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Psychische Gesundheit verschlechtert sich

28.01.2021 • 16:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Psychische Gesundheit verschlechtert sich

Studie beweist die Verschlechterung der Psychische Gesundheit.

Seit Beginn der COVID19-Pandemie untersucht das Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit an der Donau-Universität Krems die psychische Gesundheit der Bevölkerung. Bereits im April, Juni und September zeigte sich ein Anstieg depressiver Symptome, Ängste oder Schlafprobleme. Eine neuerliche Studie, gefördert vom österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP), belegt rund um den Jahreswechsel eine erneute Verschlechterung.

Laut der aktuellen Studie, die am Mittwoch präsentiert wurde, leidet rund ein Viertel der Bevölkerung (26 Prozent) an depressiven Symptomen, 23 Prozent an Angstsymptomen und 18 Prozent an Schlafstörungen. Die Studie umfasst eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe von rund 1500 Personen. „Seit der letzten Erhebung im September kam es zu einer neuerlichen deutlichen Verschlechterung der psychischen Gesundheit. Diese Ergebnisse sind alarmierend“, so der Studienautor Christoph Pieh.

Junge Erwachsene besonders belastet

Besonders gravierend sind die Ergebnisse bei jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren, die schon in den vergangenen Untersuchungen stets am stärksten belastet waren. Hier kam es zu einem sprunghaften Anstieg von rund 30 Prozent auf 50 Prozent. Des Weiteren sind u.a. Frauen, Arbeitslose und Alleinstehende besonders betroffen. Das zeigt sich auch in einem deutlichen Rückgang der Lebensqualität, die im Vergleich zur Untersuchung von 2019 um rund ein Fünftel abgenommen hat. Ausgenommen ist hier die Gruppe über 65 Jahre, die wie bei den vorangegangenen Studien am besten durch die Krise kommt. Menschen, die in einer Beziehung leben, ein gutes soziales Umfeld haben und regelmäßig Sport betreiben, sind vergleichsweise weniger belastet.

Unterschiedliche Auslöser

Die Ursachen für den Anstieg psychischer Probleme sind zweifelsohne vielfältig und individuell sehr unterschiedlich. Neben Sorgen um die eigene Gesundheit können Zukunftsängste, finanzielle Sorgen, Jobverlust oder Einsamkeit eine Rolle spielen. „Als besonders belastend werden neben der Pandemie an sich die schwierige wirtschaftliche Lage sowie Folgen und die Maßnahmen zur Eindämmung erlebt. Hilfreich werden hingegen u.a. das familiäre oder soziale Umfeld, Stressbewältigung, Sport oder andere Hobbys erlebt“, erörtert Pieh.

Sehr schwere depressive Fälle verzehnfacht

„Die Entwicklung ist besorgniserregend. Ein Viertel der Bevölkerung leidet mittlerweile unter depressiven Symptomen, bei den jungen Erwachsenen gar die Hälfte, während es im Jahre 2019 weniger als fünf Prozent waren“, berichtet Pieh. Besonders deutlich ist die Veränderung bei den sehr schweren depressiven Fällen, die sich seit dem letzten Jahr verzehnfacht haben. „Die bisherigen Maßnahmen reichen offenbar nicht aus, um die psychische Belastung in den Griff zu bekommen. Hier benötigt es ein Umdenken auf vielen Ebenen“, so der ÖBVP-Präsident Dr. Peter Stippl.

“Die schaffen das schon” gilt nicht

Mit jedem Lockdown bzw. jeder Verlängerung davon würde die Situation immer schlechter, „es werden immer mehr psychisch Erkrankte“, diagnostiziert ergänzend der Steirer Günter Klug,
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeut. Für ihn sei „klar erkennbar, dass Depressionsfälle und Angstverhalten bedingt durch die Dauer des Lockdowns und durch schwankende Vorgaben der Politik“ auf dem Vormarsch sind. Man dürfe – besonders bei Jugendlichen – nicht länger mit dem Argument kommen, „die schaffen das schon“. „Denn gerade Kinder und Jugendliche sind besonders betroffen, weil sie sich in einer heiklen Phase ihrer Lebensentwicklung befinden“, so der Leiter der GFSG (Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit).

Eben genau diese Lebensrealität müsse die Bundesregierung bei der Setzung oder Verlängerung von Maßnahmen ab sofort mit einbeziehen, forderte Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser: „Die Bundesregierung setzt in der Corona-Krise zu sehr auf die Expertise von Mathematikern, Statistikern und Virologen. Dabei werde die Lebensrealität der Menschen oft außer Acht gelassen”, so der SPÖ-Politiker. Er plädiert dafür, dass man endlich auch „die Expertise von Soziologen, Psychologen, Psychotherapeuten und Pädagogen einfließen lässt”.

Studienautor Christoph Pieh beschließt das Gespräch mit der Kleinen Zeitung mit einem Plädoyer: „Es gibt Todes- und Infektionszahlen. Es gibt daneben aber auch die psychische Gesundheit, die es zu beachten gilt. Das muss bei künftigen Entscheidungen miteinbezogen werden. Denn die langfristigen psychosozialen Folgen beim Menschen werden wir nicht so schnell los werden wie die Viruszahlen.“