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Herausforderndes erstes Jahr

29.11.2020 • 14:00 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>Marco Tittler ist als Landesrat unter anderem für die Wirtschaft zuständig.
Klaus HartingerMarco Tittler ist als Landesrat unter anderem für die Wirtschaft zuständig.

Marco Tittler (44) über sein erstes Jahr als Landesrat.

Sie sind seit einem Jahr Landesrat. Wie oft haben Sie sich schon gefragt, ob es besser gewesen wäre, das Amt nicht zu übernehmen?
Marco Tittler:
Noch kein einziges Mal! Ich durfte das Amt unter anderen Rahmenbedingungen und folglich mit einem anderen Fokus übernehmen. Die Pandemie hat dann rasch dafür gesorgt, dass sich die Schwerpunkte verschieben. Die Aufgabe ist ebenso herausfordernd wie auch abwechslungsreich. Gleichzeitig ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten, Gestaltungsspielräume und die Chance, einen Beitrag in schwierigen Zeiten für das Land zu leisten.

Die größte Herausforderung war bisher sicher die Corona-Pandemie. Worauf gilt es dabei zu achten?
Tittler:
Wir befinden uns derzeit in einer Situation, die noch niemand von uns so erlebt hat. Dafür gibt es keine Blaupause, es galt und gilt, neue Lösungen zu entwickeln. Die Herausforderung ist jedenfalls groß. Als Land haben wir – speziell im Bereich Wirtschaft – die Devise, dass wir dort bestmöglich unterstützen wollen, wo die Unterstützung des Bundes nicht ankommt oder vielleicht nicht ganz passend ist. Ziel ist es, den Aufschwung zu unterstützen, den Arbeitsmarkt zu stärken und Anreize zu bieten, damit die Konjunktur wieder anzieht.

Zur Person

Marco Tittler wurde am 21. Oktober 1976 geboren und ist in Bregenz aufgewachsen. Er hat an der WU Wien Betriebswirtschaft studiert und war von 2005 bis 2019 in verschiedenen Funktionen in der Wirtschaftskammer Vorarlberg tätig. Zuletzt war er stellvertretender Kammerdirektor. Seit 6. November 2019 ist er Landesrat.

Sie sind direkt aus der Wirtschaftskammer in die Landesregierung gewechselt. Ist das in dieser Situation hilfreich?
Tittler:
Das ist ein großer Vorteil. Vor allem weil man alle Protagonisten kennt – sowohl in der Kammer als auch in der Wirtschaft – und auch ein Gespür für die vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche hat. Die Wirtschaft ist von Corona völlig unterschiedlich betroffen. Manche Unternehmen sind ganz stark betroffen, und andere kommen gut durch die Krise. Da hilft es sehr, wenn man die Wirtschaftslandschaft in Vorarlberg gut kennt.

Die großen Problemfelder dürften der Handel, die Gastronomie und der Tourismus sein, wohingegen die Produktionsbetriebe weniger betroffen sind. Kann man das so sagen?
Tittler:
Man kann das nicht so verallgemeinern, und genau das ist die Schwierigkeit. Ich würde die Unterscheidung so treffen: Es gibt Branchen, die sind unmittelbar betroffen, weil sie geschlossen haben. Und eine Schließung ist für einen Unternehmer per se das Schlimmste, was passieren kann. Dann gibt es Unternehmen, die unmittelbar an diesen Branchen dranhängen, da sie nur mit diesen Geschäfte machen. Auch dort sind die Auswirkungen massiv. Und was die Produktion betrifft, gibt es Unternehmen, die beispielsweise Konsumgüter produzieren. Für sie läuft es tendenziell besser bis zum Teil sehr gut. Andere, die beispielsweise Investitions- oder Anlagegüter produzieren, haben momentan einen schwierigeren Stand.

Bei den Corona-Hilfen setzt man beim Land darauf, dort zu helfen, wo es Lücken bei der Bundesunterstützung gibt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Bei den Corona-Hilfen setzt man beim Land darauf, dort zu helfen, wo es Lücken bei der Bundesunterstützung gibt. Hartinger

Seitens der Wirtschaft gibt es bezüglich der Unterstützung immer wieder auch Kritik und Beschwerden, dass die Hilfe zu spät oder gar nicht ankommt. Was kann das Land hier tun?
Tittler:
Wir sind hier intensiv in Abstimmung mit dem Bund über unterschiedlichste Ressorts. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: Ganz am Anfang gab es den Härtefallfonds des Bundes. Wir haben rasch festgestellt, dass einige Unternehmen dabei nicht berücksichtigt wurden. Daraufhin haben wir in Vorarlberg recht schnell gemeinsam mit den Sozialpartnern den Existenzsicherungsfonds aufgelegt. Gleichzeitig haben wir beim Bund interveniert, dass der Härtefallfonds verbessert werden muss, was dann auch geschah. Mir persönlich ist es lieber, wenn es ein bisschen länger dauert und dafür Verbesserungen eingebracht und umgesetzt werden. Das zweite Beispiel ist die Kurzarbeit. Das Modell wurde schon mehrmals überarbeitet. Als Land sind wir nahe an den Unternehmen dran und können einen Beitrag leisten, damit die Hilfe zielgerichteter ist und ankommt. Hier bringen wir deshalb auch laufend Verbesserungsvorschläge ein.

Es geht hier um öffentliche Gelder. Wie schwierig ist es, eine Balance zu finden, damit rasch geholfen wird, aber die Mittel auch effizient verwendet werden?
Tittler:
Wenn es um Unterstützungsgelder geht, müssen diese möglichst treffsicher sein. Darum haben wir gesagt: Bund vor Land. In erster Linie ist also der Bund gefordert, und das Land unterstützt dort, wo es eine Lücke gibt oder es sinnvoll ist. In der Krise braucht es aber nicht nur Unterstützungsgelder, sondern ein Bündel an Maßnahmen – zum Beispiel Überbrückungsfinanzierungen, die Zwischenfinanzierungen durch die Banken, bis das AMS-Kurzarbeitsgeld eingeht, oder das Kreditmoratorium. All diese Dinge haben auch die Länder mit angestoßen. Das Kreditmoratorium hat beispielsweise eine Vorarlberger Bank zur Sprache gebracht. Solche Dinge haben wir natürlich nach Wien transportiert und entsprechend eingebracht.

“Die Wirtschaft ist von Corona völlig unterschiedlich betroffen.”

Marco Tittler, Landesrat

Mitten in der Krise ist es schwierig, Prognosen abzugeben. Aber wie kann es weitergehen? Ist das planbar?
Tittler:
Was man nicht planen kann, sind Dinge wie ein zweiter Lockdown. Wir haben im Sommer und Herbst ein Impulsprogramm im Umfang von circa 60 Millionen Euro für die Vorarl­berger Wirtschaft zusammengestellt. Dieses besteht aus Unterstützungsleistungen für einen Aufschwung, die jetzt natürlich wieder gebremst wurden. Dazu gibt es ein Paket für den Arbeitsmarkt und die Impulse für die Wirtschaft. Diese braucht es nach wie vor. Auch Impulse für die Bauwirtschaft sind geplant. Diese werden jetzt vielleicht noch nicht gebraucht, aber möglicherweise dann im Frühjahr 2021. Wir versuchen schon, Dinge vorwegzunehmen und gewisse Pakete zu schnüren, die dann zum richtigen Zeitpunkt ausgerollt werden können. Insbesondere wollen wir in Zukunftsprojekte investieren.

Ein großes Thema war im ersten Jahr auch der Verkehr. Im vergangenen Dezember hat die Mautbefreiung zwischen Hohenems und Hörbranz für Aufregung gesorgt. Es wurde eine Evaluierung gestartet, die bis Februar 2021 dauern soll. Wie geht es hier weiter?
Tittler:
Der Termin Februar 2021 steht nach wie vor. Dann wird es eine Evaluierung geben, und wir können Schlüsse daraus ziehen. Wir beobachten die Zahlen nach wie vor sehr genau, und man wird überlegen, wie man die beiden Lockdowns in der Betrachtung berücksichtigen muss. Aber es lässt sich eine gewisse Tendenz herauslesen. Wir haben beispielsweise gesehen, dass der Lkw-Verkehr sich wieder sehr schnell erholt hat und auf Vorjahresniveau angezogen hat. Der Pkw-Verkehr ist dagegen eingebrochen und erst mit Ende des ersten Lockdowns wieder angestiegen. Man kann schon Schlüsse aus den Zahlen ziehen, aber diese müssen statistisch sauber aufgearbeitet werden.

Kürzlich hat die Trassen-Entscheidung der Asfinag für die S 18 Staub aufgewirbelt. Wie überraschend war die Entscheidung?
Tittler:
Überraschend war sie insofern nicht, da wir immer darauf gedrängt haben, dass die Entscheidung noch heuer fallen soll. Dazu wurden in den vergangenen Jahren zwei Varianten untersucht: Z und CP. Dass man sich dann für eine davon entscheidet, ist auch auf der Hand gelegen. Ich verhehle aber zwei Dinge nicht. Ich habe auch einmal geglaubt, dass die Z-Variante die bessere ist. Die Asfinag hat jetzt aber dargelegt, wie es zur Entscheidung gekommen ist, und das ist nachvollziehbar. Das Zweite ist, dass man nach einem so langen Prozess eine andere Art der Kommunikation zum Land und zur Bevölkerung wählen hätte können. Das liegt aber nicht in unserem Einflussbereich.

Haben Sie Verständnis dafür, dass man sich in Lustenau aufgrund der Kommunikation vor den Kopf gestoßen fühlt?
Tittler:
Natürlich habe ich Verständnis. Nicht nur dafür, dass man sich durch die Kommunikation vor den Kopf gestoßen fühlt, sondern auch dafür, dass diese Entscheidung auch Auswirkungen auf Lustenau hat. Gleichzeitig gibt es jetzt einmal eine Trasse, und die tatsächlichen Auswirkungen kann man dann ableiten, wenn man weiß, wie die bautechnische Umsetzung aussehen wird. Diese fehlt noch und muss jetzt gemeinsam mit Lustenau angegangen werden.

Der Landesrat versteht, dass sich die Lustenauer in Sachen S18 vor den Kopf gestoßen fühlen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Landesrat versteht, dass sich die Lustenauer in Sachen S18 vor den Kopf gestoßen fühlen. Hartinger

Sie sind für ein breites Themenspektrum an Ressorts zuständig. Dieses Jahr drehte sich vieles um den Verkehr und Corona. Wie schwer ist es da, sich in die anderen Themenfelder einzuarbeiten?
Tittler:
Die Zeit muss man sich nehmen. Da wird nicht eines gegenüber dem anderen vernachlässigt.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz über das erste Jahr aus? Es war wahrscheinlich anders als ursprünglich vorgestellt, oder?
Tittler:
Ja, das hat Corona so mit sich gebracht. Ich bin mit einer klaren Vorstellung angetreten. Ich war in den ersten Monaten als Landesrat für eine Vorarlberger Wirtschaft zuständig, die sich in einem extremen Konjunkturhoch befunden hat. Die Arbeitslosigkeit war niedrig, und die Wirtschaft hat sich super entwickelt. Jetzt sieht die Situation komplett anders aus. Wir haben so viele Arbeitslose wie schon lange nicht mehr. Das hatte niemand vorausgesehen, und das bringt natürlich auch andere Aufgaben mit sich. Ich hatte zu Beginn mit meinem Team eine Agenda für die Wirtschaft erstellt. Das hat uns bei der Krisenbewältigung und bei der Ausarbeitung der Zukunftsthemen sehr geholfen. Nun haben wir ein rund 60 Millionen Euro umfassendes Impulsprogramm erarbeitet. Wir können als kleines Bundesland vielleicht finanziell nicht den großen Konjunkturimpuls setzen, aber wir können uns Zukunftsthemen widmen. Unser Ziel ist es, den Aufschwung zu unterstützen, den Arbeitsmarkt zu stärken und Anreize zu bieten, damit die Konjunktur wieder anzieht.