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„Wir müssen den Druck rausnehmen“

16.01.2021 • 18:41 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
In dem Pflegeheim in Hörbranz werden ein Bewohner und Pflegekräfte geimpft. <span class="copyright">Hartinger</span>
In dem Pflegeheim in Hörbranz werden ein Bewohner und Pflegekräfte geimpft. Hartinger

Pflegepersonal fühlt sich überfordert und allein gelassen.

Nach zögerlichem Beginn nimmt die Impfbereitschaft nach und nach zu. Das gilt nicht nur für die niedergelassene Ärzteschaft und die Spitalsmitarbeiter. Auch im Pflegebereich schwindet die anfängliche Skepsis und Vorsicht. Die Vorsicht hat und hatte laut Elke Kovatsch mehrere Gründe. Generell ist die Skepsis in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden, wie die Landesvorsitzende des Pflegeberufsverbandes betont. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege stehen massiv unter Druck. Und das seit März vergangenen Jahres. Ständig mussten neue Verordnungen umgesetzt werden. Und das täglich, um nicht zu sagen stündlich. Zudem gab es massive Mehrbelastungen durch die ganzen Covid-19-Sicherheitsmaßnahmen.“ Viele ihrer Kolleginnen fühlen sich überfordert und alleingelassen.

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Schwindende Skepsis

Laut Kovatsch steigt die Bereitschaft von Tag zu Tag. Dass ursprünglich nicht einmal 30 Prozent der Mitarbeiter in den Pflegeheimen sich impfen ließen, stimme mittlerweile nicht mehr. Kovatsch wehrt sich massiv gegen eine Vorverurteilung ihre Kolleginnen und Kollegen. „Die Informationen über den Impfstoff gibt es noch nicht so lange. Wir sind permanent dran, die Mitarbeiter zu motivieren, zu sensibilisieren und zu informieren. Denn es gab durchaus Verunsicherungen und Ängste, was den Impfstoff, seine Wirkung und Nebenwirkungen betrifft.“ Diese Arbeit zeige jetzt erste Früchte. „Wir vom Landesverband haben das mit Sorge zur Kenntnis genommen, dass da eine Vorverurteilung stattgefunden hat, die fast schon Richtung Hetzkampagne gegangen ist“, betont Ursula Fischer, stellvertretende Landesvorsitzende.

„Es gibt Kolleginnen, die mir erzählen, dass bei ihnen im Heim bereits über 70 Prozent der Mitarbeiter geimpft sind.“

Elke Kovatsch, Landesvorsitzende des Pflegeberufsverbands

Immun durch Infektion

„Zur Impfbereitschaft muss man auch sagen, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die Corona hatten. Und deshalb nicht vorrangig geimpft werden, um anderen nicht den Impfstoff wegzunehmen. Zudem ist die Pflege nach wie vor weiblich. Und da haben wir einige Kolleginnen, die schwanger sind. Und da raten die Experten derzeit noch von der Impfung ab.“ All diese Dinge müssen laut Kovatsch berücksichtig werden, wenn man von Impfbeteiligung in den Pflegeeinrichtungen spricht. Auch der Vergleich mit den Spitälern des Landes sei mit Vorsicht zu genießen. Denn: „Das hat natürlich auch massiv mit der Organisation zu tun. Wir haben über 2000 Mitarbeiter und über 49 Heime. Dann gibt es noch die unterschiedlichsten Trägerorganisationen. Das sollte man logis­tisch nicht unterschätzen.“

Spitäler: Skepsis ist gebröckelt

Der Impfstoff, der für die Landeskrankenhäuser zur Verfügung gestanden ist, war relativ rasch verbraucht. Der Großteil der Mitarbeiter steht der Impfung positiv gegenüber. „Insgesamt wurden in den Landeskrankenhäusern bis dato 2300 Mitarbeiter geimpft. Zudem gibt es eine Vormerkliste, die zeigt, dass die Nachfrage groß ist“, erklärt Thomas Steurer, Zentralbetriebsratsvorsitzender der Landeskrankenhäuser.

Ein genereller Impfschutz ist an den Spitälern gang und gäbe. Aber es gibt explizit keine Verpflichtung. „Hepatitis und diverse Kinderkrankheiten verweigert bei uns kein Mitarbeiter. Das Hauptproblem bei der Covid-19-Impfung sind schon die sozialen Medien und die Horrorgeschichten, die dort stehen.“ Impfgegner gebe es überall. „So frei nach dem Motto: Ich bin jetzt da mal dagegen, weil alle dafür sind. Aber es ist bezeichnend, dass bei Urlaubsreisen Gelbfieber, Malaria und alles Mögliche geimpft wird. Und das gleichzeitig. Da hat auf einmal niemand mehr Bedenken.“

Zudem gebe es auch politische Kräfte, die dagegen agieren und die Gefahr herunterspielen. „Das ist lächerlich und grob fahrlässig. Aber: Je mehr sich impfen lassen werden, desto größer wird die Akzeptanz.“

Krankenhaus

In den Spitälern sei es kein Problem, die Impfungen zu verabreichen. Da gibt es genug geschultes Personal. „Bei uns in den Heimen ist das ein Nadelöhr. Denn sowohl das Lagern als auch das Aufziehen und Verimpfen ist höchst fragil und arbeitsaufwendig. Die Impfung selbst ist dann kein Problem mehr.“ Zudem gibt es in Vorarlberg nur sechs Krankenhäuser, fünf davon Landeskrankenhäuser. Da ist die Organisation der Impfung ein vielfach Leichteres als in den vielen Heimen. „Denken sie nur an das Landeskrankenhaus Feldkirch. Dort gibt es an die 2000 Mitarbeiter. Und die können sie alle vor Ort im Spital impfen.“ Mittlerweile ist die Impfrate deutlich gestiegen. „Es gibt Kolleginnen, die mir erzählen, dass bei ihnen im Heim bereits über 70 Prozent der Mitarbeiter geimpft sind. Und diese Zahl steigt auch täglich. Das ist mir sehr wichtig zu betonen. In manchen Heimen ist die Rate nahezu bei 100 Prozent.
Auch Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker bestätig die steigende Zahl. „Nach aktuellem Stand liegt die Impfquote bei den Pflegenden bei rund 52 Prozent, jene der Bewohner bei 86 Prozent.“ In 23 der 49 Pflegeheimen ist die Erstimmunisierung abgeschlossen.
„Dass die Zahlen steigen, freut uns vom Berufsverband sehr. Denn wir sind absolute Befürworter der Impfungen. Ich und meine Kolleginnen haben auch am vergangenen Wochenende bei der Dornbirner Impfstraße mitgeholfen“, betont Kovatsch.