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Umsonst geben, auch am Bildschirm

03.01.2021 • 12:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ehrenamtliches Engagement ist auch online möglich. <span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Ehrenamtliches Engagement ist auch online möglich. Symbolbild/Shutterstock

Ehrenamt ist was für Ältere. Könnte man meinen, stimmt aber nicht.

Engagement ist toll. Solange andere sich engagieren. Aber Engagement anderer kann auch zur Motivation für einen selbst werden, sich kos­tenlos und für die Allgemeinheit einzubringen. Nach der neuesten Studie mit 2019 von der Dornbirner Fachhochschule erhobenen Daten werden 55,7 Prozent der über 15-jährigen Vorarlbergerinnen und Vorarlberger für die Gemeinschaft aktiv. In Sportvereinen, kulturellen Initiativen, bei kirchlichen Aktionen oder in systemrelevanten Organisationen. Die Studie wird alle fünf Jahre wiederholt. „Sie weist beim bürgerschaftlichen Engagement über die Jahre eine stabile Entwicklung aus, wobei sich in Bezug auf Bildung, Beruf und Migrationsstatus keine soziodemografischen Unterschiede ergeben haben“, fasst Studienleiter Professor Frederic Fredersdorf von der Fachhochschule Vorarlberg zusammen. Heißt: Über den Daumen gepeilt engagieren sich alle gleich viel.
„Ohne Ehrenamt, ohne das Freiwilligenengagement von vielen wäre ein reibungsloses Funktionieren unserer Gesellschaft gar nicht möglich“, sagt der Leiter des Büros für Freiwilliges Engagement und Beteiligung in Bregenz, Michael Lederer. Er führt als Beispiel die gerade erst zurückliegenden Massentestungen an. Ohne all die Unterstützer und unentgeltlich Zupackenden wäre dieser organisatorische Marathon kaum zu stemmen gewesen.

Gründe, die zählen

Aber auch Jugendliche bringen sich vielfach ein. Und nicht nur die Erwachsenen, auch sie profitieren davon: „Zum einen ist da der soziale Aspekt. Im Verein lernt man andere Menschen kennen, und zwar aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die Diversität ist in Vereinen und Organisationen im Vergleich zum Beispiel zur Schulklasse besonders hoch. Was eint, ist das Interesse für die gemeinsame Sache, unterschiedlich sind oft Alter, Beruf oder Herkunft. Außerdem können die Jugendlichen Kompetenzen erwerben, fachlich und organisatorisch bei bestimmten Projekten etwa. Das wird heute im Berufsleben, aus Sicht des Arbeitgebers und Personalmanagements zunehmend wichtiger“, beschreibt Lederer.

„Ohne Ehrenamt wäre ein reibungsloses Funktionieren unserer Gesellschaft gar nicht möglich.“

Michael Lederer, Büro für Freiwilliges Engagement und Beteiligung

Und wie sieht die Lage in Corona-Zeiten aus? Erstaunlich gut, sagen die Fachleute. So hat zum Beispiel die Landjugend Jungbauernschaft Vorarlberg ihre alljährliche Generalversammlung nach „Plan C“ gestaltet. Es gab zwei Tage vorher einen Probedurchlauf, um spätere Pannen zu vermeiden. Dann stellten fleißige Hände einen Jausensack mit Begleitbrief vor die Türen der Mitglieder. Und nicht nur Limonade, Riebelchips und Landjäger kamen gut an, sondern auch der Tätigkeitsbericht in Gedichtform und der Fahneneinzug vor dem Bildschirm. Der Triathlonverein Bludenz richtete einen Stammtisch per Video über „Jitsi Meet“ ein, wobei klar kommuniziert wurde, wohin man sich bei technischen Problemen wenden kann, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Kreative Lösungen

Auch der Musikverein Concordia Lustenau verjüngte sich gezwungenermaßen gleich doppelt: Er verlegte seinen Tag der Offenen Tür ins Internet und sprach damit gezielt potenziellen Nachwuchs an. Einladungen wurden auf ferngesteuerte Autos gebunden, segelten als Papierflieger in die Zimmer, kamen per Seilwinde ins Haus und versteckten sich in Schatztruhen. Diese Aktionen wurden gefilmt und über die sozialen Medien verbreitet. Ein Ansturm folgte. Beim virtuellen Tag der Offenen Tür lauschten mehr als 2000 Interessierte für sie neuen Instrumenten über einen Livestream auf der Videoplattform Youtube.

Jugendliche geben auskunft

Warum engagierst du dich wofür?

Warum engagierst du dich freiwillig in deiner Freizeit?

Laura Schönberger (19, aha-Jugendteam): Gerade während des Lockdowns habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, seine Zeit sinnvoll zu nutzen. Am Handy oder vorm Fernsehr sind wir ja sowieso genug.

Raphaela Tutschek (16): Ich denke, gerade in einer Zeit, in der sich alles oft viel zu sehr ums Geld dreht, ist es wichtig, sich freiwillig zu engagieren. Ich finde, dadurch bekommt man ganz neue Erfahrungen, die einem einen ganz anderen Blickwinkel auf die Welt eröffnen. Man hat nicht immer das verdiente Geld im Hinterkopf, und die Erfahrungen, die man dadurch bekommt, sind oft wertvoller und schöner.

Hast du dich auch online engagiert, und wenn ja, was hast du gemacht?

Schönberger: Ich habe online Nachhilfe angeboten – eine tolle Erfahrung. Gar nicht so einfach, wie man meint, und eine kleine Herausforderung. Außerdem habe ich noch an ein paar ­Online-Workshops teilgenommen.

Was hältst du von Online-Aktivitäten für Jugendliche?

Schönberger: Durch die Online-Aktivitäten ist man flexibler. Ich finde, präsent als auch online haben ihre Vor- und Nachteile. Es ist sicher kein Fehler, beides auszuprobieren.

Tutschek: Es ist gerade in Lockdown-Zeiten wichtig, zusammen etwas zu machen, und solange man sich nicht treffen darf, ist es sicherlich toll, wenn zusammen online Zeit verbracht werden kann. Doch durch zu viele Online-Aktivitäten könnte es durchaus sein, dass man am Computer „festwächst“ und nicht mehr loskommt. Ich denke, da sollte jeder für sich das Mittelmaß finden.

Hilfe von aha plus

Natürlich gibt es Vereine und Vereinigungen, die sich mit der Verlagerung ins Internet schwertun. Zum einen, weil die Expertise fehlt. Zum anderen aber auch, weil vieles online schlicht nicht darstellbar ist. Gerade das gemeinsame Singen funktioniert nicht – besonders aufgrund der Zeitverzögerung bei der Übertragung der anderen Stimmen via Computer. Aber das Anerkennungssystem für engagierte Jugendliche „aha plus“ kann hier laut Koordinatorin Barbara Österle oftmals mit Ideen und praktischen Ratschlägen helfen. „Im März haben wir begonnen, in ziemlich wackeligen Kinderschuhen für Jugendliche Online-Workshops anzubieten, und haben festgestellt: Die Jugendlichen springen schnell auf. Sie brauchen die Interaktion, den Input, die Kontakte“, erzählt Österle. Die Workshops beschäftigten sich beispielsweise mit Tipps rund um das Thema „Surf smart“ mit Datenschutz im Internet, sicheren Passwörtern oder dem Umgang mit Apps. Außerdem können sich bei aha plus Vereine registrieren und Gesuche für Freiwilligentätigkeiten online stellen. Besonders Umfragen sind zu Corona-Zeiten gefragt: Warum interessieren sich junge Leute nicht für den Verein? Wie könnte die Nachwuchsarbeit attraktiver gestaltet werden? Was ist Jugendlichen wichtig? Die Jugendlichen bekommen fürs Ausfüllen Punkte, die sie einlösen können. Je nach Punktestand gibt es beispielsweise ein Longboard oder einen Kebabgutschein, oder die Jugendlichen spenden ihre Punkte für Projekte zum Beispiel der Caritas in Afrika. So lernen sie frühzeitig, dass Nehmen und Geben zusammenhängen.

In Kontakt bleiben

Beim Fußballverein SC Hohenweiler 72 geht es wie bei anderen auch in dieser Zeit darum, mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu bleiben – und sie in Bewegung zu halten. Kassierin Sonja Geiger-Spieler erzählt vom ebenfalls wichtigen Draht zu den Eltern und dass sie sich als Verein regelmäßig etwas einfallen lassen für ihren Nachwuchs. Zum Beispiel zwei Mal die Woche eine halbe Stunde Anleitung via Internet für Technikübungen und Geschicklichkeit. Die Kinder sollten davon ein Beweisfoto oder -video hochladen und bekamen fürs Mitmachen ein kleines Geschenk. „Allerdings läuft sich so eine Aktion auch irgendwann tot. Denn eigentlich wollen die Kinder eines: Fußballspielen.“ Bis es soweit ist, signalisiert Geiger-Spieler als Kassierin: „Finanziell haben wir die Fördertöpfe ausgeschöpft, nehmen aber gleichzeitig Rücksicht auf die öffentliche Hand, indem wir größere Infrastrukturprojekte noch früher abstimmen und mit Bedacht vorgehen. Wir nutzen die Zeit für kleinere Reparaturen an der Sportanlage und freuen uns darauf, wenn es wieder losgeht.“

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