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Corona: Westbalkan-Staaten leiden massiv

07.12.2020 • 12:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Eine Frau geht in Belgrad an einem Wandbild des an den Folgen von Covid-19 verstorbenen serbisch-orthodoxen Metropoliten von Montenegro, Amfilohije Radovic, vorbei
Eine Frau geht in Belgrad an einem Wandbild des an den Folgen von Covid-19 verstorbenen serbisch-orthodoxen Metropoliten von Montenegro, Amfilohije Radovic, vorbei (c) AP (Darko Vojinovic)

Serbien wird zudem durch die Abwanderung der Ärzte geschwächt.

Auch das gesamte ehemalige Jugoslawien hat derzeit schwer mit steigenden Coronazahlen und deren Folgen für Gesundheitssystem und Wirtschaft zu kämpfen. Besonders angespannt ist die Lage in Slowenien. Mit mehr als 1600 Toten liegt das zwei Millionen Einwohner zählende Land international weit vorn in der Opferstatistik. Bis Freitag wurde etwa ein Viertel der Bevölkerung getestet, infiziert sind aktuell mehr als 80.000 Personen.

In Slowenien sind die Maßnahmen – verglichen mit den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens – seit Wochen am strengsten, doch wirklich in den Griff bekommen hat man das Virus bisher nicht.

Ein Faktor der Ausbreitung war dabei im Sommer und Frühherbst die enge Verzahnung mit dem ehemaligen Jugoslawien, erläutert in Laibach Bojana Beovic: „Im Juli hatten wir eine Welle, die aus Serbien und Bosnien kam, weil damals dort die Epidemie am Höhepunkt war“, sagt die Epidemiologin. „Das konnten wir durch Maßnahmen an den Grenzen eindämmen. Ende August führte dann die Rückkehr slowenischer Touristen aus Kroatien zu einer großen Welle, wegen der Wiederaufnahme der Arbeit und des Schulbeginns. Auch im September hatten wir viele Fälle aus dem Ausland.

Enge Verzahnung in Ex-Jugoslawien

Mit Einschränkungen deckt sich dieser Befund auch mit Daten der Arges für die Sommermonate in Österreich, wobei die Besonderheit darin besteht, dass rund 100.000 Slowenen Wohnungen, Wochenendhäuser und Boote in Kroatien haben, wo im Sommer vor allem Nachtklubs eine Quelle der Infektionen darstellten.

Doch die Quellen der Infektionen haben sich im Herbst gewandelt. Das zeigt eine Analyse des slowenischen Gesundheitsinstituts in der dritten Novemberwoche. Demnach dominieren Infektionen an Arbeitsplätzen, dicht gefolgt von Infektionen, die örtlich nicht zuordenbar sind. Dahinter kommen Familien und private Treffen, gefolgt von Altersheimen.

Bewegungsstrom am Wohnort zugenommen

Diese Struktur ist nur wenig überraschend, weil es wegen des strengen Lockdowns nur noch die Arbeit und private Aktivitäten gibt. Hinzu kommt, dass nach einer Umfrage der slowenischen Wirtschaftskammer drei Prozent aller Arbeiten von zu Hause aus erledigt werden, während 1,4 Prozent der Infizierten im Handel tätig sind. Fraglich ist, in welchem Ausmaß die strengen Beschränkungen für Reisen im Land positiv oder negativ wirken. So zeigt eine Statistik des „Google-Mobility-Reports“ für Slowenien, dass Besuche in Bars, Restaurants und Geschäften sowie Reisen im Land drastisch zurückgegangen sind, während am Wohnort Bewegungsströme zugenommen haben.

Wie dem auch sei: Lockerungen der Maßnahmen werden – wenn überhaupt – wohl erst zu Weihnachten möglich sein. Während der Feiertage könnte jedenfalls wieder die enge Verzahnung mit dem ehemaligen Jugoslawien eine Rolle spielen, weil viele Bürger in ihre ursprünglichen Heimatländer fahren (wollen), in denen (Bosnien und Herzegowina oder Serbien) die Infektionsraten weiter hoch sind. Welche konkreten Maßnahmen dann Slowenien ergreifen will und wird, ist noch nicht völlig klar.

Serbien hart getroffen

Serbien hat bisher trotz hoher Coronazahlen anders als Slowenien oder Österreich keinen kompletten Lockdown ausgesprochen. Geschäfte und Restaurants arbeiten, obwohl die Öffnungszeiten beschränkt sind. Die Selbstdisziplin ist besser geworden, aber noch immer nicht zufriedenstellend. Daher galten an diesem Wochenende zusätzliche Einschränkungen. Ab heute dürfen Restaurants und Cafés nur noch bis 17 Uhr öffnen. Hauszustellung ist aber rund um die Uhr möglich. Auch in Serbien appellieren Ärzte immer wieder an die Vernunft der Bürger. Branislav Tiodorovic, Mitglied des Krisenstabs, mahnt: „Vor Weihnachten werden viele Bürger Geschenke kaufen. Daher ist es sehr wichtig, maßvoll zu sein. Ich glaube, dass die große Mehrheit die Maßnahmen befolgt, doch die Minderheit hat das hervorgerufen, was wir nicht erwartet haben. Wenn sich alle daran halten, dann können wir nach dem 15. Dezember die Wirkung der Maßnahmen bewerten und sie vielleicht zu Weihnachten oder Neujahr lockern.“

Eröffnet wurde in der Nähe von Belgrad am Sonntag auch ein neues Coronaspital. Es hat mehr als 900 Betten, davon 250 für Intensivpatienten. Ein weiteres Krankenhaus ist in Bau. Die politische Führung unter Präsident Aleksandar Vucic versucht mit allen (medialen) Mitteln, der Bevölkerung zu suggerieren, dass sie die Covidkrise im Griff hat. Doch Zweifel sind angebracht. Zu Beginn der Vorwoche zählte Serbien bei etwas mehr als sieben Millionen Einwohnern täglich 6000 bis 7000 Neuinfizierte, wobei die Zahl der Hospitalisierten deutlich zunahm.

Probleme durch Abwanderung

Hinzu kommen immer mehr Infizierte beim medizinischen Personal. Zu Beginn der Vorwoche waren es mindestens 600. In beiden Fällen sollen die Zahlen jedoch tatsächlich höher sein. Serbien leidet unter einer starken Abwanderung von Ärzten und Krankenschwestern vor allem in die EU, hat aber auch mit massiven wirtschaftlichen Folgen der Krise zu kämpfen. Zwar ist der BIP-Rückgang wegen der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie weit geringer als in anderen Ländern der Region, andererseits hat Serbien nun ein weit höheres Budgetdefizit. Und auch die Staatsverschuldung ist ein Problem. Serbien hängt wirtschaftlich stark von der Entwicklung in der EU ab, verfügt im Gegensatz zu Slowenien und Kroatien aber über keinen nennenswerten Tourismus, der als Wachstumsfaktor dienen könnte, sollte die Coronakrise das zulassen.

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