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Der Heilige Vater hält Audienz

30.11.2020 • 12:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Robert Schneider wurde 1961 geboren, er lebt in Meschach in Götzis. <span class="copyright">Dietmar Mathis/Fotografenmeister</span>
Robert Schneider wurde 1961 geboren, er lebt in Meschach in Götzis. Dietmar Mathis/Fotografenmeister

Vorarlberger Autoren haben wieder lesenswerte Bücher geliefert.

Es ist sein erstes Buch seit Langem. Der Vorarlberger Schriftsteller Robert Schneider, der 1992 mit „Schlafes Bruder“ internationale Aufmerksamkeit erlangte, legte zuletzt 2007 mit „Die Offenbarung“ einen Roman vor. 13 Jahre später erschien nun im Bucher Verlag die Neufassung einer 2001 publizierten Novelle. In „Der Papst und das Mädchen“ erzählt Schneider von einem römischen Mädchen, das bei einem Schulausflug in den Vatikan eine außergewöhnliche Begegnung erlebt. Es geht um das schmerzliche Fehlen von Vaterfiguren, um die wunderliche Verwaltungszentrale der katholischen Kirche und um die fragliche Bedeutung der menschlichen Existenz.
Die neunjährige Loredana Felice lebt mit ihrer Mutter in Rom. Ihr Vater ist nicht nur durch seine vielen Geschäftsreisen absent, von Loredanas Mutter lebt er getrennt. Diese hat einen neuen Liebhaber, Kai. Die Beziehung zwischen ihm und Loredana bleibt in dieser Geschichte lieblos und schwierig. Bei einem Ausflug im Vatikan verirrt sich das Mädchen beim Spielen in den Kolonnaden und gelangt in den Apostolischen Palast, wo sie – wir wissen es bereits – auf den Papst höchstpersönlich trifft. Statt ihrem realen Vater wiederzubegegnen ist es nun also der Heilige Vater, und auch dieser kann, wie fast alle Figuren in dieser Novelle, vom Verlust der Vaterfigur berichten.

Wertlosigkeit

Zu irritieren vermag Schneiders Papst (zu Latein: „Papa“). Dieser trägt den Papstnamen Silvester IV. In der Vergangenheit gibt es nur einen „Gegenpapst“, der diesen Titel trug: Anfang des 12. Jahrhunderts wurde Maginulf, ein Erzpriester, von Gegnern des offiziellen Papstes als solcher ernannt. Und auch der fiktive Silvester IV. ist kein gewöhnliches weltliches Oberhaupt der katholischen Kirche. Er lebt zurückgezogen, lässt sich nicht von Anhängern feiern oder schenkt tröstliche Worte in seinen Reden. Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftitt als neuer Papst entsetzte er die Menschenmenge am Petersplatz und die Kardinäle, indem er die katholische Kirche als im Sterben begriffen diagnostizierte. Der Papst sagt: „Ich werde keine Hoffnung sein. Ich werde nicht von Nutzen sein. Aber ich werde da sein. … Gott wohnt in der Wertlosigkeit. Das ist mein Trost und meine Hoffnung“.

Robert Schneider. Der Papst und das Mädchen. Bucher Verlag, 112 Seiten, 16,50 Euro. <br><span class="copyright">Bucher Verlag</span>
Robert Schneider. Der Papst und das Mädchen. Bucher Verlag, 112 Seiten, 16,50 Euro.
Bucher Verlag

Diese Wertlosigkeit ist es, die Silvester IV., der einst ein armer Junge aus einem italienischen Dorf war, in den Augen seines sterbenden Vaters zu sehen glaubte. Erst später erkannte er: „Es war der Widerschein meines eigenen Augenlichts“. In dem Gesicht des Toten sehen wir unserer eigenen Nichtigkeit entgegen, der Vater – sei es Gott, der Papst oder der leibliche Vater – kann sein(e) Schäfchen nicht von Schmerz und Ungewissheit erlösen. Und so kann auch Nello, so sein bürgerlicher Name, Loredana nicht helfen. „Wie oft hatte er diese Erfahrung machen müssen: zusehen, wie Menschen leiden, und nichts für sie tun können“.
Umgekehrt ist aber der unverhoffte Besuch des Mädchens eine willkommene Störung des etwas skurrilen, aber doch eintönigen Alltags im Vatikan.

Kindliche Naivität

Schneider findet für diese Erzählung – im Gegensatz zu „Schlafes Bruder“ etwa – eine einfache und klare Sprache, die unserer Zeit entstammt. Gefühlvoll nähert er sich den Protagonisten, die auch dem Leser nahe kommen. Neben der Beschreibung der Eigenheiten des Vatikans und deren Bewohnern ist es auch die kindliche Naivität Loredanas, die die Erzählung auflockert. Das tut wohl, denn in der eigenen Wertlosigkeit (göttlichen) Trost zu finden, das ist ein wahres Kunststück.