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„Welle der psychischen Störungen kommt“

31.01.2021 • 12:00 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Stefan Kerber leitet die die Beratungsstelle Dornbirn der Schulpsychologie. <span class="copyright">Hartinger</span>
Stefan Kerber leitet die die Beratungsstelle Dornbirn der Schulpsychologie. Hartinger

Schulpsychologe ­Stefan Kerber spricht über Schüler in ­Pandemie.

Wie geht es derzeit den Schülern?
Stefan Kerber:
Was wir wahrnehmen, ist, dass die Diversität größer geworden ist. Das heißt, manchen Schülern geht es gut, insbesondere denen aus Familien mit Zeit und Energie für ihre Kinder. Jenen, die weniger Ressourcen von daheim mitbekommen, geht es weniger gut.

Warum?
Kerber:
Sie kämpfen häufig mit den Problemen, mit denen auch ihre Eltern kämpfen: Familie und Lernen/Arbeit unter einem Dach, Arbeitslosigkeit und Strukturverlust, enge räumliche Verhältnisse, WLAN-Engpässe … Allgemein kann man aber sagen, dass wir Menschen Gewohnheitstiere sind. Wir wollen eine gewisse Vorhersagbarkeit, und die gibt es derzeit nicht. Es ist besonders auch für Kinder wichtig zu wissen, was als nächstes kommt. Die derzeitige Situation verunsichert uns. Das ist vor allem in den Familien, in denen viel ferngesehen und wenig darüber geredet wird, für die Kinder ein Problem. Das merken auch die Lehrpersonen, wenn die Kinder mit bestimmten Fragen zu ihnen kommen.

Zum Beispiel?
Kerber:
Wie geht es mit Mama und Papa weiter? Bleibt das so? Warum darf ich auch meine Cousins nicht sehen? Warum müssen wir Masken tragen? Ist die Impfung gefährlich? Das sind Themen, die in Familien immer wieder besprochen werden sollten. Dabei ist es wichtig, dass die Eltern auf die Gefühle und Gedanken ihrer Kinder eingehen. Oft sind auch die Eltern belastet durch die vielen Nachrichten. Gezieltes Nachrichtenkonsumieren könnte Kindern und Eltern helfen.

zur person

Stefan Kerber

Geboren 1981 in Egg. HTL Dornbirn, Pädagogische Akademie Feldkirch und Psychologiestudium an der Universität Innsbruck. 2005 bis 2015 Lehrer an verschiedenen Volksschulen. Seit 2015 Schulpsychologe, seit 2017 Leiter der Beratungsstelle für den Schulbezirk Dornbirn. Lebt in einer Partnerschaft, eine Tochter.

Welche Probleme treten konkret bei den Schülern auf?
Kerber:
Deutlich häufiger geworden sind emotionale Ausreißer, Ängste, Frustration, Wut und Angststörungen. Bei Schülern in der Mittelschule kommen im Distance Learning häufig noch Antriebslosigkeit und Resignation dazu. Zusammen mit der Pubertät eine geballte Ladung an Gefühlen und Emotionen. Alltagsstrukturen aufrechtzuerhalten ist hier sehr wichtig. Das gibt uns Struktur.

Gibt es da einen Unterschied zwischen Buben und Mädchen?
Kerber:
Es gibt ganz große intraindividuelle Unterschiede, das heißt, die anfangs erwähnte Diversität, wie Menschen mit dieser schwierigen Situation umgehen, wird stärker. Wie in der oft verwendeten Analogie vom Ameisenhaufen, in dem man herumgestochert hat.

Wie äußert sich das?
Kerber:
Das merkt man etwa an der Auseinandersetzung mit den aktuellen Themen: Steckt vielleicht jemand hinter dem Ganzen? Wie soll ich mit den Masken und dem Kontaktverbot umgehen? Was hat es mit der Impfung auf sich? Jeder Mensch versucht, aufgrund seiner Ressourcen und Erfahrungen, mit der Krise und ihren Problemen umzugehen. Vielleicht tendieren Mädchen eher in Richtung Rückzug. Jungs externalisieren eher, das heißt, Streit und Konflikte werden häufiger.

"Eine Krise ist ein erschütterndes Ereignis", erzählt Kerber. <span class="copyright">Hartinger</span>
"Eine Krise ist ein erschütterndes Ereignis", erzählt Kerber. Hartinger

Wie gut erreichen Sie die Schüler seit Beginn der Krise eigentlich?
Kerber:
Wir waren als Schulpsychologen teilweise in Fälle involviert, bei denen es sehr schwierige Familiensituationen gibt. Es ging dabei eher darum, auch das System der Schüler zu erreichen, damit meine ich auch die Familien. Es gibt Familien, die ganz schwer zu erreichen sind, die sich in der Corona-Krise stark in ihr enges Familiensystem zurückziehen und keinen Kontakt von außen wollen. Dadurch sind auch die Kinder nur schwer erreichbar.

Was machen Sie da?
Kerber:
Derzeit habe ich das Gefühl, dass es besser wird. Durch die politische Weichenstellung in Richtung Kontaktaufnahme konnten viele Familien erreicht werden. Hier haben Schulen und die schulnahen Unterstützungssysteme sehr viel geleistet. Da hat man auch aus dem ersten Lockdown gelernt. Man versucht nun, insbesondere die Kinder in die Schulen zu holen, die zu Hause wenig Unterstützung erhalten können. Das ist für die Kinder enorm wichtig.

Wie resilient bzw. widerstandsfähig sind Kinder und Jugendliche in Hinblick auf Krisen?
Kerber:
Schlüsselbegriffe dafür sind die Regulationsmechanismen der Gefühle und Selbstorganisation.

Social Media sind in der Krise für die Jugendlichen sehr wichtig, dennoch kritisch zu betrachten. <span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Social Media sind in der Krise für die Jugendlichen sehr wichtig, dennoch kritisch zu betrachten. Symbolbild/Shutterstock

Was ist das?
Kerber:
Diese Mechanismen werden in der Psychologie in letzter Zeit viel diskutiert. Dabei geht es darum, sich zu organisieren und seine Bedürfnisse und Emotionen regulieren zu können. Das, was auch uns Erwachsene leistungsfähig und resilienter macht. Lernen passiert dann, wenn keine große Über- oder Unterforderung stattfindet. Dazwischen liegt der grüne Bereich, in dem wir Menschen sehr gut lernen können, egal, ob das nun schulische oder emotionale Inhalte sind.

Haben wir ein verlorenes Schuljahr?
Kerber:
Was ist Lernen? Sicherlich geht es um das Erlernen der Inhalte des Lehrplans. Hier bestehen teilweise sehr große Defizite. Ich glaube aber, dass darüber hinaus sehr viel gelernt wurde: Jeder wurde auf seine eigene Weise mit dieser Pandemie konfrontiert und lernt, damit zurecht zu kommen. Das empfinde ich als große Leistung besonders von unseren Kindern.

Der Kontakt zwischen Jugendlichen hat sich auch schon vor der Pandemie viel im digitalen Raum abgespielt. Das ist jetzt noch mehr geworden. Wie wirkt sich das auf die Jugendlichen aus?
Kerber:
Wir wissen, dass die Empathiefähigkeit mit der steigenden Verwendung digitaler Medien sinkt. Video und Telefon sind momentan dennoch eine gute Alternative zum direkten Kontakt. Social Media sind aber sehr kritisch zu betrachten. Oft wird hier kein reales Bild gezeigt. Es ist weit weg von dem, wie es uns wirklich geht.

Das wurde doch schon vor Corona als Problem thematisiert?
Kerber:
Ja, nur haben viele unserer Kids irgendwann gemerkt, hey, ich möchte den oder die jetzt doch persönlich treffen. Diese Motivation wird immer mehr spürbar.

Für Schüler deren Eltern wenig Ressourcen für sie haben, geht es weniger gut, so der Schulpsychologe. <span class="copyright">Hartinger</span>
Für Schüler deren Eltern wenig Ressourcen für sie haben, geht es weniger gut, so der Schulpsychologe. Hartinger

Gibt es auch Schüler, die davon profitieren, dass sie nicht in die Schule müssen?
Kerber:
Prinzipiell ist es eine Herausforderung, sich im Distance Learning zu organisieren. Wir leben aber auch in einer Zeit, in der Lernen, Lehrplan und Schule neu definiert werden könnten. Früher haben wir eine Gesellschaft gehabt, in der man die Kulturtechniken gelernt hat und berufliche Entwicklungen vorhersagbar gewesen sind.

Und jetzt?
Kerber:
Wir wissen wenig darüber, welche Berufe in Zukunft wichtig sein werden, wie sich die Gesellschaft entwickeln wird. Wir müssen uns daher möglichst breit aufstellen. Da bietet das Distance Learning die Chance, dass sich Kinder selbstständig konstruktiv mit dem Wissen, das im Internet vorhanden ist, auseinandersetzen, angeleitet durch Lehrpersonen. Manche Schüler profitieren sehr davon. Kinder aus bildungsfernen Schichten verlieren aber enorm, weil sie damit überfordert sind.

Wie können sich die Erfahrungen des letzten Jahres langfristig auf die Schüler auswirken?
Kerber:
Eine Krise ist ein erschütterndes Ereignis. Das kann Menschen, die eine Krise überwunden haben, resilienter, also widerstandsfähiger machen. Wir spüren derzeit aber auch, dass die Welt nicht mehr vorhersagbar ist. Das kann zu einem Ohnmachtsgefühl führen, und das erschüttert die innere Sicherheit. Auch die Konflikte, die zum Teil in den Familien eskalieren, können Traumata verursachen. Es ist ganz wichtig, dass die Traumata bei den Kindern und Jugendlichen bearbeitet werden. Die psychotherapeutischen Praxen und Unterstützungssysteme sind derzeit jedoch voll. Die Wartelisten sind länger geworden.

Schule muss neu definiert werden. <span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Schule muss neu definiert werden. Symbolbild/Shutterstock

Was passiert, wenn Kinder und Jugendliche nicht behandelt werden können?
Kerber:
Traumata werden tiefer und schwerer, je länger sie anhalten. Auch die Bearbeitung wird schwieriger. Wir merken jetzt langsam, dass die Welle der psychischen Störungen ankommt. Das wurde schon im letzten Schuljahr vorhergesagt und trifft uns jetzt mit aller Härte. Aber es fehlen uns Plätze bei Psychologen, Psychotherapeuten und Jugendpsychiatern, aber auch bei Sozialarbeitern, Beratungslehrern und Sonderpädagogischen Beratern.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen nimmt also merklich zu?
Kerber:
Ja. Die Schulpsychologie wird normalerweise vermehrt von bildungsfernen Schichten in Anspruch genommen, weil ihnen die Unterstützung gut weiterhelfen kann. Jetzt spüren wir, dass sich auch verstärkt Familien melden, die nicht aus bildungsfernen Schichten kommen. Sie stoßen an ihre Grenzen, obwohl es nicht um Schulnoten geht und funktionierende Familiensysteme und Arbeitsverhältnisse bestehen. Unser Angebot auch zu beraten und zu begleiten wird vermehrt in Anspruch genommen.

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