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Die ersten Österreicher sind geimpft

27.12.2020 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die ersten Österreicher sind geimpft

Drei Frauen und zwei Männer ließen sich erstmals gegen Corona impfen.

Am heutigen Sonntag startete die größte Impfaktion der österreichischen Geschichte. Drei Frauen und ein Mann über 80 Jahre sowie der Leiter einer Covid-Station waren die ersten, die in Österreich gegen das Coronavirus geimpft wurden. Den Risikopatienten und dem Vertreter des Gesundheitspersonals wurde an der MedUni Wien die erste von zwei Impfdosen verabreicht. Danach folgten gleich weitere Impfungen.

Die zweite Impfung erfolgt dann in drei Wochen. Bereits nach einer Woche soll laut Hersteller eine gewisse Schutzwirkung erreicht sein. „Mit der Impfung ist der Anfang für den Sieg gegen die Pandemie eingeleitet“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). „Der 27. Dezember 2020 ist ein historischer Tag.“ Die Impfung sei der „Game Changer“ – „wir nähern uns Schritt für Schritt, mit jeder Impfung, die durchgeführt wird, der Normalität“.

Alle Bundesländer erhielten zeitgleich Impfdosen. Die Zustellung zum Endverbraucher erfolgte im „Schneeballsystem“ durch Soldaten von Verbänden aus den jeweiligen Bundesländern. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) dankte den involvierten Soldaten und Zivilbediensteten, „für weitere Aufgaben stehen wir bereit“.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober betonte, es sei vor allem auch ein großer Tag für Wissenschaft und Forschung und für die EU: „Es hat sich gezeigt: Gemeinsam sind wir stärker als als Einzelstaaten.“ Das große Ziel sei jetzt, „dass wir im Herbst so gut ausgestattet sind mit Impfungen, dass wir uns vor dem nächsten Winter nicht fürchten müssen.“

Impfschutz von 95 Prozent

Die Regierung will nach wie vor ohne Impfpflicht das Auslangen finden, „mit Transparenz und ehrlicher Informationsarbeit“. Die Impfung bringe jedem einzelnen etwas, nämlich die Möglichkeit, ohne Angst vor der Krankheit zu leben. Um die Krankheit insgesamt wirksam einzudämmen, müssten sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Anschober ist inzwischen wieder zuversichlich, dass es gelingen werde, diese „breite Mehrheit“ zu überzeugen.

Robin Rumler, Geschäftsführer von BioNTech-Pfizer erläuterte die Wirkungsweise:

Ab Jänner werden flächendeckend Alten- und Pflegeheime sowie das Gesundheitspersonal geimpft, in der zweiten Phase die Mitarbeiter kritischer Infrastruktur, in der dritten Phase dann alle.

Es gebe keine Gruppen, die man von der Impfung aussparen müsse, auch nicht Menschen, die es mit Immunsuppressionen zu tun hätten. Nur bei Schwangeren gebe es noch keine entsprechenden Testergebnisse. Eine einzige Substanz habe in ganz seltenen Fällen eine Reaktion ausgelöst, dies werde bei der Befragung von Personen, die schon einmal allergisch auf eine Impfung reagiert hätten, ohnehin berücksichtigt.

Wirksam auch gegen Mutationen

Die Leiterin einer Pflegestation in Maria Enzersdorf und der Leiter der Covid-Station am Wiener AKH gehörten zu den ersten Geimpften, und sie erklärten auch vor der Presse, warum die Impfung für sie so wichtig ist. In Maria Enzersdorf hatte man trotz aller Vorsichtsmaßnahmen 20 Personen zu betreuen, die an Corona erkrankt waren, zwei davon starben. „Wir waren nach drei Wochen wieder coronafrei, aber es war eine immense Belastung, und es ist eine ständige Gefahr.“

Durchgeführt wurden die ersten Injektionen von Ursula Wiedermann-Schmidt, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Vakzinologie und Vorsitzende der österreichischen Impfkommission, sowie dem Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer, Thomas Szekeres. Österreich startet mit der Immunisierung zeitgleich mit anderen Ländern der EU.

Wiedermann-Schmidt geht davon aus, dass der Impfstoff der Firmen Biontech/Pfizer auch gegen die zuletzt aufgetretene Mutation des Coronavirus wirksam ist.

Die Ärztin verabreichte die allererste Spritze Theresia Hofer, einer Pensionistin. „Hat es weh getan?“, erkundigte sie sich. Die 84-Jährige, die zuvor gesagt hatte, sie wolle „ohne Bedenken ihre Kinder, Enkel und Urenkel“ wiedersehen, überstand den historischen Moment ebenso stoisch und gefasst wie die folgende Probandin. In den nächsten Tagen könne an der Einstichstelle eine Rötung oder Schwellung auftreten, erklärte ihr die Medizinerin, und betonte noch: „Sie können mich jederzeit anrufen.“

Die Politik als Zaungast

Im Nebenraum warteten Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) auf die Probanden, die sich dort für einige Minuten ausruhen sollten. „Nach zehn Minuten dürfen Sie aufbrechen?“, fragte der Kanzler. „Ein bissl noch“ werde es dauern“, fügte Anschober hinzu. „Wobei, so fit wie Sie wirken“, meinte Kurz in Richtung einer 84-Jährigen. „Alles schon fertig“, freute sich der Kanzler mit den ersten geimpften Österreicherinnen und Österreichern.

In der MedUni gibt es eine Spezialambulanz für Risikopatienten. Dort hätten sich die Probanden freiwillig gemeldet, erläuterte Wiedermann-Schmidt. Sie alle haben Vorerkrankungen. Der älteste ist 93 Jahre alt. Ein gewisser Schutzeffekt soll laut Hersteller schon sieben Tage nach der ersten Teilimpfung gegeben sein. Zahlreiche weitere Patienten hätten sich ebenso bereits auf eine Liste für die Impfung eintragen lassen.

EU-weiter Start

Der erste zur Verfügung stehende Impfstoff gegen Covid-19 der Firmen Biontech und Pfizer war am Samstag in Österreich und den anderen EU-Ländern ausgeliefert worden. Rund zehn Monate nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa begannen somit am ersten Sonntag nach Weihnachten 2020 die Impfungen auch in Italien, Frankreich und zahlreichen weiteren EU-Staaten. In einigen anderen war schon am Samstag damit angefangen worden. Als erste erhalten besonders gefährdete Menschen das Präparat.

Weltweit hat die Pandemie nach einer Zählung der US-Universität Johns Hopkins bisher 1,75 Millionen Menschen das Leben gekostet, rund ein Drittel davon in Europa. In Österreich nähert sich die Anzahl der Covid-Toten der 6.000er-Marke.