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Eine prall gefüllte Spendensocke

09.01.2021 • 11:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Initiatorinnen der Spendensocken (v.l.): Michaela Müller, Gabriele Hampson, Christine Bösch-Vetter und Andrea Hollenstein.<span class="copyright">Tatendrang</span>
Die Initiatorinnen der Spendensocken (v.l.): Michaela Müller, Gabriele Hampson, Christine Bösch-Vetter und Andrea Hollenstein.Tatendrang

Initiative soll Zustände im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos ­verbessern.

Sie sind zu viert. Vier Frauen, die sich selbst als aktiv und anpackend beschreiben. Was dabei herauskommen kann, wenn sie gemeinsam aktiv anpacken, ist zurzeit zu sehen: Für die Flüchtlinge in dem Lager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos haben sie Geld gesammelt. Viel Geld. Ursprünglich sollten es ein paar Hundert Euro werden, so hatten sich Andrea Hollenstein, Gabriele Hampson, Christine Bösch-Vetter und Michaela Müller das vorgestellt. Herausgekommen ist am Ende aber die unglaubliche Summe von 57.737,07 Euro.

Die Socken mit Etikett sind bereit befüllt zu werden.<br><span class="copyright">Tatendrang</span>
Die Socken mit Etikett sind bereit befüllt zu werden.
Tatendrang

Viel Arbeit, noch mehr Tatendrang

Die Spendenaktion mit den Spendensocken fiel genau auf die Zeit bis Weihnachten. Eine Zeit, in der die Menschen bekanntermaßen besonders spendabel sind. Allerdings steckt dahinter auch eine große Menge Arbeit, Zeit, Geduld und nicht zu stoppender Tatendrang. „Tatendrang – Initiative für Menschlichkeit“ heißt denn auch ihre Bewegung, die eine Bewegung von möglichst vielen werden soll. Für Solidarität und Hilfsbereitschaft. Gegen Grauen und Zustände, die nur gut aushält, wer wegschaut. Oder wer hilft. Denn die Verantwortung bleibt.
„Wir fanden die Zustände in dem Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos schrecklich, die Bilder kaum auszuhalten. Aber am schlimmsten fanden wir, dass nichts passiert ist. Wir haben nicht gesehen, dass wir etwas unternehmen könnten, und das hat uns frustriert“, erzählt Andrea Hollenstein.

Ehrenamtliche Helferinnen vor Ort

Dann entdeckten sie durch Zufall in den sozialen Medien die zwei Österreicherinnen Helga Longin und Doro Blancke, die in dem Lager ehrenamtlich helfen. Alle vier empfanden: Das ist es; der Funke sprang über und entzündete die vier Vorarlbergerinnen. Sie würden Spenden sammeln und das Geld den beiden übergeben. „Wir haben Kontakt zu ihnen aufgenommen und sie waren auch gleich angetan. Wir alle zusammen hatten aber keine so riesigen Erwartungen“, beschreibt Gabriele Hampson die Anfänge des Projektes. Denn jede der vier Frauen hat noch weitere tägliche Verpflichtungen: Familie, Arbeit, Haushalt. Umso erstaunlicher, wie das Projekt sich entwickelt hat.

Freiwillige Helferinnen packen mit an. <span class="copyright">Tatendrang</span>
Freiwillige Helferinnen packen mit an. Tatendrang

„Wir wollten keine Sachspenden organisieren, der logistische Aufwand ist so groß – allein der Transport. Wir sahen mehr Potenzial in einer Spendenaktion“, sagt Hollenstein. Aber nur Geld auf einem Konto sollte es dann auch nicht sein. Recht rasch kamen sie also auf die Spendensocke. Eine Socke, deren zweite, dazugehörige Socke für immer in den Weiten der Waschmaschine verschwunden ist, und die nun einsam für immer auf ihre Gefährtin wartet. Für fast immer:
„Spendensocke. Ich bin einfach gestrickt. 1. Gib mir ein Zuhause, 2. Stopf mich täglich mit dem Kleingeld, das dir nicht abgeht, 3. Bring die gefüllte Spendensocke am 24.12.20 zum W*ORT in Lustenau oder überweise auf unser Spendenkonto.“ Socken, die mit Tatendrang-Etiketten und dieser Information versehen waren, haben die Initiatorinnen mit ihren Rädern in Lustenau und Höchst an Mitmachende verteilt, haben die erschütternden Bilder des Lagers auf Lesbos ihren Familien gezeigt, haben sich mit Freunden über das Projekt ausgetauscht und Spendensocken-Aufrufe auf Facebook und anderen sozialen Medien gepostet.

Überwältigende Rückmeldungen

Das Feedback war überwältigend, sagen die Macherinnen. Auch aus anderen Teilen Österreichs gingen Spenden ein. Viele Spender baten um Socken, die das Vierer-Team eigenhändig gewaschen, gebügelt und mit Tatendrang-Etiketten versehen hatte. Ein Künstler hatte für die Plakate eine Socke gezeichnet, ein Freund Stoffetiketten entworfen. Eine Lehrerin bat gleich um zehn Spendensocken – „die verteile ich dann in der Schule“. „Wenn wir uns für die großzügigen Spenden bedankt haben, haben die Menschen uns geantwortet: ,Vielen Dank umgekehrt für die Möglichkeit zu helfen. Was ihr macht, ist großartig!‘“, erzählt Hampson.

Für die Flüchtlinge auf Lesbos wurden über 57.000 Euro gesammelt.<br><span class="copyright">Tatendrang</span>
Für die Flüchtlinge auf Lesbos wurden über 57.000 Euro gesammelt.
Tatendrang

Der Tatendrang hört aber noch lange nicht auf. Zum einen laufen immer noch Spenden ein, die das Team auch nicht stoppen will. Im Augenblick wird die ganze Aktion dokumentiert und festgehalten. Parallel sondieren die beiden ehrenamtlichen Helferinnen vor Ort, wie am besten und nachhaltigsten geholfen werden kann. Vielleicht mit der Bezahlung eines Psychotherapeuten, der den Kindern gegen ihre Traumata helfen kann? Vielleicht mit einem Physiotherapeuten, der den Behinderten mit speziellen Massagen Momente der Entspannung schenkt? Die vier Frauen werden es kommunizieren. Außerdem gibt es weiteres Leid im In- und Ausland, das gelindert gehört. Die vier haben sich gerade erst warmgelaufen.

Erhöhung des politischen Drucks

Die Erhöhung des politischen Drucks, das ist das zweite erklärte Ziel von Gabriele Hampson, Michaela Müller, Andea Hollenstein und Christine Bösch-Vetter. „Wir möchten etwas gegen das Leid im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos tun. Es geht uns darum, die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Natürlich grassiert bei uns Corona, aber für die Flüchtlinge kommt Corona zu allem anderen noch hinzu“, sagt Hollenstein. Sie haben sich mit Briefen an den Kanzler, den Vizekanzler, den Innenminister und an Bischöfe gewandt. Ein Jugendpfarrer hat eine Videobotschaft für seinen Wirkungskreis aufgenommen. Von den anderen kamen Standardbriefe mit Allgemeinsätzen oder keine Antwort. Für die vier Frauen ist das kein Grund aufzugeben – im Gegenteil: „Jetzt, nachdem die Spendenaktion so gut gelaufen ist, haben wir noch mehr Tatendrang“, sagt Gabriele Hampson.

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Tatendrang

Dann ergänzt sie: „Wenn eine von uns mal entmutigt oder kaputt war, hat die nächste den Telefonhörer in die Hand genommen und gesagt: ,Komm, jetzt probieren wir noch die nächste Idee.‘“ Die nächste Idee ist, die Vernetzung unter den Ehrenamtlichen zu nutzen, die vor fünf Jahren bei der Flüchtlingskatastrophe geholfen haben. „Es ärgert mich fast, dass es immer ,Katastrophe‘ heißt. Dabei hat sich damals gezeigt, wie viele Menschen zusammenstehen. Auch jetzt wäre genug Platz bei uns, wir könnten problemlos Flüchtlinge hier ­aufnehmen“, ist Hollenstein überzeugt.

Initiative für Menschlichkeit

Christine Bösch-Vetter, Michaela Müller, Andrea Hollenstein und Gabriele Hampson kennen sich aus der haupt- und ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe von vor fünf Jahren. Sie sagen selbst über ihre Initiative „Tatendrang“: Tatendrang, das sind Menschen, die nicht mehr passiv zusehen, sondern aktiv Taten setzen möchten und werden. Weil sie Vorkommnisse, Zustände oder Versäumnisse – bei uns im Land oder weiter weg – dazu drängen.“


Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, wie einfach es ist, unangenehme Nachrichten, vor allem wenn sie nicht das Geschehen vor der eigenen Haustür betreffen, wegzuwischen. Menschen, die erlebt haben, dass auch große Vorhaben mit vielen kleinen Schritten erreicht werden können. Dass ein Netzwerk sehr schnell wachsen kann, stark und tragfähig wird, wenn man sich zusammentut.

Initiative Tatendrang

E-Mail: hallo@tatendrang.xyz

Web: www.tatendrang.xyz

Spendenkonto:

AT39 2060 2000 4409 2625