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Gemeinsam gegen drohende Armut

05.12.2020 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Immer mehr Menschen in Vorarl­berg müssen sich arbeitslos melden. <span class="copyright">APA/GEORG HOCHMUTH</span>
Immer mehr Menschen in Vorarl­berg müssen sich arbeitslos melden. APA/GEORG HOCHMUTH

Arbeiterkammer, Caritas und ifs wollen enger zusammenarbeiten.

Die Arbeitslosenzahlen in Vorarlberg steigen aufgrund der Corona-Pandemie ordentlich an. 14.272 Vorarlberger waren Ende November beim AMS gemeldet, weil sie keinen Job hatten. Das sind über 1000 Arbeitslose mehr als noch im Oktober und über 3800 mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Der Trend schlägt sich auch auf die Arbeit der AK, Caritas und des ifs nieder, weshalb die drei Organisationen künftig noch enger zusammenarbeiten wollen. In einer gemeinsamen Pressekonferenz sprachen sich die Vertreter der drei Organisationen gestern gegen Kürzungen im Sozialbereich aus und forderten unter anderem die Anhebung der Arbeitslosen-Nettoersatzrate von 55 auf 70 Prozent sowie mehr Plätze in den verschiedenen Jugendbeschäftigungsprojekten.

„Der Verlust des Arbeitsplatzes geht sehr oft mit grundlegenden Existenz­ängsten und somit mit psychischen Belastungen einher.“

Martina Gasser, ifs

Möglichst rasche Hilfe

Durch die engere Zusammenarbeit soll die Zeit der Arbeitslosigkeit für die Betroffenen so kurz und erträglich wie möglich gehalten werden. „Wir verweisen untereinander auf die jeweiligen Partnerorganisationen, wenn deren Hilfe dem Klienten nützlich ist“, erklärt AK-Präsident Hubert Hämmerle.
Laut Caritas-Direktor Walter Schmolly müsse man sich jetzt solidarisch mit jenen zeigen, die mit ihrer Arbeit auch ihre Lebensgrundlage verloren hätten. „Einmalige Zuwendungen genügen nicht. Es braucht hier weiterreichende Lösungen“, ist der Caritas-Direktor überzeugt. ifs-Geschäftsführerin Martina Gasser ergänzt: „Wir können zwar keine Jobs aus dem Boden stampfen, aber wir lindern wenigstens die Folgen der Arbeitsmarktmisere.“
Befürchtet wird, dass viele der durch Arbeitslosigkeit bedingten Problemlagen erst dann deutlich zutage treten, wenn die Gesundheitskrise überwunden ist, das Ersparte aber verbraucht ist und die diversen Stundungen und Unterstützungen auslaufen. Diese Probleme gelte es, möglichst früh abzufangen.

„Hinter jeder Zahl der Arbeitslosenstatistik stecken menschliche Schicksale. Das wird zu oft vergessen.“

Hubert Hämmerle, AK-Präsident

Jugendliche

Besonders schwierig sei die Corona-Situation derzeit für jene Jugendlichen, die sich schwertun, nach der Schule in die Erwerbsarbeit einzusteigen. „Wir sehen das auch in unserem Projekt ‚startbahn‘ in Feldkirch und Bludenz an der steigenden Nachfrage. Jugendliche, die jetzt in diesem Übergang stecken bleiben, verlieren elementare Chancen für ihren weiteren Lebensweg“, so Schmolly. Deshalb müsse man jetzt auch die Plätze in den Jugendbeschäftigungsprojekten an den gestiegenen Bedarf anpassen.

AK-Umfrage: Jeder dritte Befragte sagt, Einkommen „reicht gerade so“

Die Ergebnisse einer aktuellen Online-Umfrage der AK Vorarlberg zeichnen ein düsteres Bild von finanziellen Nöten und psychischer Belastung. Demnach gab jeder zweite Umfrageteilnehmer an, große bis sehr große Sorgen wegen psychischer Belastungen zu haben. Lediglich 52 Prozent haben angegeben, eine unvorhergesehene Zahlung in der Höhe von 1000 Euro leis­ten zu können. In der Branche Beherbergung und Gastronomie sind es lediglich 20 Prozent. 34 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr derzeitiges Einkommen „gerade ausreicht“, weitere zehn Prozent bezeichneten ihr Gehalt als „nicht ausreichend“. Apropos Hilfeleistung und Sonderzahlungen: Die AK hat auch danach gefragt und stellte dabei fest, dass nur 24 Prozent der Umfrageteilnehmer eine Sonderzahlung oder Beihilfe erhalten haben.

Die Hälfte der Arbeitslosen erhält unter 927 Euro im Monat. Das Referenzbudget für eine Person liegt aktuell aber bei 1426 Euro, die Armutsgefährdungsschwelle bei 1286 Euro.

Schulden

Auch das ifs bekommt die Corona-Auswirkungen zu spüren. „Diese zeigen sich vor allem in der Schuldenberatung und der Delogierungsprävention“, konkretisiert Gasser. Aber auch in zahlreichen anderen Bereichen schlägt sich das Thema Arbeitslosigkeit nieder.
Laut Gasser suchen vermehrt Menschen in Trennungs- und Scheidungssituationen Hilfe und berichten, dass die infolge der Corona-Krise ausgesprochene Kündigung einen zusätzlichen Druck auf ihre Beziehung ausübte.
Zudem werde in der Beratung immer wieder deutlich, dass Streitereien ums Geld in Partnerschaften vermehrt auch zu Gewalt führen. Deshalb sei es in der derzeitigen Krise von besonderer Bedeutung, neben existenzsichernden Unterstützungsleistungen auch psychosoziale Beratung und Hilfe zu bieten.

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