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“Kunst und Kultur sind krisensicher”

08.01.2021 • 06:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Winfried Nußbaummüller leitet seit acht Jahren die Kulturabteilung des Landes Vorarlberg. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Winfried Nußbaummüller leitet seit acht Jahren die Kulturabteilung des Landes Vorarlberg. Klaus Hartinger

Winfried Nußbaummüller über 2020 und das kommende Jahr.

Was für Aufgaben hat die Kulturabteilung des Landes Vorarlberg?
Winfried Nußbaummüller: Wir sind eine Verwaltungsstelle, die im Auftrag der Landesregierung arbeitet. Es geht einerseits darum, Gelder zu verteilen, andererseits steuern wir Kulturentwicklungen mit Impulsprojekten. Eine Grundlage dafür ist die Kulturstrategie, die haben wir im Jahr 2016 auf Basis einer großen Kulturenquete gemacht. Es ist eine umfangreiche Strategie, die aufzeigt, wie viel Angebote es in Vorarlberg gibt, aber auch Themen nennt, in denen es ein stärkeres Bewusstsein oder mehr Steuerung braucht.

“Es ist traurig, dass durch die Krise auch viel zerstört wurde”

Winfried Nußbaummüller

Wie beschreiben Sie die Situation Mitte März, als die Corona-Krise begann?
Nußbaummüller: Wir waren genauso wie die Kunst- und Kulturszene im Ausnahmezustand – sei es durch Homeoffice, sei es durch neue Projekte, wo wir uns auch ein Stück weit neu erfinden mussten. Ein Problem war, dass wir der Realität immer einen Schritt nachgehinkt sind. Es gab eine Ankündigung, aber noch kein gültiges Gesetz, da tappten wir stets rund zwei Wochen hinterher. Das hat auf allen Ebenen Irritation und Ärger verursacht. Für mich waren diese Emotionen stark spürbar. Viele waren unzufrieden mit dem Krisenmanagement des Bundes, und das Land hat auf die Entscheidungen des Bundes reagiert. Das war insgesamt für den Kunst- und Kulturbereich extrem fordernd. Traurig ist, dass durch die Krise vieles auch zerstört wurde.

Sie haben vor allem versucht, den Schaden durch Arbeitsstipendien und die Aufrechterhaltung der Förderungen zu kompensieren, ist das richtig?
Nußbaummüller: Ja, wir haben mit den Arbeitsstipendien über 500.000 Euro ausgeschüttet, 250 Künstlerinnen und Künstler haben damit ein Stipendium erhalten. Das hat gut funktioniert, manchmal gibt es ja Töpfe, die gar nicht ausgeschüttet werden. Wir haben für Impulsprojekte 100.000 Euro ausgeschöpft, und bei „Kultur im Jetzt“ sind wir nun bei 180.000 von insgesamt 250.000 Euro. Da hat uns der zweite Lockdown einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir wollten damit ja die Gemeinden dazu animieren, Kulturveranstaltungen zu machen. Dabei gingen die Summen zu 100 Prozent an die Kunstschaffenden.

Zur Person

Winfried Nußbaummüller wurde 1969 in Steyr in Oberösterreich geboren. Er studierte Kunstgeschichte in Salzburg und Innsbruck. Rund 15 Jahre lang war der Kunsthistoriker im Kunsthaus Bregenz, vor allem in der Kunstvermittlung, tätig. Seit acht Jahren ist er Leiter der Kulturabteilung des Landes Vorarlberg, gelegen in der Villa Wacker in der Bregenzer Römerstraße. Nußbaummüller ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Egg.

Waren Sie besonders kulant gegenüber den Antragstellern?
Nußbaummüller: Das Wort kulant gefällt mir nicht, weil es so gönnerhaft klingt. Wir haben gesagt, wir wollen zuerst die Kunstschaffenden in ihren Arbeitsprozessen halten. Dann gibt es den Begriff der frustrierten Leistungen. Das sind Aufwendungen, die entstehen, obwohl es kein Ergebnis gibt – wie ein Konzert, das nicht stattfinden kann. In den Abrechnungen haben wir diese Abschlagszahlungen akzeptiert, damit in der Szene Gelder fließen. Wir haben gemerkt, dass wir auch mit Minimalbeiträgen zur Existenzsicherung beitragen. Das muss niederschwellig funktionieren.

In der Not wurden auch neue Formate erschaffen, um Kulturangebote zu verwirklichen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Nußbaummüller: Spannend ist zum Beispiel die Entwicklung ins Digitale. Das aktionstheater ensemble zum Beispiel hat ein starkes Streaming-Angebot gehabt. Da poppen neue interessante Formate auf. Dazu gehören auch das Poolbar-Festival mit den Konzertspaziergängen oder die Kulturpicknicks von Bodensee Vorarlberg Tourismus. Mit der Internet-Plattform „Kultur im Jetzt“ haben wir in Kooperation mit dem Tourismus versucht zu zeigen, wie man auch in Krisenzeiten Kultur sichtbar machen kann. Es gab super Projekte, und diese Dynamik ist schön, da ist zu sehen, wie unglaublich krisensicher Kunst und Kultur eigentlich sind. Sie erfinden sich immer wieder neu.

Nußbaummüller beim Gespräch in seinem Büro. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Nußbaummüller beim Gespräch in seinem Büro. Klaus Hartinger

Wie ist derzeit die finanzielle Situation, mit Blick auf das nächste Jahr?
Nußbaummüller: Insgesamt konnten wir für das nächste Jahr das Budget weitgehend halten. Das ist ein großer Erfolg, da hat es ja ganz andere Drohszenarien gegeben, von Kürzungen von minus 10 oder 20 Prozent. Die Kürzungen betreffen in erster Linie leider die eigenen Kuges-Einrichtungen sowie die eigenen Impulsprojekte, wie zum Beispiel die Museumsdokumentation. Es ist das erste Mal, dass ich als Abteilungsleiter ein Minus vor dem Budget habe – wenn auch ein kleines. Natürlich ist es schade, wenn krisenbedingt nicht viel weitergeht. Aber das ist auch eine Realität, die das ganze Landesbudget betrifft.

Aber es ist doch ein Minus, das schmerzt? Am Landestheater gibt es dringenden Investitionsbedarf, auch für den Umzug der Kuges-Museen ins neue Depot gibt es kein zusätzliches Geld.
Nußbaummüller: Wenn wir über die Kuges-Museen reden, tauchen sehr spannende Fragen auf. Das eine ist, in Etappen die Sammlungen ins Depot in Hard zu bekommen. Das steht für das vorarlberg museum auf der Agenda. Die erste Etappe wird im Frühjahr starten, aber das Ganze wird, maßgeschneidert auf die zukünftige Budgetsituation, ein paar Jahre mehr in Anspruch nehmen. Für das KUB stellt sich die Frage, wie man zukünftig mit den Modellen von Peter Zumthor umgehen wird. Aktuell versuchen wir auch hierzu schrittweise eine passende Form zu entwickeln.

Und das Landestheater?
Nußbaummüller: Insgesamt geht es beim Landestheater um die Frage an die Stadt Bregenz, wie man für die eigene Immobilie zukünftig auch Sorge tragen möchte. Da hat es bereits ein Gespräch mit dem neuen Bürgermeister Michael Ritsch gegeben. Das Ergebnis war ein Grundkonsens – wie sehr sich dieser dann in einer längerfristigen Kooperationsvereinbarung niederschreiben lässt, werden wir sehen.

Welchen Einfluss haben Sie auf das Budget?
Nußbaummüller: Im Regelfall wurde bisher ein Wunsch-Budget erstellt, welches dann von der Finanzabteilung auf das Mögliche zurechtgestutzt wurde. Heuer ist der Prozess ein bisschen anders abgelaufen, mit einer stärkeren politischen Rahmen-Ansage und mit einem intensivierten Abstimmungsprozess.

“Fair Pay wird ein großes Thema sein”

Winfried Nußbaummüller

Das Thema „Fair Pay“ steht im Regierungsprogramm. Wie wird das angegangen?
Nußbaummüller: Zuerst werden in Zusammenarbeit mit der FH Vorarlberg solide Daten erhoben. Da geht es um Kunstschaffende, die ausschließlich von ihrer Kunst leben. Es ist wichtig, die genauen Umstände zu kennen, damit wir nicht ständig eine Kreislaufdiskussion führen. Das Thema Prekariat erscheint immer wieder, und keiner kann dazu etwas Valides sagen. Dann wird es weitere Gespräche geben, mit den Kultursprechern aller Parteien und mit den Interessenvertretungen. Es sollen Modelle diskutiert werden, um hier wirklich Akzente zu setzen. Das wird ein großes Thema sein. Ich bin schon gespannt, was am Ende des Tages die konkrete Empfehlung sein wird.

Was gibt es 2021 noch für anstehende Projekte?
Nußbaummüller: Spannend ist das Barockbaumeister-Projekt. Da wird es im Kuratie-Haus in Au in Kürze eine Ausstellungsfläche geben, und es wird zu diesem Schwerpunkt in den nächsten Jahren in Bezau eine Erweiterung des Heimatmuseums geben. Parallel dazu nimmt sich die Regio Bregenzerwald der wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas an. Und auch das vorarlberg museum ist interessiert, hier als Kooperationspartner mitzuwirken. Was das Budget betrifft, kommen also Museumsprojekte, die wir jeweils mit rund 100.000 Euro unterstützen. Dazu kommt noch ein größeres Museumsprojekt im Kleinwalsertal. Dort stellt man sich die Frage, was ein zeitgemäßes Heimatmuseum eigentlich leisten kann.