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Experte Weiss hält nichts von Massentests

20.12.2020 • 13:17 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Infektiologe Günter Weiss gehört dem Beraterstab der Corona-Taskforce im Gesundheitsministerium an
Infektiologe Günter Weiss gehört dem Beraterstab der Corona-Taskforce im Gesundheitsministerium an APA/Herbert Neubauer

Innsbrucker Infektiologe rechnet mit Normalität im Frühsommer.

Der Innsbrucker Infektiologe und Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin, Günter Weiss, hält nichts von Corona-Massentests, wie sie etwa hierzulande vom 15. bis 17. Jänner ein zweites Mal anstehen. „Es gibt wenig Evidenz. Kein anderes europäische Land empfiehlt es. Auch das wirklich renommierte Robert-Koch-Institut etwa gibt keine Empfehlung ab“, sagte Weiss im APA-Interview. Mit einer Rückkehr zur ersehnten Normalität rechnete der Experte indes im Frühsommer.

In Sachen Antigen-Massentests verwies Weiss, der dem Beraterstab der Corona-Taskforce im Gesundheitsministerium angehört, auch auf das Beispiel Slowakei: „Dort ist fast die gesamte Bevölkerung hingegangen. Aber man hat nicht den Eindruck, dass es irgendwas Positives für das Infektionsgeschehen gebracht hat. Es war ein Sturm im Wasserglas, der keinen nachhaltigen Erfolg gebracht hat“.

„Testen sollte gezielt erfolgen“

Er verstehe die „Verzweiflung der Politik“, aber solche Antigen-Tests an Asymptomatischen seien einfach nicht das richtige Instrument, so Weiss und wiederholte sein Mantra: „Das Testen sollte gezielt erfolgen. Und nicht quer durch den Gemüsegarten“. Eines der Hauptprobleme sei die „falsche Sicherheit“, die durch einen falschen negativen Test entstehe. Hier sei auch nicht gut kommuniziert und medial vermittelt worden: „Es ist eine gefährliche Message, wenn ich über die Medien quasi erfahre: ‚Geht testen – und dann ist Weihnachten gerettet‘. Ein negativer Antigen-Test sagt wenig aus. Man kann trotzdem schon aktuell oder auch am nächsten Tag infiziert und Krankheitsüberträger sein“. Eine falsche Erwartungshaltung führe zwangsläufig zum Schleifenlassen der Schutzmaßnahmen. Eine höhere Zahl an Neuinfektion hebe die relativ geringe Zahl an positiv „Herausgefilterten“ wieder mehr als auf. Die „Nutzen-Risiko-Bewertung“ stimme einfach nicht, betonte der Spitzenmediziner.

Das betrifft auch Tests im Bereich der kritischen Infrastruktur. Als Positivum könne man einige Ansteckende mitunter herausfiltern, allerdings finde man aufgrund der geringeren Empfindlichkeit dieser Tests nur einen Teil von denen, „die wirklich etwas haben“: „Die anderen gehen hinein – mit der Folge eines entsprechenden Kollateralschadens“.

„Weh“ tut es Weiss auch, wenn er an die enormen finanziellen Mittel denke, die für die Massentests ausgegeben werden – „für einen bescheidenen Effekt“. „Für dieses Geld könnte man ein oder zwei Spitzenforschungszentren bauen und unterhalten – mit einem nachhaltigen Benefit“.

Gezielte Tests und Schutz vulnerabler Gruppen

Einmal mehr plädierte Weiss für gezielte Testungen bzw. den größtmöglichen Schutz der vulnerablen Bevölkerungsgruppen, also älterer Leute bzw. solcher mit Vorerkrankungen. Es gehe darum, symptomatische Personen sofort zu testen – dazu seien solche Testungen ausgelegt, vor allem auch im niedergelassenen Bereich. „Und ich weiß, es kann schon keiner mehr hören aber: Es gilt einfach auch nach wie vor die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten„. Denn wenngleich die Zahl der Intensivpatienten bereits um ein Drittel zurückgegangen sei, die Zahl der Neuinfektion sei weiter zu hoch. Man sei auf dem richtigen Weg, aber noch nicht am Ziel: „Es ist nicht mehr fünf vor zwölf. Wir stehen wieder auf halb zwölf“.

Vielversprechende Impfung

So wenig Weiss von Massentests hält, so viel verspricht er sich von der auch in Europa auf den Weg gebrachten Impfung als dem entscheidenden Mittel, die Pandemie endlich hinter sich zu lassen. „Frühjahr ist vielleicht etwas zu sportlich. Aber ich gehe von einer Normalität mit Frühsommer aus. Das kann ich mit sehr gut vorstellen“, erklärte der Mediziner. Mit der Impfung beginne Anfang des kommenden Jahres der „erste Schritt in Richtung Normalität, vor allem wenn man zu erst einmal diejenigen impft, die von der Pandemie besonders betroffen sind“. Nach allem was man bisher wisse, könne man sagen, dass doch sein „sehr hochprozentiger Schutz gewährleistet ist, auch bei den Älteren – zumindest mal für ein paar Monate“. „Je mehr sich impfen lassen, desto besser. Umso weniger relevant wird das Corona-Thema in Zukunft sein“, appellierte der Infektiologe an die Bevölkerung. Denn die Impfung schütze davor, dass sich das Virus im Körper weiter ausbreite.

Wichtig sei, die Bevölkerung klar und umfassend zu informieren. Besondere Nebenwirkungen, die außerhalb des üblichen Rahmens bei Impfungen wie etwa auch gegen Influenza liegen, sah Weiss nach bisherigem Studium der Daten nicht. Höchstens könne es mitunter zu etwas Fieber bzw. ein bisschen Abgeschlagenheit oder Mattigkeit kommen, aber: „Das sind ja eigentlich keine Nebenwirkungen, sondern Zeichen, dass das Immunsystem aktiviert wird“, so der Experte. Es handle sich um eine normale Impfreaktion.

Für weniger erfolgversprechend – zumindest langfristig – hält Weiss übrigens Lockdown-Maßnahmen, wie sie nunmehr wieder auf den Weg gebracht wurden. Und zwar vor allem aus einem Grund: Rund ein Drittel der Bevölkerung seien dahingehend einfach nicht mehr erreichbar – weder durch Medien noch durch die Appelle der Verantwortlichen. „Leider“, so Weiss. Die Gründe seien vielfältig und würden von mitunter nicht nachvollziehbaren Entscheidungen, zu vielen Regeln, mangelnde Solidarität bis hin zu viel „erhobenem Zeigefinger“ reichen.