Allgemein

„Christkind hat heuer besonders viel zu tun.“

24.12.2020 • 06:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Benno Elbs ist seit 2013 Bischof der Diözese Feldkirch. <span class="copyright">Archiv/Hartinger</span>
Benno Elbs ist seit 2013 Bischof der Diözese Feldkirch. Archiv/Hartinger

Bischof Benno Elbs über das Weihnachtsfest in Corona-Zeiten.

Wie haben Sie die Vorweihnachtszeit heuer erlebt? War es aufgrund der Pandemie anders als in früheren Jahren?
Bischof Benno Elbs:
Heuer war die Situation schon sehr anders. Die Vorweihnachtszeit ist oft auch eine Zeit der Begegnung, des Miteinander-Feierns, der Gespräche. Das alles ist in diesem Jahr sehr reduziert. Deshalb war es, äußerlich betrachtet, eine vergleichsweise ruhige Zeit. Durch die Ausgangssperren gab es wenige bis keine Abendtermine und so konnte ich die Adventabende nutzen, um die Kerzen an meinem Adventkranz anzuzünden, zu lesen oder Musik zu hören.

Weihnachten ist auch die Zeit der Gottesdienste. Was wird dieses Jahr anders sein?
Elbs:
Wir sind sehr dankbar, dass wir überhaupt Gottesdienste feiern können. Die Gesundheit steht an wichtiger Stelle. Deshalb gelten selbstverständlich die üblichen Corona-Bestimmungen wie Abstand-Halten und Maskenpflicht auch für die Weihnachtsgottesdienste. Es gibt ein großes Streaming-Angebot sowie Gottesdienste im Radio und Fernsehen. Auch das Gebet und der Gottesdienst in den Familien hat in diesem Jahr eine besondere Rolle. Wir versuchen, sehr kreativ zu sein, damit die Menschen den Schatz der Gottesdienste neu entdecken und dort eine Quelle der Kraft und Zuversicht finden.

Zu Ostern war es nicht möglich, gemeinsam in den Kirchen die Messe zu feiern. Nun steht auch ein Weihnachtsfest mit Einschränkungen bevor. Wirkt sich das negativ auf die Kirche aus?
Elbs:
Die Pandemie verändert alle gesellschaftlichen Bereiche und natürlich auch die Kirche. Es gibt ein hohes Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft, das durch die Pandemie neu sichtbar geworden ist. Neben diesen positiven Effekten merken wir andererseits mancherorts auch, dass die Gottesdienste nach dem Lockdown nicht mehr so gut besucht sind wie davor. Zudem hoffe ich, dass die verschiedenen Gruppen, die das pfarrliche und kirchliche Leben bereichern und die sich im Moment nicht treffen können, nach der Pandemie sozusagen wieder „auferstehen“. Ich denke an die Chöre, die Jungschargruppen, die ­Ministrantenarbeit und vieles mehr.

Die Kirche versucht in Corona-Zeiten kreativ zu sein mit Streming-Angebote. <span class="copyright">Archiv/Hartinger</span>
Die Kirche versucht in Corona-Zeiten kreativ zu sein mit Streming-Angebote. Archiv/Hartinger

Was gilt es, aus diesen schwierigen Zeiten zu lernen?
Elbs:
Ich glaube, dass es wichtig ist, erstens die Zuversicht nicht zu vergessen. Im Zentrum des Christentums steht das Vertrauen, dass Gott mit uns ist und sich nicht aus dem Staub macht. Was wir lernen, ist ein wertschätzendes und achtsames Umgehen miteinander. In Gesprächen merke ich oft, dass es bei vielen Menschen Verletzungen, Kränkungen und Ängste verschiedenster Art gibt. Da ist es wichtig, sich gegenseitig aufzurichten und zu stärken. Solidarität, das gilt es immer wieder neu zu lernen. Wirklich große Krisen im persönlichen Leben, aber auch in der Welt können wir nur gemeinsam meistern. Eine Globalisierung der Nächstenliebe ist in diesen Zeiten besonders gefragt.

Durch die Empfehlung, die sozialen Kontakte einzuschränken, wird das direkte Umfeld wichtiger. Könnte es zu einer Stärkung der Familie kommen? Besteht da auch die Gefahr von Isolation?
Elbs:
Die Pandemie hat die Bedeutung der eigenen Familie natürlich stärker in den Mittelpunkt gerückt. Die Familie ist jener Bereich, in dem ich mich ohne Maske und ohne Abstand bewegen kann. Vielen ist die Familie als Ort von Heimat und Wärme neu bewusst geworden. Ich ziehe auch meinen Hut vor dem, was die Familien in den vergangenen Monaten leisten mussten. Zugleich haben auch viele Menschen Einsamkeit sehr schmerzlich erfahren. Isolation ist etwas, was die Seele im Tiefsten erschüttert.

Gerade Weihnachten ist als Fest sehr vom Kommerz begleitet. Besteht durch die Pandemie die Chance auf eine Rückbesinnung auf nicht-materielle Dinge?
Elbs:
Die Möglichkeit besteht natürlich. Ob es tatsächlich passiert, ist eine andere Frage. Wobei ich auch sagen muss: Das Schenken und Beschenkt-Werden, das neben vielem anderen dem Weihnachtsfest auch seinen Charme verleiht, ist ja auch etwas Wichtiges und Schönes. Ein kleines Präsent, das von Herzen kommt, ist schon oft eine Brücke über die Schlucht der Einsamkeit und Entfremdung gewesen. Der Wert eines Geschenkes hängt ab von der Liebe, mit der ich es verschenke. Wenn wir über Geschenke sprechen, sollte deshalb weniger der materielle Wert im Vordergrund stehen, sondern das, was ich mit dem Geschenk ausdrücken möchte. Auch das wäre schon eine Rückbesinnung auf nicht-materielle Werte.

Zur Person

Benno Elbs wurde am 16. Oktober 1960 in Bregenz geboren. Nach der Matura am Bregenzer Gymnasium hat er in Innsbruck Theologie studiert und das Studium 1986 mit dem Doktorat abgeschlossen. Außerdem hat er eine psychologische und therapeutische Ausbildung absolviert. 1986 wurde er zum Priester geweiht. Am 8. Mai 2013 wurde er von Papst Franziskus zum Bischof von Feldkirch ernannt. Die Weihe erfolgte am 30. Juni 2013 im Dom der Montfortstadt.

Mit der Impfung gibt es nun einen Lichtblick. Wie wird die Kirche in die Zeit nach der Pandemie gehen? Weiter wie vor der Krise oder werden sich Dinge ändern?
Elbs:
Es gibt kein Weiter wie vor der Krise. Alles andere wäre eine Illusion. Ich sehe die Kirche auch nach der Pandemie vor allem an zwei Orten: zum einen bei den Menschen, die eine spirituelle Heimat suchen, die Fragen haben und die die Gottesthematik umtreibt; und zum anderen bei Menschen, die in Not geraten sind und Hilfe brauchen. Es sind während der Corona-Zeit bei vielen verstärkt Sehnsüchte aufgebrochen nach Zuwendung und auch nach Orten, wo über Lebensfragen geredet werden kann. Und es gibt viele Menschen, die durch die Krise erhebliche seelische Verletzungen erlitten haben und in materielle Not geraten sind. Für sie muss Kirche besonders da sein.

Solidarität und Regionalität waren in den vergangenen Monaten wichtige Themen. Wie groß ist die Gefahr, dass diese Dinge nach dem Ende der akuten Krise wieder in Vergessenheit geraten?
Elbs:
Realistischerweise muss man natürlich sagen, dass der Mensch ein bequemes Wesen ist, das gerne wieder zu Verhaltensweisen zurückkehrt, die man schätzt und die einem Sicherheit geben. Das ist nicht von vornherein schlecht. Allerdings befinden wir uns gesellschaftlich mitten in einem Umwälzungsprozess, dessen Ausmaße wir im Moment noch gar nicht erahnen können. Denn das Virus hat ein Schlaglicht auf verschiedene sozialpolitische Problemfelder geworfen, die seit Jahren einer Lösung harren.

Welche sind das?
Elbs:
Seit es Corona gibt, reden wir verstärkt von der Pflege und was es braucht, um diesen Beruf attraktiver zu machen. Wir reden von gerechten Löhnen, weil wir sehen, dass jene Berufe, die sich als systemrelevant herausgestellt haben, mitnichten jene sind, die am besten bezahlt werden. Wir sehen, wie das Klima aufatmet, wenn der Flugverkehr reduziert werden würde. Wir müssen auch sehen, wie Hass, Antisemitismus und Rassismus sich gewaltsam entladen. Und wir müssen in den kommenden Jahren intensiver über Bildung reden. Es wird sich also viel ändern.

Bischof Benno Elbs sieht die Kirche nach der Pandemie an zwei Orten: bei den notleidenden Menschen und bei jenen, die eine spirituelle Heimat suchen. <span class="copyright">Archiv/hartinger</span>
Bischof Benno Elbs sieht die Kirche nach der Pandemie an zwei Orten: bei den notleidenden Menschen und bei jenen, die eine spirituelle Heimat suchen. Archiv/hartinger

Auch wenn die unmittelbare Bedrohung durch das Virus durch eine Impfung abgewendet werden kann, werden die Auswirkungen der Corona-Krise die Menschen noch länger beschäftigten. Welche Rolle kann die Kirche dabei spielen?
Elbs:
Wir merken zunehmend, dass die Pandemie nicht nur eine Gesundheitskrise ist, sondern auch eine soziale Krise, eine Wirtschaftskrise und für viele Menschen auch eine seelische Krise. Die Impfung wird den gesundheitlichen Aspekt etwas entschärfen. Wie wir mit den Folgen, die entstanden sind, umgehen und wie wieder Brücken des Vertrauens entstehen können, das ist sicher ein zentrales Thema für uns alle. Weihnachten heißt ganz konkret, dass Gott sich in den schwierigen Momenten nicht zurückzieht, sondern dass er alle Wege der Menschen mitgeht. Das ist der Grundauftrag für uns als Kirche, der jetzt und auch nach der Pandemie die Marschrichtung vorgibt.

Was wünschen Sie sich für Weihnachten und das neue Jahr?
Elbs:
Persönlich wünsche ich mir, dass wir zuversichtlich bleiben und uns durch die derzeitige Krise nicht den Mut nehmen lassen. Ich wünsche mir, dass das Kind in der Krippe uns im Innersten berührt und uns mit Zuversicht in die Zukunft gehen lässt. Und für die vielen Menschen, die mir in diesen Tagen schreiben oder mit denen ich spreche, hoffe ich, dass ihre persönlichen Wünsche in Erfüllung gehen: der Wunsch nach Nähe, Freundschaft oder ganz einfach wieder einmal in ein Konzert gehen zu können. Ich glaube, das Christkind hat in diesem Jahr besonders viel zu tun.