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Weniger Pleiten in unsicheren Zeiten

31.01.2021 • 15:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Vorjahr gab es insgesamt 369 Privatinsolvenzen – 2019 waren es noch 499. <span class="copyright">Symbolbild/APA/BARBARA GINDL</span>
Im Vorjahr gab es insgesamt 369 Privatinsolvenzen – 2019 waren es noch 499. Symbolbild/APA/BARBARA GINDL

Anzahl der Insolvenzen ist im Vorjahr stark gesunken.

Im Mai vorigen Jahres ist Regina Nesensohn, die Leiterin des Standortes Feldkirch des Kreditschutzverbandes von 1870 (KSV1870), noch davon ausgegangen, dass bis zum Herbst die Anzahl der Firmeninsolvenzen steigen werde. Das hat sich nicht bewahrheitet. Im Vergleich zu 2019 ist die Zahl der Unternehmenskonkurse im gesamten Vorjahr laut KSV um 61 Fälle auf 72 gesunken – im Jahr 2019 waren es noch 133 Fälle.
Grund dafür sei vor allem, dass sich die Bundesregierung entschlossen habe, die Stundungen der Zahlungen von Sozialversicherungsbeiträgen und ans Finanzamt für Betriebe zu verlängern, glaubt Nesensohn: „Im Moment schaut es aber so aus, dass die Stundungen mit Ende März auslaufen.“

Gastronomie und Tourismus

„Derzeit merken wir, dass sich jetzt im dritten Lockdown Gastronomie- und Tourismusbetriebe doch zu einem Sanierungsverfahren entschließen“, schildert Nesensohn die aktuelle Situation. Den Unternehmen gehe das Geld aus. Während für die ersten beiden Lockdowns teilweise noch eine finanzielle Grundlage da gewesen sei, werde die immer geringer, und für einige werde es eng.
Gleichzeitig müsse man damit rechnen, dass ab Ende März von Gläubigerseite, konkret von öffentlichen Einrichtungen, Kon­kurs­anträge eingebracht werden, sagt sie. Dann werde es auch zu einem Anstieg der Insolvenzen kommen. Wirklich abzeichnen werde sich der aber erst ab Juni, Juli, meint sie, weil die Anträge bei Gericht erst abgearbeitet werden müssten.

Regina Nesensohn vom KSV1870 in Feldkirch. <span class="copyright">studioWaelder</span>
Regina Nesensohn vom KSV1870 in Feldkirch. studioWaelder

Wann ein wirklicher Nachholeffekt eintreffe, sei derzeit aber schwierig zu sagen, meint die Vorarlberger Leiterin des Gläubigerschutz­verbandes. Nach dem vermutlichen Auslaufen der Stundungen Ende März gebe es nämlich noch die Möglichkeit, eine Ratenzahlung zu vereinbaren. Damit würden sich Betriebe dann noch einige Zeit über Wasser halten können.
Nesensohn geht davon aus, dass bis zum Ende des heurigen Jahres die Unternehmenskonkurse wieder auf „Normalhöhe“ seien. Erst 2022 dürfte dann ein Nachholeffekt in Form höherer Zahlen sichtbar werden, so ihre Prognose.

Privatkonkurse

Noch später, wenn überhaupt, dürfte dieser Nachholeffekt hingegen bei den Privatkonkursen eintreffen, glaubt Nesensohn. Deren Zahl ist im Vorjahr laut KSV1870 auf 369 von 499 Fällen im Jahr 2019 gesunken. Warum diese Zahl angesichts der großen wirtschaftlichen Krise relativ niedrig war, erklärt sich Nesensohn einerseits mit der Möglichkeit zur Kurzarbeit.
Auf der anderen Seite würden die Menschen aufgrund der Einschränkungen im Handel und bei Veranstaltungen mehr sparen. „Es gibt wenig Möglichkeiten, das Geld unbedacht auszugeben“, stellt sie fest. Und es sei ein bekanntes Phänomen, dass in Zeiten, in denen es der Wirtschaft nicht so gut geht, die Konsumenten im Umgang mit ihrem Geld vorsichtiger sind.

hintergrund: Verkürzung der Entschuldungsdauer

Derzeit wird wieder über eine Reform der Privatinsolvenz diskutiert. Die bis dato letzte diesbezügliche Änderung hatte es 2017 nach jahrelangen Diskussionen und Auseinandersetzungen gegeben. Damals war eine Novelle beschlossen worden, die die Entschuldungsdauer von sieben auf fünf Jahre verkürzte. Zudem wurde die bis dahin geltende Mindestquote von zehn Prozent, die zurückgezahlt werden mussten, gänzlich aufgehoben. Schuldenberatungen und Sozialorganisationen zeigten sich zufrieden, Gläubigervertreter übten Kritik. Zahlenmäßig kam es nach dem Inkrafttreten der Novelle zu einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen, da zuvor abgewartet worden war.

Aktuell ist die Verkürzung der Entschuldungsdauer von fünf auf drei Jahren in Diskussion. Eine Drei-Jahres-Frist gibt es in Deutschland. Während etwa die Armutskonferenz betont, dass von einer Verkürzung „nicht nur die betroffenen Menschen, sondern auch Gläubiger, Arbeitgeber und der Staat“ profitieren würden, sehen das die Kreditschutzverbände anders. So befürchtet der KSV1870 dadurch „etwa den Verlust des verantwortungsvollen Handelns von privaten Konsumenten“.

Der Verband plädiert dafür, „die aktuelle Rückzahlungsdauer von fünf Jahren im Privatinsolvenzverfahren beizubehalten“. Und weiter heißt es: „Lieber sollten zunächst einmal erste aussagekräftige Erkenntnisse der 2017 erfolgten Adaptierung abgewartet werden, um weitere Schritte zu setzen.“

Die Gläubigervertreterin geht daher davon aus, dass es erst 2023 wieder einen stärkeren Anstieg bei Privatkonkursen geben könnte  – wobei es da noch einen weiteren Unsicherheitsfaktor gebe. Aktuell wird diskutiert, die Laufzeit von fünf auf drei Jahre zu verkürzen (siehe Hintergrund unten).
„Wir sind derzeit in Gesprächen, aber es ist schwer einzuschätzen, in welche Richtung es geht“, erzählt Nesensohn. Sollte es in Richtung Verkürzung gehen, werde diese sicher von vielen abgewartet.
Aktuell werden in Vorarlberg pro Monat 20 bis 30 Privatkonkurse eröffnet, berichtet sie, im Sommer seien es urlaubsbedingt immer weniger. „Aber ich glaube nicht, das es da jetzt zu einem Riesenanstieg kommt“ – zumal die Anzahl der Privatpleiten erfahrungsgemäß eher in Zeiten steigt, „in denen es uns besser geht“.

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