Gebäude im Land orangefarben angestrahlt. <span class="copyright">Stadt Bregenz</span>
Im Rahmen der Anti-Gewalt-an-Frauen-Kampagne "Orange the world" werden 25 Gebäude im Land orangefarben angestrahlt. Stadt Bregenz

Zahl der Betretungsverbote heuer um 60 Prozent angestiegen.

Österreichweit ist jede fünfte Frau sexualisierter Gewalt ausgesetzt, jede dritte Frau wurde schon einmal sexuell belästigt, jede siebte Frau ist von Stalking betroffen. Gewalt gegen Frauen hat viele furchtbare Gesichter. Heute, am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen richtet sich einmal mehr der Blick auf diese häufigste Menschenrechtsverletzung.
Im Zeitraum von ersten Jänner dieses Jahres bis heute fanden in der Frauennotwohnung des Instituts für Sozialdienste (ifs) 58 Frauen Schutz und Zuflucht. Im Vergleichszeitraum 2019 waren es 62 Frauen. „Bis dato können wir somit keine Steigerung feststellen“, antwortet Anja Natter, die Leiterin der ifs Frauennotwohnung, auf die Frage, ob der erneute Lockdown die Situation offensichtlich verschlimmert hat.

Anja Natter, die Leiterin der ifs Frauennotwohnung.<span class="copyright"> ifs</span>
Anja Natter, die Leiterin der ifs Frauennotwohnung. ifs

Zunahme Betretungsverbote

Ein anderes Bild zeichnen jedoch die Zahlen der Betretungsverbote. In Vorarlberg wurden 2019 insgesamt 304 Betretungsverbote ausgesprochen. Während des ersten Lockdowns – im Zeitraum 1. März bis 31. Mai dieses Jahres – hingegen 108. ­Dies geht aus einer Statistik der Landespolizeidirektion hervor. Das bedeutet: 108 Personen, vorwiegend Frauen, haben Gewalt, in welcher Form auch immer, erfahren. Das entspricht im Vergleich zu den Vorjahren einer Zunahme von 60 Prozent. Wie sich die Situation weiter entwickeln wird, kann Natter aktuell nicht abschätzen.

Plätze aufgestockt

Die Frauennotwohnung steht Frauen und auch deren Kindern zur Verfügung, die akut bedroht sind. Aktuell leben dort sechs Frauen mit fünf Kindern. Drei Frauen mit vier Kindern sind in den sogenannten Außenwohnungen untergebracht. „Der Großteil der Betroffenen bleibt zwischen 15 und 90 Tagen“, informiert Natter. Um einem möglichen Engpass zu entgehen wurden bereits während des ersten Lockdowns die Plätze auf 16 aufgestockt. Das Land hat zusätzliche Wohnungen zur Verfügung gestellt, welche in Kooperation mit der Caritas-Beratungsstelle Existenz und Wohnen betreut werden. Derzeit sind ausreichend Kapazitäten für Neuaufnahmen frei.

Alltag in Wohngemeinschaften

Besonders in Lockdown-Zeiten hat sich die Lage für Frauen, die zu Hause von Gewalt bedroht sind, zusätzlich verschärft. Da sind sich die Experten einig. Der erneute harte Lockdown treffe aber auch jene Frauen, die derzeit in der Notwohnung leben. „Der Alltag in einer Wohngemeinschaft während einer Pandemie wirft Fragen auf“, sagt Natter. Themen wie die eingeschränkte Bewegungsfreiheit oder das Vertrauen in fremde Mitbewohnerinnen beherrschen derzeit neben den Gewalterfahrungen zusätzlich die Gespräche.
Der Lockdown kompliziert jedoch auch den (Erst-) Kontakt mit betroffenen Frauen. Daher werden derzeit neben Telefonaten auch Zoom-Meetings angeboten. Laut Natter ist dadurch ein enger Austausch möglich.

Frauenlandesrätin Katharina Wiesflecker. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Frauenlandesrätin Katharina Wiesflecker. Klaus Hartinger

Täterarbeit

Landesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) appelliert an die Betroffenen, sich früh Hilfe zu holen. „Psychische Gewalt, Beleidigungen und Erniedrigungen sind genauso schmerzhaft wie körperliche Gewalt“, sagt sie. Gewalt gegen Frauen sei im Kern aber ein Männerproblem, die Täterarbeit, aber auch die Prävention müssten deutlich ausgebaut werden.

Schnelle Hilfe gibt es bei der ifs ­Gewaltschutzstelle: 05/1755535, www.ifs.at.

Null-Toleranz und Prävention

Zum Thema Gewalt gegen Frauen äußerten sich am Dienstag einige Frauensprecherinnen. Die SPÖ-Frauen fordern einen Ausbau der Gewaltschutz- und Frauenberatungseinrichtungen in Österreich, ein Soforthilfepaket von fünf Millionen Euro, einen Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen, österreichweite Hochrisiko-Fallkonferenzen und mehr Mittel für Prävention, geht aus einen Schreiben von Jeannette Greiter hervor.

Jeannette Greiter SPÖ. <span class="copyright">Roland Paulitsch</span>
Jeannette Greiter SPÖ. Roland Paulitsch


Einen Ausbau der Gewaltprävention und des Gewaltschutzes, die flächendeckende Betreuung in Frauenhäusern und Opferschutzeinrichtungen sowie die Strafverfolgung und Unterstützung von Opfern im Strafprozess, fordert Sandra Schoch von den Grünen.

Sandra Schoch Grüne.<span class="copyright"> Philipp Steurer</span>
Sandra Schoch Grüne. Philipp Steurer

Die freiheitliche Frauensprecherin Nicole Hosp spricht sich für eine Null-Toleranz gegenüber den Tätern aus und fordert deshalb harte Strafen für Gewalttäter. Für Hosp kommt auch den Bildungseinrichtungen eine wichtige Aufgabe zu. „Durch Aufklärung, Bewusstseinsbildung und das Aufzeigen von Hilfestellungen kann jungen Frauen und Mädchen konkret geholfen werden.“

Nicole Hosp FPÖ. <span class="copyright">Oliver Lerch</span>
Nicole Hosp FPÖ. Oliver Lerch

„Orange the world“

Zwischen dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen (25. November) und dem Internationalen Tag für Menschenrechte (10. Dezember) gibt es normalerweise auf der ganzen Welt Aktionen, welche auf das Thema aufmerksam machen. Heuer fällt corona-bedingt vieles aus. Im Rahmen der Kampagne „Orange the world“ werden in den folgenden 16 Tagen weltweit Gebäude oder Monumente orange beleuchtet. In Vorarlberg sind es 25, Vorarlberg ist das einzige Bundesland, in welchem sich drei Moscheen an der Aktion beteiligen. Organisiert wurde die Aktion von den Soroptimisten Bregenz/Rheintal und Dornbirn.

Organisiert wurde die Aktion von den Soroptimisten Bregenz/Rheintal und Dornbirn. <span class="copyright">Stadt Bregenz</span>
Organisiert wurde die Aktion von den Soroptimisten Bregenz/Rheintal und Dornbirn. Stadt Bregenz

Darüber hinaus findet beim Bregenzer Rathaus die Fahnenausrollung der Soroptimist International Austria statt. Leider mussten die Soroptimisten (Organisation von berufstätigen Frauen von heute, Anm.) corona-bedingt fast alle Aktionen absagen, auch die Eröffnungsveranstaltung im Wiener Museum für Volkskunde mit Gottfried Helnwein kann nicht stattfinden. Umso wichtiger sei es daher, in den Bundesländern orange Zeichen zu setzen. Durch die Unterstützung der Stadt Bregenz ist es aber möglich, die Podiumsdiskussion am 1. Dezember aufzuzeichnen und dann den MedUnis, Soroptimist Clubs und anderen zur Verfügung zu stellen.

Pläne der Bundesregierung

Die Bundesregierung setzt im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen auf verstärkte Beratung und Aufklärung. Man werde die Beratungsstellen ausbauen, kündigte Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) am Dienstag nach einem zweitägigen „Gewaltschutzgipfel“ der Regierung an. Dazu sollen die bereits existierenden Beratungsstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt budgetär aufgestockt werden. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) verwies seinerseits auf die geplanten verpflichtenden Beratungskurse für Gefährder.

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