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Trockentraining gegen Vereinsamung

10.12.2020 • 20:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Von links nach rechts: Neubacher, Hagleitner, Rüscher, Haller. <span class="copyright">VLK/Hagen</span>
Von links nach rechts: Neubacher, Hagleitner, Rüscher, Haller. VLK/Hagen

Psychosozialen Einrichtungen sind mehr denn je gefragt.

Nicht erst seit Covid-19 rückt die psychische Gesundheit immer mehr ins Zentrum des Interesses. Dennoch gilt nach wie vor: Psychische Erkrankungen werden oft zu spät wahrgenommen und behandelt. Das liegt einerseits an der immer noch vorhandenen Scham, andererseits dominiert nach wie vor das körperliche Gebrechen über das psychische in Sachen Wertigkeit. Aber die psychischen Belastungen und Erkrankungen sind im Vormarsch, nicht zuletzt wegen Corona. Vorarlberg bietet ein starkes Netz an Einrichtungen, die im psychischen Notfall Hilfsangebote liefern. Diese sind breitgestreut und durchaus niederschwellig. „Genau das ist im Krisenfall sehr wichtig. Denn im Stillen zum Telefon zu greifen oder auf einer Webseite einzusteigen, ist leichter als zu einer Beratungsstelle zu gehen“, betont Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher. Auch die neue App „Xsund“ bietet seit Kurzem zu den wesentlichen Hilfe-Themen wie Angst, Beziehungsfragen, Einsamkeit, Sucht oder Suizid konkrete Hilfestellungen und Anlaufstellen in der jeweiligen Region an.

In schwierigen Zeiten ein heikles Thema: Suizid. <span class="copyright">Archivbild/Stiplovsek</span>
In schwierigen Zeiten ein heikles Thema: Suizid. Archivbild/Stiplovsek

Ein erster Schritt

„Oft ist ein erstes entlastendes Gespräch der wichtigste und wertvollste Schritt aus einer persönlichen psychischen Krise“, so Joachim Hagleitner, Psychiatriekoordinator des Landes. Die Angebote haben alle geöffnet, zudem werden die Hygienevorschriften genauestens eingehalten. „Ich denke da vor allen an die ifs-Erstberatungsstellen, die sind alle gut erreichbar“, ergänzt Hagleiter.
Die Telefonseelsorge bietet den Vorteil der Erreichbarkeit rund um die Uhr. Dort werden auch weiterstellende Hilfeleistungen vermittelt. Allein im Mai 2020 gab es 40 Prozent mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge.

„Covid ist natürlich auch ein anti-narzisstisches Virus. Unsere Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel.“

Reinhard Haller, Psychiater

„Derzeit liegen die Kontaktzahlen leicht über dem Vor-Covid-Niveau. Das ist nicht überraschend. Denn wir wissen, dass psychische Probleme oft nicht in der Krise kommen, sondern zeitversetzt“, betont Thomas Neubacher, Funktionsbereichsleiter für Sozialpsychiatrie und Sucht. Vor allem die soziale Vereinsamung macht den Menschen zunehmend zu schaffen. Zudem haben viele zu viel Zeit, um nachzudenken und kommen dadurch ins Grübeln. „Dazu kommen dann die existenziellen Ängste, bei Jugendlichen sind es vor allem die Sorgen in der Schule und über den zukünftigen Beruf. Zudem werden wir häufig von Angehörigen kontaktiert, dass der Partner ein Alkoholproblem hat, oder der Sohn kifft“, erklärt Naubacher. Diese Probleme sind meist nicht neu. Aber sie fallen jetzt erst massiv auf.

Positive Aspekte

„Covid ist natürlich auch ein anti-narzisstisches Virus. Unsere Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel. Wir erkennen wieder mehr, dass wir endliche Wesen sind“, analysiert Psychiater Reinhard Haller. Wenn man die Krise betrachte, könne man auch positive Dinge daraus ziehen. „Eine Krise geht auch immer vorbei. Das ist kein chronischer Prozess, der in den Abgrund führt“, so Haller. Und natürlich bieten Krisen auch Chancen. Auch wenn das niemand mehr hören will und kann. Aber: „Fragen wie: Ist das viel Herumfliegen in der Welt wirklich wichtig. Oder: Muss ich wegen jeder Besprechung nach Wien fahren. Da gibt es in vielen Bereichen ein Umdenken.“ Einsamkeit ist nicht generell was Schlechtes, betont der Psychia­ter. Es gehe da vielmehr um Vereinsamung. „Verlassen sein, allein sein ist auf Dauer nicht gut. Covid hat uns ein Trockentraining verpasst. Denn das Problem ist eines, das unsere Gesellschaft schon länger begleitet. Und das wird mehr werden in den kommenden Jahren.“

Erste Hilfe für die Seele

Die wichtigsten Einrichtungen:

• Telefonseelsorge

• Omnibus Beratungsstelle

• Landesleitung Psychotherapie (VLP)

• aks Sozialpsychiatrische Dienste (SpDi)

• pro mente Sozialpsychiatrische Dienste (SpDi)

• ifS Beratungsstellen

• IfS Psychotherapie

• Kinder- und Jugendanwalt KiJa

• Supro

Für die Telefonseelsorge gibt es viel zu tun. <span class="copyright">Archivbild/Klaus Hartinger</span>
Für die Telefonseelsorge gibt es viel zu tun. Archivbild/Klaus Hartinger

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