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Kein Zusammenhalt ohne Beziehungen

03.02.2021 • 19:44 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Die Abgeordneten blieben auf Distanz.Vorarlberger Landtag/Serra

Landtag thematisierte Situation der Kinder und Jugendlichen.

Die geplante Rückkehr zum Präsenzunterricht in den Schulen ab kommender Woche beziehungsweise nach den Semesterferien ist positiv zu bewerten. Dieser Ansicht waren in der Landtagssitzung am Mittwoch die Vertreter aller Fraktionen. Der Kontakt zu Gleichaltrigen und der Austausch miteinander seien für die Schüler wichtig. In Detailfragen gingen die Meinungen der Abgeordneten allerdings durchaus deutlich auseinander.

Kinder und Jugendliche ohne Lobby

Die Grünen hatten die Auswirkungen der Pandemie auf die Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt der „Aktuellen Stunde“ gestellt. Zu Beginn der Debatte zitierte Grünen-Bildungssprecherin Eva Hammerer mehrere Aussagen von Jugendlichen, die von ihren Ängsten und auch den psychischen Belastungen berichteten. Zugleich gab sie zu bedenken, dass der Nachwuchs keine Lobby habe – wie etwa die Wirtschaftstreibenden oder auch die Arbeitnehmer. Jüngst hätten lediglich Kinderärzte, Psychologen und andere Experten ob der schwierigen Situation der jungen Menschen Alarm geschlagen. Umso wichtiger sei es, die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Probleme vor den Vorhang zu holen.
Die Einschränkung der sozialen Kontakte helfe zwar bei der Eindämmung des Coronavirus, allerdings schade es auch den Heranwachsenden. Bei vielen mache sich ein Gefühl der Isolation oder Trostlosigkeit breit. Dabei bräuchten sie ein positives Umfeld, um den derzeitgen Herausforderungen mit Mut und Zuversicht begegnen zu können. Durch den Mangel an sozialen Kontakten – oder Beziehungen wie es Hammerer nannte – gehe auch der Zusammenhalt verloren. Nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern in der Gesellschaft. Es gelte daher gegenzusteuern und Gemeinschaften wie etwa Kindergärten und Schulen, aber auch Vereine zu stärken.

Maßnahmenpaket wird im März diskutiert

Hammerer möchte daher ein Förderpaket schnüren. Dieses soll den Ausbau der Schulpsychologie und -Sozialarbeit sowie der ganztägigen Schulformen beinhalten. Einen entsprechenden Antrag hat sie bereits mit ÖVP-Bildungssprecherin Veronika Marte eingebracht. Dieser wurde in der gestrigen Sitzung dem Ausschuss zugewiesen und wird im März im Landtag diskutiert.

Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht äußerte Kritik an den Lockerungsschritten. <span class="copyright">Vorarlberger Landtag/Serra</span>
Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht äußerte Kritik an den Lockerungsschritten. Vorarlberger Landtag/Serra

Auch Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht wies auf die prekäre Lage der Heranwachsenden hin. Es gehe darum, auch die leisen Stimmen zu hören, auch wenn sie keine große Lobby hätten. Die Schulen seien zu lange geschlossen gewesen. Es sei an der Zeit, dass die Schülerinnen und Schüler wieder in die Bildungseinrichtungen zurückkehren dürfen.

Schichtbetrieb als Herausforderung

Doch die Klubobfrau äußerte in ihrer Rede auch Kritik. Man sei bei der Öffnung zu wenig weitsichtig gewesen. Mit entsprechenden Tests und der Nutzung größerer Räumlichkeiten wäre es möglich gewesen, nicht nur den Volksschul-Kindern den Vollzeit-Präsenzunterricht zu ermöglichen, sondern auch den älteren Schulern, zeigte sich Scheffknecht überzeugt. Ebenso sei der Schichtbetrieb für die Lehrer eine große Herausforderung. Ohne sich klonen zu lassen, sei das höhere Arbeitsaufkommen nur schwer zu bewältigen. Schließlich müssten die Pädagogen gleichzeitig die Kinder und Jugendlichen vor Ort und auch jene im Distance Learning betreuen.
Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) mache es sich zu leicht, wenn er die Organisation des Schichtbetriebs im Rahmen der Schulautonomie den Bildungseinrichtungen überlasse. Es könne nicht Sinn und Zweck der Übung sein, „überall dort Schulautonomie vorzuschieben, wo die Regierenden keine Antwort haben“, betonte die Klub­obfrau.

Gegen „Zwangstestungen“

Kritisch äußerte sich auch FPÖ-Klubobmann Christof Bitschi. Der Lockdown müsse endlich ein Ende haben, zumal es aktuell im Gesundheitssystem keine Überlastung gebe. Daher brauche es Lockerungsschritte. Jedes Kind habe das Recht auf Bildung und geordneten Unterricht. Die „Zwangstestungen“ lehnte Bitschi ab. Es müsse alles unternommen werden, damit es keine „Generation der Corona-Verlierer“ gebe. Dieses Ziel hätten wohl alle Fraktionen.

Landtags-Splitter

Lange Wege. Ob seiner Kleinheit wird Vorarlberg gerne als „Land der kurzen Wege“ bezeichnet. Bei der gestrigen Landtagssitzung war das allerdings nicht unbedingt der Fall. Um einen Zwei-Meter-Abstand zwischen den Abgeordneten-Plätzen einhalten zu können, mussten manche Mandatare auf der Besuchertribüne und der Medien-Bank Platz nehmen. Bei Wortmeldungen mussten die Betroffenen den Plenarsaal erst verlassen und dann wieder durch einen anderen Eingang betreten, um ans Rednerpult zu gelangen. Besonders viele Meter spulte Hubert Kinz von der FPÖ ab.

Abgeschlossen. Sehr zur Freude von Neos-Klubobfrau Sabine Scheffknecht wurde das Campingplatzgesetz modernisiert: „Ich bin nicht sicher, wer heute mehr darüber froh, ist, dass wir in diesem Kapitel einen Schritt weiterkommen. Ich, weil wir jetzt auf 45 Quadratmeter kommen, oder du, lieber Landesrat Christian Gantner, weil ich dich mit diesem Thema nun nicht mehr nerven kann.“ Der Angesprochene meinte später: „Liebe Kollegin Sabine, ich bin mir sicher, dass wir ein weiteres Thema haben werden, wo wir sehr intensiv im Austausch bleiben.“

Widerspruch. Ein etwas zweifelhaftes Kompliment hatte Hubert Kinz (FPÖ) für Susanne Andexlinger (ÖVP) parat: „Meine Vorrednerin ist immer gut darin, Dinge auszusprechen, die zu Widerspruch anregen.“

ÖVP-Klubobmann Roland Frühstück setzte sich gegen die Kritik zur Wehr. „Sie erinnern mich wirklich langsam an einen Verschwörungstheoretiker“, polterte er in Richtung Bitschi. Überhaupt sei es einfacher, im Nachhinein Kritik zu üben, als das Boot tagtäglich zu steuern. Die Öffnung der Schulen sei richtig. Allerdings müsse auch immer die Gesamtentwicklung im Auge behalten werden. Daher gehe man auch vorsichtig vor.

Weitere Öffnung nach Ostern möglich

Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) zeigte sich erfreut über die Rückkehr zum Präsenzunterricht. Sie verteidigte auch das Vertrauen des Bildungsministers in die Schulautonomie. Denn die Verantwortlichen an den Standorten hätten in den vergangenen Wochen in Sachen Betreuung schulautonom „Hervorragendes geleistet“. Schöbi-Fink hofft auch darauf, dass nach Ostern weitere Öffnungsschritte gesetzt werden können. Die Tests für die Schüler verteidigte sie. Wenn Eltern nicht wollten, dass ihr Kind sich selbst teste, dann müsse es zur Sicherheit aller anderen Betei­ligten eben zu Hause bleiben.
Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) fügte noch hinzu, dass in der kommenden Woche Gespräche mit den Vertreten der privaten und öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe geführt werden. Dabei soll erörtert werden, welche Unterstützungsangebote und welche Bedürfnisse es gibt.

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