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„Wir sind ein Familienunternehmen“

06.12.2020 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wenn der Vater mit dem Sohne… <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Wenn der Vater mit dem Sohne… Klaus Hartinger

Seit 40 Jahren geht Raimund Bereuter als Nikolaus von Haus zu Haus.

Raimund Bereuter ist Wiederholungstäter. Und das aus tiefster Überzeugung. Seit Jahrzehnten schlüpft er in die Rolle des Nikolaus und geht in Sulzberg von Haus zu Haus. Der hauptberufliche Busfahrer hat damit vor 40 Jahren begonnen.

Vorbereitung und Illusion

Wie jedes Jahr bereitet sich Bereuter auch heuer auf seinen Nikolaus­einsatz akribisch vor. „Ich werde es aber etwas anders angehen. Wegen der Pandemie. Die Kinder sollen das auch wissen. Ich bin nicht der Nikolaus. Sondern sein Vertreter“, erzählt Bereuter. Er hat sich zwei Tage freigenommen. Denn eine gute Vorbereitung braucht Zeit. Es gebe viele Nikoläuse, und die meisten haben den ähnlichen Spruch. Viele sagen: „Tief vom Walde komm ich her, Kinder, ich kann euch sagen, es weihnachtet sehr.“ Bereuter findet diese Ansage eher unpassend. „Wenn ich so beginne, habe ich das Kind bereits angelogen. Erstens, wenn ich komme, regnet es meistens, und es schneit praktisch nie. Und vom Wald her komm ich auch nicht. Mein Spruch lautet anders: Wie jedes Jahr um diese Zeit komm ich auch heuer als Nikolaus zu euch.“ Die Illusion bleibt damit aufrecht.

„Im Fernsehen schauen sie sich die brutalsten Sachen an. Aber vor dem Krampus fürchten sie sich. Das versteh’, wer wolle.“

Raimund Bereuter, Nikolaus in Sulzberg

Die Kinder sollen laut Bereuter wissen, dass es den Nikolaus wirklich gegeben hat. Und er deshalb aus Tradition jedes Jahr zu ihnen kommt. „Heuer ist es speziell. Der Nikolaus hat ein Goldenes Buch dabei. Aber das ist leer. Da stehen nur Dinge über die Pandemie oder auch über das Homeschooling drinnen. Denn ich darf nicht ins Haus hinein und muss Abstand halten. Aber die meis­ten Kinder kenn ich ja. Auch weil ich Postbusfahrer bin. Somit fällt mir auch zu den meisten was ein.“ Ansonsten hat Bereuter den Eltern in den Jahren davor immer eingebläut, keine Romane zu schreiben. Kurze Stichworte genügen. Dann kennt sich der Nikolaus-Profi sofort aus. „Ich werfe dann immer einen kurzen Blick darauf. Und weiß sofort, was Sache ist. Zudem ist es bei den meisten ähnlich gelagert.“ Wichtig sei es, die guten Sachen und das Lob hervorzuheben und das Negative klein zu halten. Oft lasse er auch Dinge, die ihm gar nicht passen, weg. „Da stehen dann Sachen drauf, wo du nur den Kopf schütteln kannst. Da sitzen die Gota oder Oma und Opa am Tisch. Und dann steht da: Er macht ins Bett. Das geht einfach nicht, dass ich die Kinder so bloßstelle. Solche Dinge gehen den Nikolaus genau gar nichts an“, betont er. Auch deshalb liebt er das freie Wort als Nikolaus.

Er hilft auch Sohn Kornelius beim Schminken. <span class="copyright">Klaus Hartinger (5)</span>
Er hilft auch Sohn Kornelius beim Schminken. Klaus Hartinger (5)

Vorsicht

In diesem Jahr hat Bereuter im Vorfeld angerufen und mit den Familien ausgemacht, wo sie im Freien die Nikolaussäckchen verstecken sollen. Gut angeschrieben müssen sie sein. „Somit ist gewährleistet, dass der Nikolaus auch heuer was bringt. Aber er kann nicht alle Wünsche erfüllen“, führt Bereuter aus. Die Kinder sollen seiner Meinung nach auch durch den Nikolaus mitbekommen, dass dieses Jahr nicht wie jedes andere ist.
Unterwegs ist er immer an zwei Tagen. Am 5. und am 6. Dezember. Normalerweise klappert der Sulzberger Nikolaus an einem Abend zwischen zehn und zwölf Häuser ab. Aber heuer sind es weniger. Denn viele Eltern sind vorsichtig und trauen sich nicht so recht. Aber er nimmt auch noch spontane Anfragen am Samstag oder Sonntag entgegen. „Ich verstehe die Leute schon auch. Ich werde das ganz vorsichtig angehen. Und den größtmöglichen Abstand einhalten, und das, obwohl wir alles nur im Freien machen.“ Zudem werde das meiste von seinem dicken Bart geschluckt, lacht Bereuter. Ein Mundschutz kommt für ihn nicht in Frage. „Ich will das kindliche Bild vom Nikolaus nicht verunstalten.“

Familienbande

Der Postbusfahrer kann mit noch einer Besonderheit aufwarten: Er wird mit dem Krampus unterwegs sein: „Wir sind ein Familienbetrieb. Mein Sohn Kornelius geht auch mit. Wir wohnen unter einem Dach und sind ein gut eingespiel­tes Team.“

Der Besuch im Freien ist möglich. Raimund Bereuter ist seit 40 Jahren Nikolaus in Sulzberg. <span class="copyright">Klaus Hartinger (2)</span>
Der Besuch im Freien ist möglich. Raimund Bereuter ist seit 40 Jahren Nikolaus in Sulzberg. Klaus Hartinger (2)

Krampus Kornelius Bereuter wird gar nicht aus dem Auto aussteigen. Das komme den Kindern entgegen. „Viele wollen den Krampus nicht mehr. Das greift immer mehr um sich. Im Fernsehen schauen sie sich die brutalsten Sachen an. Aber vor dem Krampus fürchten sie sich. Das versteh’, wer wolle.“ Aber Bereuter will den Kindern keine Angst machen. Ganz im Gegenteil. „Die Kinder sollen sehen, dass der Nikolaus sie auch in der schweren Zeit nicht vergessen hat.“

Ministrant

Begonnen hat alles damit, dass Bereuter als Bub Ministrant war. Schon damals haben ihm die feierlichen Roben des Pfarrers gefallen. Und er wollte so eine immer schon einmal selbst tragen. Seine Nachbarin, die lange Zeit der Nikolaus im Ort war, hat das Amt dann an ihn herangetragen.„Das war 1975. Seit damals ist es mir geblieben. Ich habe dazwischen fünf Jahre ausgesetzt, als meine eigenen Kinder noch klein waren.“ Bereuter hat zuerst das Kostüm von der Nachbarin getragen. Und irgendwann hat er sich ein eigenes geleistet. „Das ist ein wunderschönes Gewand. Es hat damals mehr als 6000 Schilling gekostet. Aber das habe ich gerne ausgegeben. Weil ich auch selbst viel Freude daran habe.“
An die Nikolaus-Pension denkt Bereuter trotz seiner 60 Jahre noch nicht. „Ich mache es ja gern. Aber ich finde auch keinen Nachfolger. Denn die Jungen wollen alle lieber Krampus sein.“

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