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Ist Präsenzunterricht mit Schichtbetrieb sinnvoll?

13.02.2021 • 19:39 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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Hartinger

Pro und Kontra – Eine aktuelle Frage aus zwei Blickwinkeln beantwortet.

Am Montag beginnt in den Schulen wieder der Präsenzunterricht. Fast überall im Schichtbetrieb. Die Meinungen über die Sinnhaftigkeit und die tatsächliche Umsetzung der neuen Maßnahme gehen auseinander.

PRO: Veronika Marte, ­Abgeordnete zum Landtag, Bregenzer Stadträtin und Lehrerin.

Die Rückkehr in die Schulen mit Schichtbetrieb ist aus mehreren Gründen zu begrüßen. Eltern sind keine Lehrer, und Präsenz hilft bei der Vermittlung der Inhalte.

Dass ab Montag wieder Präsenzunterricht – zumindest im Schichtbetrieb – stattfinden kann, halte ich für einen absolut richtigen Schritt. Die Beschränkung auf Homeschooling ist für Kinder, Jugendliche sowie Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen auf Dauer nicht nur eine große soziale und psychische Belas­tung, sondern führt auch dazu, dass die Lehrinhalte nicht mehr adäquat vermittelt werden können. Gerade für schwächere Schülerinnen und Schüler ist es daher ungemein wichtig, zumindest an manchen Tagen wieder regelmäßig im Präsenzunterricht sein zu können.

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Ein wichtiges Thema, das für die Rückkehr in die Schule spricht, ist die Sozialkompetenz. Alles, was das soziale Lernen ausmacht, fällt beim Home­schooling weg. Der Austausch mit Gleichaltrigen ist gerade in der Jugend sehr wichtig für die Entwicklung von Soft Skills. Außerdem hat es Auswirkung auf die Leistungsbereitschaft. Gerade im Homeschooling fehlt oft schlichtweg die Motivation, sich mit Lehrinhalten zu beschäftigen. Dazu kommt, dass die Kontrollmöglichkeiten für das Lehrpersonal durch das Distance Learning naturgemäß deutlich erschwert werden. Gesellschaftliche Entwicklung ist ein weiterer Faktor. Wenn ein Kind nur in seinem familiären Umfeld aufwächst und so kaum Berührungspunkte mit anderen hat, kann ihm die Integration in unsere pluralistische und vielschichtige Gesellschaft im späteren Leben schwerfallen.
Außerdem sind Eltern keine Lehrer. Lehrer absolvieren ein hochqualifiziertes Studium – inklusive (zugegeben: zu wenig) pädagogischer und psychologischer Ausbildung. Für Eltern wird das gemeinsame Lernen mit ihren Kindern oft zu einer großen Herausforderung und in weiterer Folge auch zur Belastung.
Nicht alle Inhalte können digital so gut vermittelt werden wie im Präsenzunterricht. Lehrkräfte können in der Schule deutlich individueller auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen, und im Homeschooling beschränkt sich die Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten zu einem großen Anteil auf den Computerbildschirm. Gerade für die Merk- und Lernfähigkeit ist aber die physische Interaktion im nicht-virtuellen Raum – Hören, Sehen, Fühlen – ungemein wichtig. Oftmals fehlt es auch an der nötigen Technik. Viele Schulen oder Haushalte sind leider nicht ausreichend mit den technischen Voraussetzungen ausgestattet. Auch Drucker und entsprechender Papiervorrat sind nicht in allen Haushalten vorhanden, und für viele Eltern ist die Doppelrolle mit Homeschooling und Homeoffice eine große Belastung. Das wirkt sich gerade während eines Lockdowns negativ auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche aus. Zu guter Letzt spielen Schulen als Ansteckungsorte nach wie vor kaum eine Rolle.

KONTRA: Willi Witzemann, Personalvertreter der Pflichtschul-lehrer

Die Schülerinnen und Schüler werden regelmäßig ge­testet – wozu also der Schichtbetrieb? Die Frage nach dem Personal zur Umsetzung hat sich niemand gestellt.

Die Pflichtschulen gleichen in diesen Zeiten einem Hochsicherheitstrakt. Ohne strenge Eintrittskontrollen (Tests) gibt es keinen Zutritt. Wozu dann auch noch ein Schichtbetrieb? Wie sollen sich hier Kinder, Lehrer und Lehrerinnen noch wohlfühlen können, wenn ihnen auf Schritt und Tritt Angst entgegenschlägt?
Eines vorweg: Ich freue mich sehr, dass am Montag nach langer „Durststrecke“ die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen wieder am Unterricht in Präsenz teilnehmen können. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die ganzen Sicherheitsmaßnahmen nicht derart rigoros in die Schulen verlagert würden. Was ist nur aus dieser Einrichtung geworden? Können Kinder und Jugendliche noch mit Freude ein Schulhaus betreten, wenn sie zum Schulstart getestet und maskiert sein müssen?
Die Angst bleibt nun wohl ein ständiger Wegbegleiter, denn was geschieht mit einem Schüler, sollte ein positiver Test abgeliefert werden? Er muss dann noch vor Schulbeginn separiert und wieder an die Eltern übergeben werden. Diese sind angehalten, ihre Handys bereitzuhalten, sollte ihr Kind gleich wieder von der Schule abgeholt werden müssen. Kann dies noch ein Ort der Freude und des Miteinanders sein?

<span class="copyright">Mathis Fotografie</span>
Mathis Fotografie

Und dann erlässt Bundesminister Heinz Faßmann auch noch die Verordnung mit dem Schichtbetrieb für die älteren Schülerinnen und Schüler. Diese Art der Ausdünnung hat in den letzten Wochen schon zu vollen Räumen geführt. Bis zu 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler waren an den Schulen, jedoch durfte nur die Hälfte davon unterrichtet werden. Auch diesmal sollen die zu Betreuenden lediglich beaufsichtigt werden, nur mit welchem Personal? Hat sich hier jemand einmal den Kopf darüber zerbrochen?
Die Lehrpersonen sind im Unterricht und sollen gleichzeitig andere Kinder betreuen? Wie soll das gehen? Wer hat solche räumlichen Kapazitäten? Viele Direktorinnen und Direktoren haben sich in den „vermeintlichen“ Semesterferien bereits Gedanken gemacht, wie das alles zu bewerkstelligen ist. Da verhallen die Appelle des Unterrichtsministers, dass nur Betreuung in Anspruch nehmen soll, wer dies unbedingt braucht. Derselbige meinte nämlich noch im Interview, man soll hier nicht päpstlicher als der Papst sein. Was nun?
Ich bin mir bei all diesen Widrigkeiten jedoch sicher, dass alle Lehrerinnen und Lehrer wieder ihr Bestes geben werden, damit Schule gelingt und damit die Kinder auch in dieser herausfordernden Situation Freude und Spaß in der Schule haben können. Auch wenn manchen die Decke auf den Kopf zu fallen scheint, wird niemand mit einem Helm durch die Gänge laufen. Sie sind für mich die wahren Heldinnen und Helden.