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Diskrepanz – mehr Freiheit für Geimpfte?

07.02.2021 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

APA/GEORG HOCHMUTH

Ist das Impfen die Eintrittskarte zur neuen/alten gro­ßen Freiheit? Darüber entspannt sich derzeit eine intensive Diskussion. <span class="copyright">Symbolbild/Apa/Georg hochmuth</span>
Ist das Impfen die Eintrittskarte zur neuen/alten gro­ßen Freiheit? Darüber entspannt sich derzeit eine intensive Diskussion. Symbolbild/Apa/Georg hochmuth

Das Corona-„Freiimpfen“ wird heftig diskutiert.

IV – Lockerung bei Reisen

Ich bin der Meinung, dass es hilfreich wäre, wenn geimpften Menschen Erleichterungen zustehen würden. Ich denke da vor allem an das Reisen“, führt Martin Ohneberg, Präsident der Industriellenvereinigung, aus. Zudem müssen derzeit ja auch Geimpfte Masken tragen, da es nicht gesichert ist, ob eine symptomlose Übertragung möglich ist. „Die Reisebeschränkungen müssen auf jeden Fall für Geimpfte erleichtert werden.“ Das gelte laut Ohneberg vor allem für sogenannte Schlüsselarbeitskräfte und Langstreckenflüge.

Ärztekammer – Druck wird groß

Da man noch nicht weiß, ob Geimpfte das Virus weitergeben oder nicht, ist diese Diskussion derzeit relativ einfach zu führen. Damit steht und fällt alles“, erklärt Robert Spiegel, Impfkoordinator der Ärztekammer. Zum derzeitigen Moment habe man definitiv zu wenig detaillierte Informationen darüber. Wesentlich muss sein, dass so viele wie möglich sich impfen lassen. „Wenn wir eine 60- bis 70-Prozentige Durchimpfrate erreichen, dann sind wir alle frei. Dann müssen wir nicht über Freiheiten von einzelnen Gruppen reden.“ Wenn, so wie es derzeit aussieht, sich nur die Hälfte impfen lasse, dann wird das zu wenig sein. Zudem: „Sobald genug Impfungen da sind, wird auch die Nachfrage sinken. Denn jetzt gibt es eindeutig so etwas wie Impfneid.“ Und wenn es eben nicht über die 60 Prozent hinausgeht, dann könnte es laut Spiegel sehr wohl so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft geben. Denn wenn sich herausstellen sollte, dass Geimpfte keine Überträger sind, dann wird man dem gesellschaftlichen Druck der geimpften Menschen nicht standhalten. „Denn die werden das ganz sicher massiv einfordern, dass ihnen wieder mehr Freiheiten zustehen.“

Die Corona-Impfung ist ein heiß diskutiertes Thema. Was ist die richtige Strategie? Rein-Testen oder Rein-Impfen? <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Corona-Impfung ist ein heiß diskutiertes Thema. Was ist die richtige Strategie? Rein-Testen oder Rein-Impfen? Hartinger

ÖGB – Reintesten statt Reinimpfen

Das ist eine sehr schwierige Frage. Wo hört die persönliche Freiheit auf? Und wo beginnt die Verpflichtung der Allgemeinheit gegenüber, sprich der Gesellschaft“, so Reinhard Stemmer, Vorarl­berger ÖGB-Vorsitzender. Da scheiden sich die Geister. „Ich weiß nicht, in welche Richtung das gehen kann oder soll. Generell glaubt der ÖGB-Vorsitzende, dass das „Reintesten“ in den kommenden Monaten die größere Bedeutung haben werde. Somit komme man nicht in die Verlegenheit, Sanktionen für Nicht-Geimpfte auszusprechen. „Zudem ist das derzeit eine sehr theoretische Frage. Denn solange wir so wenig Impfstoff haben, ist diese Diskussion rein hypothetisch.“
Stemmer selbst ist doppelt vorsichtig, da er Corona-positiv war. „Und selbst hier scheiden sich die Geister, wie lange man dann immun ist. Die eine sagen sechs Monate, andere wieder drei Monate.“ Man wisse einfach noch viel zu wenig über dieses Virus und es fehlen die Erfahrungswerte. Somit ist es laut Stemmer auch schwierig, hier eine Lockerung der Maßnahmen für Geimpfte in den Raum zu stellen. Generell ist Stemmer gegen jegliche Modelle, die Druck erzeugen. „Ich glaube es funktioniert besser, wenn man die Menchen motiviert und viel testet.“

WKV-Tourismus – „Wir sind keine Insel. Der Trend geht zum Impfen“

Ich kann da nur für die Reisebranche sprechen. Und da wird es, so, wie es derzeit aussieht, nicht mehr ohne Impfen gehen. Zumal wir ja doch von über 90 Prozent internationalen Gästen leben. Und da müssen wir uns danach ausrichten“, betont Markus Kegele, WKV-Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft. International laute die Devise ganz klar: Impfen und dann erst Reisen. „Ich glaube, dass in Zukunft niemand mehr in ein Flugzeug sitzen kann, ohne dass er geimpft ist. Das gilt ganz besonders für Langstreckenflüge. Aber nicht nur.“ Generell sei man keine Insel. Deshalb müsse man überden Tellerrand hinausschauen.
Ob und wie es für geimpfte Österreicher Erleichterungen geben kann und wird, sei dann vor allem eine politische Frage, die Kegel nicht beantworten will. Aber: „Wenn wir wieder aufsperren und Gäste kommen, dann ist mir wohler, wenn sowohl die Gäste als auch meine Mitarbeiter geimpft sind.“ Kegele glaubt nicht, dass es funktionieren kann, wenn Deutschland, Spanien oder Frankreich bei Tourismus und Reisen eine Impfpflicht verlangen und Österreich nicht. „Ich hoffe da ganz klar auf eine gesamteuropäische Lösung.“

Ein "Piecks" der hohe Wellen schlägt. <span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Ein "Piecks" der hohe Wellen schlägt. Symbolbild/Shutterstock

AK – Impfpflicht für manche Berufe

Arbeiterkammer Direktor Rainer Keckeis ist grundsätzlich für das Impfen. „Ich verstehe nicht, warum der Gesetzgeber für bestimmte Berufsgruppen keine Impfpflicht einführt. Wenn man überzeugt ist, dass die Pandemie nur durch die Impfungen besiegt werden kann, dann muss man auch ganz klar solche Maßnahmen durchziehen.“ Bei Bevorzugung von Geimpften oder eben Benachteiligung Nicht-Geimpfter müsse man vorsichtig sein, da das dem Gleichheitsgrundsatz widersprechen könnte, ergänzt Keckeis. „Das ist eine schwierige Geschichte. Und da muss man vorsichtig agieren. Im Idealfall lassen sich genug Menschen freiwillig impfen. Dann müssten wir uns solche Fragen gar nicht stellen.“ Ethisch sei dies eine Gratwanderung. Es könnte durchaus motivierend wirken für manch Impfunwilligen, wenn wer wisse, dass er dadurch gewisse Freiheiten erlange. „Es muss hier einfach auch gesetzlich klare Regelungen geben. Derzeit ist das ein Weiterwursteln, von einer zur nächsten Verordnung, die dann schlussendlich vor dem Verfassungsgericht nicht halten.“ Keckeis hat kein Problem damit, wenn da ein gewisser, positiver Druck aufgebaut werde. Solange es dazu dient, die Menschen zum Impfen zu motivieren. „Eine gewisse Bevorzugung kann da durchaus helfen.“

Industrie – Impfen im Betrieb

Markus Comploj, WKV-Obmann der Sparte Industrie, steht diversen Lockerungen für Geimpfte positiv gegenüber. „Die Gesundheit der vulnerablen Gruppen hat natürlich oberste Priorität. Aber für uns ist es dann auch wichtig, dass Schlüsselarbeitskräfte wieder reisen können. Denn nicht alles kann online gemacht werden.“ Comploj legt aber darauf Wert, dass sich die Industrie auf keinen Fall vordrängen will. „Wir würden das Impfen gern unterstützen. Ich denke da an eigene Impfstraßen in den Betrieben.“

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