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Warnung vor Folgeschäden

30.11.2020 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Michael  Diettrich ist der Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz.       <span class="copyright">Hartinger</span>
Michael Diettrich ist der Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz. Hartinger

Armutskonferenz kritisiert die Corona-Maßnahmen.

Nachdem der erste Lockdown im Frühjahr in ers­ter Linie eine Überlastung der Spitalskapazitäten verhindern sollte, seien beim jetzigen „mehr oder weniger unterschwellig weitere Zielsetzungen hinzugekommen, unter anderem die Rettung der touristischen Wintersaison sowie des Weihnachtsgeschäfts und des Weihnachtsfestes“, heißt es in einer Aussendung der Armutskonferenz. Das sei zwar alles nachvollziehbar, meint deren Sprecher Michael Diettrich, „aber ob es uns bei der Bewältigung der Corona-Lage wirklich hilft, ist fraglich“.

Der Lockdown „entzieht vielen Menschen ihre Existenzgrundlage, er hat zahlreiche gesundheitliche Beeinträchtigungen zur Folge, und es werden Menschen am Lockdown sterben“, so Diettrich. Daher müsse offen darüber gesprochen werden, ob die Kollateralschäden der getroffenen Schutzmaßnahmen möglicherweise höher seien als die, die durch das Virus selbst entstehen.

Medizinische Unterversorgung

Laut Diettrich seien gesundheitlich verletzliche Gruppen, sozial Benachteiligte und Menschen mit geringem Einkommen besonders von den beobachtbaren Kollateralschäden betroffen. Menschen würden an medizinischer Unterversorgung sterben, sagt er.

So würden zahlreiche Ärzte und Ärzteverbände davor warnen, dass angesichts der corona-bedingten medizinischen Unterversorgung eine höhere Sterberate bei chronisch Kranken zu erwarten sei, weil viele aus Angst vor Ansteckung mit Corona die Behandlung meiden. Das Gleiche gelte für Notfälle. Diettrich verweist diesbezüglich auf mehrere Untersuchungen und Studien.

Folgenreiche Schulschließungen

Kritik übt er auch an den Schulschließungen. Diesbezüglich zitiert er eine Studie der Universität Oxford über die Auswirkungen des ersten Lockdowns auf den Lernerfolg von Volksschülern in den Niederlanden. Diese weise nach, dass die Jahreslernleistung der Kinder durch die Schulschließungen um durchschnittlich 20 Prozent sinke, bei Kindern aus Familien mit niedrigem Bildungsstand sogar bis zu 55 Prozent. Eine Recherche des IHS erwarte Gleiches auch in Österreich, so Diettrich.

Die Bildungsbeeinträchtigungen infolge der Schulschließungen hätten zudem beträchtliche Auswirkungen auf die Lebenserwartung und Mortalität der betroffenen Schüler, sagt er, insbesondere auf die von Schülern aus sozial benachteiligten Familien.

Wir brauchen jetzt mehr statt weniger Sozialstaat, um die direkten und indirekten Folgen von Corona abzufedern.

Michael Diettrich, Armutskonferenz

Als ähnlich gravierend beschreibt Diet­trich auch die Folgen der Arbeitslosigkeit. So habe das Robert-Koch-Institut belegt, dass neben dem Verlust der Exis­tenzgrundlage auch das Mortalitätsrisiko mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit steige. Daher fordert Diettrich „jetzt mehr, statt weniger Sozialstaat, um die direkten und indirekten Folgen von Corona abzufedern. Es ist nicht hinnehmbar, dass einzelne soziale Gruppen gegeneinander ausgespielt werden“, so der Sprecher der Armutskonferenz.

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