Allgemein

Auf Kosten der Nachfolger

06.01.2021 • 20:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger. Klaus Hartinger

Landwirtschaftskammerpräsident Moosbrugger im Gespräch.

Das vergangene Jahr war ein außergewöhnliches – auch für die Landwirtschaft?
Josef Moosbrugger:
Ja, ganz besonders. Zum üblichen Preiskampf und der allgegenwärtigen Klimaverschlechterung ist mit der Covid-Krise ein weiterer Brocken dazugekommen. Gerade anfangs gab es viel Unsicherheit und nahezu alle Absatzmärkte in der Landwirtschaft wurden massiv erschüttert.

Welche konkret?
Moosbrugger:
Gartenbau, Urlaub am Bauernhof, Bauern­märkte, die Forstwirtschaft und insbesondere alle, die an Tourismus und Gastronomie liefern.

Lässt sich die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Tourismus und Gastronomie an Zahlen festmachen?
Moosbrugger:
Wir haben Branchen, wo es um bis zu einem Drittel des Absatzes geht. Gerade der Milch- und Käsebereich hängt stark an der Gastronomie. Urlaub am Bauernhof in der Landwirtschaft ist flächendeckend ein starker Nebenerwerbszweig. Da haben wir zeitweise Ausfälle von 100 Prozent.

Andererseits ist aber die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln stärker geworden, oder?
Moosbrugger:
Ja, allerdings unterschiedlich auf das Jahr verteilt. Aber das Bewusstsein für Lebensmittelproduktion ist gestiegen. Dieses Revival der Regionalität hat sich auch in der Direktvermarktung deutlich niedergeschlagen. Mit fortschreitender Zeit relativiert sich natürlich wieder so manches, aber unsere Botschaft an den Handel ist: Es wäre höchst an der Zeit, der Regionalität mehr Fläche im Regal zur Verfügung zu stellen, weil die Menschen das wollen.

Der Dornbirner ist seit 1999 an der Spitze der Landwirtschaftskammer Vorarlberg.   <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Dornbirner ist seit 1999 an der Spitze der Landwirtschaftskammer Vorarlberg. Hartinger

Wie nachhaltig kann dieses Bewusstsein für Regionalität sein?
Moosbrugger:
Wenn die Rahmenbedingungen und die Ehrlichkeit im Regal auch vonseiten des Bundes mit einer klaren gesetzlichen Herkunftskennzeichnung unterstützt würden, wäre das ein deutlicher Fortschritt. Der Wunsch der Bevölkerung zu wissen, woher das Produkt kommt, wie es produziert worden ist, hat massiv zugenommen. Das war auch schon vor Corona so. Aber im Regal fehlt die Erkennbarkeit. Da haben wir auf dem Markt ein verwässertes System, das Lücken hat.

Vonseiten des Handels heißt es aber, dass die erforderlichen Mengen regional gar nicht vorhanden sind.
Moosbrugger:
Das hat mit Ehrlichkeit nichts zu tun. Dann soll man draufschreiben, woher das Produkt kommt. Wenn sich die Nachfrage positiv entwickelt, würde sich auch die Produktion danach entwickeln, was der Markt verlangt. Aber wenn es rein über den Preis geht und das System verwässert ist, dann ist das einfach nicht ehrlich.

Seit November betreibt die Vorarlberg Fleisch GmbH, eine Tochter der Landwirtschaftskammer den Dornbirner Schlachthof. Dort ist Ende 2021 Schluss. Wie geht es weiter?
Moosbrugger:
Unser Bestreben ist ein Neubau. Da kommt uns aber das Wettbewerbsrecht ganz massiv in die Quere: Die öffentliche Hand kann nicht einfach einen Betrieb auf die grüne Wiese stellen. Daher prüfen wir derzeit auch Möglichkeiten der Kooperation. Eine Kooperation mit einem bestehenden Betrieb ergäbe durchaus Synergien. Natürlich wäre eine Weiterentwicklung bei bestehenden Betrieben notwendig, dort müssten Kapazitäten entsprechend erhöht werden. Dadurch kann ein gemeinsamer Nutzen entstehen, für den Betrieb und für Vorarlberg Fleisch. Neben der Schlachtung müssten aber auch die Zerlegung und Verarbeitung in Kooperation erfolgen, sodass beide profitieren. Schlachtung allein bietet wirtschaftlich keine Überlebenschance mehr.

Das heißt, sie reden derzeit mit Metzgern mit eigener Schlachtung über eine Kooperation?
Moosbrugger:
Ja. In Vorarlberg gibt es an die 60 Schlachtstätten, kleinere und größere.

Da kommen nicht alle in Frage?
Moosbrugger:
Nein. Es werden mit denen Gespräche geführt, die sich im Rheintal in vernünftiger Verkehrsumgebung befinden und interessiert sind. Es könnte auch sein, dass es Partner gibt, die am bisherigen Strandort nicht erweitern können, aber interessiert sind, an einem definierten Standort einen gemeinsamen Neubau zu errichten. Das lassen wir uns offen. In den bisherigen Gesprächen kam immer wieder zum Ausdruck, dass sie Kapazitäten hätten, aber vielleicht nicht genug.

Mit wie vielen reden Sie da?
Moosbrugger:
Mit den wenigen, die Interesse an einer Kooperation bekundet haben. Eine genaue Zahl gibt es da nicht.

Standort ist aber im Rheintal?
Moosbrugger:
Ein zukünftiger Standort muss im Rheintal sein.

Zur Person

Josef Moosbrugger wurde 1966 in Dornbirn geboren, wo er eine Landwirtschaft betreibt. Ab 1991 Kammerrat, 1995–2018 ÖVP-Stadtrat. Seit 1999 Präsident der Landwirtschaftskammer Vorarlberg, seit 2018 Präsident der österreichischen Landwirtschaftskammer. Verheiratet, drei Kinder.

Zuletzt ist auch wieder die Diskussion um die Kälbertransporte aufgeflammt. Ein Ende dürfte dort nicht in Sicht sein, oder?
Moosbrugger:
Mit der Kalbfleisch­strategie ist es in den letzten Jahren gelungen, viel zu bewegen. Wir nutzen alle Möglichkeiten, damit sich die Aufzucht der Kälber wieder lohnt und die unnötigen Tiertransporte wegen Billigimporten zumindest deutlich reduziert werden. Wir haben Erfolge zu verzeichnen, was die Reduktion anbelangt, aber auch hier gilt, dass wir eine Herkunftsbezeichnung brauchen.

Wie groß ist die Reduktion der Transporte?
Moosbrugger:
Von Jänner bis September 2020 ist die Anzahl im Vergleich zum selben Zeitraum 2019 um 41,4 Prozent und zum Jahr 2018 um 51,9 Prozent zurückgegangen. In Zahlen waren es heuer in diesen neun Monaten 1915.

Ein ständiges Thema ist auch der Bodenverbrauch im Land. Gibt es eine realistische Chance, den einzudämmen, um landwirtschaftliche Flächen zu erhalten?
Moosbrugger:
Wir brauchen in der Interessensabwägung in Hinblick auf Grund und Boden nicht nur die Frage, ob Arbeitsplätze geschaffen werden oder eine Straße gebaut wird, sondern auch die Frage, welchen Stellenwert die regionale Lebensmittelproduktion einnimmt. Wenn wir von Klimaveränderung und Maßnahmen sprechen, ist das immer dann, wenn es darum geht, selber konkret einen Beitrag zu leisten, nicht mehr so relevant.

Das heißt?
Moosbrugger:
Der größte Beitrag zum Klimaschutz wäre regionale Lebensmittel zu produzieren und sparsamer mit dem Boden umzugehen. Der Bodenverbrauch ist österreichweit, vorarlbergweit massiv zu hoch. Wir leben auf Kosten der kommenden Generationen, wir betonieren die Flächen zu und jammern, wenn die Artenvielfalt zugrunde geht.

Letztlich sind es oft auch Bauern, die den Boden verkaufen. Muss man sich da nicht an der eigenen Nase nehmen?
Moosbrugger:
Uns geht es nicht darum, wer verkauft. Sondern darum, dass die Flächenwidmung, die Raumplanung die Entwicklungen restriktiv vorgibt. Wir kämpfen deshalb auch um eine Kartierung, auf der die landwirtschaftlichen Flächen hinterlegt sind. Gerade das heurige Jahr hat ja auch gezeigt, dass Grünflächen neben der landwirtschaftlichen Nutzung auch Naherholungsgebiete sind. Es geht also nicht um die Frage, wer verkauft, sondern darum, was passiert damit und wo. Zudem muss man wissen, dass landwirtschaftlicher Grund zu großen Teilen längst nicht mehr in bäuerlicher Hand ist. Zwei Drittel der Flächen gehören nicht den Bauern und Bäuerinnen, die sie bewirtschaften …

Sondern?
Moosbrugger:
Die gehören Menschen in Vorarlberg und teilweise durchaus solchen, die Boden ankaufen und horten. Die Meinung, dass ein landwirtschaftlicher Grund immer einem Bauern gehört, ist falsch. Durch die Realteilung bis in die 90er-Jahre wurden sämtliche Gründe bei landwirtschaftlichen Betrieben bei der Erbteilung auf alle Kinder aufgeteilt. Daher sind die Interessenslagen so unterschiedlich. Wir als Landwirte leiden ja darunter, dass wir so einen hohen Anteil an Pachtflächen haben, dass wir Bittsteller sind, um eine Grundlage zu haben. Wenn ich den Boden nicht mehr habe, bin ich nicht mehr Landwirt.

Der Bodenverbrauch ist  viel zu hoch, sagt Moosbrugger.       <span class="copyright">Archiv/Stiplovsek</span>
Der Bodenverbrauch ist viel zu hoch, sagt Moosbrugger. Archiv/Stiplovsek

Im Vorjahr wurde die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) neu verhandelt. Zufrieden mit dem Ergebnis?
Moosbrugger:
Wir haben es geschafft – im Gegensatz zu dem, was zu Beginn auf dem Tisch lag –, dass das bisherige finanzielle Volumen auch in Zukunft zur Verfügung steht. Und dass gerade unsere Umweltleistungen auch zukünftig berücksichtigt werden. Es dürfen nicht diejenigen die Dummen in der EU sein, die bisher in Sachen Umweltschutz mehr gemacht haben als andere. Auch unser System der Alpwirtschaft wird weiterhin Unterstützung erfahren.

Insofern also zufrieden?
Moosbrugger:
Es ist eine gute Grundlage. An den Details arbeiten wir noch. Aber es ist eine gute Ausgangsbasis, um ein vernünftiges Programm zustande zu bekommen.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf das neue Jahr?
Moosbrugger:
Mein Hauptaugenmerk liegt derzeit auf den Entwicklungen am Markt. Wie geht es in Gastronomie und Tourismus weiter? Es beschäftigen uns auch TBC und Wolf. Da müssen wir Rahmenbedingungen für eine praktikable Landwirtschaft schaffen. Dennoch bin ich zuversichtlich: Wenn man sieht, mit welchem Einsatz und welcher Motivation unsere Bäuerinnen und Bauern tagtäglich bei der Arbeit sind, aufgeschlossen für Neues, die Produktvielfalt weiterentwickeln, haben wir durchaus gute Chancen. Landwirtschaft wird auch in Zukunft für das Gesicht des Landes und für das Wohlbefinden der Leute ganz entscheidend sein.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.