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Rätsel um Bascoulards Fotografien

17.02.2021 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Schau im KUB Basement. <span class="copyright">Tretterfotografie</span>
Die Schau im KUB Basement. Tretterfotografie

Bascoulards Selbstporträts sind bedrückend und unergründlich.

Während in den Obergeschossen des Kunsthaus Bregenz bunte, lebendige und humorvolle Installationen den Besucher zu einem sehr sinnlichen Erlebnis einladen, herrscht im Untergeschoss eine beinahe unheimliche Ruhe. An schlichten weißen mobilen Wänden hängen kleine Fotografien, sie alle zeigen Marcel Bascoulard – in Frauenkleidern, in immer der gleichen Haltung, stets mit demselben Gesichtsausdruck. Der 1913 geborene französische Künstler begann in den 1940er-Jahren, sich derart zu porträtieren, und immer noch haftet an diesen wenig bekannten Werken etwas Bedrückendes, Unbegreifliches. Direktor Thomas D. Trummer hat, begleitend zur Ausstellung „Seasonal Greetings“ von Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl, eine Auswahl von Bascoulards Fotografien nach Bregenz geholt. Damit ist das KUB die erste Institution, die in Österreich diese Werke zeigt.

Ermordet

Wie bei Scheirl und Knebl schwingt auch hier das Thema Geschlechteridentität mit, doch auf eine völlig andere Weise. Wer das Leben des Künstlers Bascoulard betrachtet, vermutet eine Verbindung der Fotografien mit seiner tragischen Geschichte – obwohl hier viele Erklärungen Spekulation bleiben. Fakt ist, dass der 19-jährige Bascoulard Zeuge wurde, wie dessen Mutter den Vater ermordete. Die Mutter verbrachte den Rest ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt, wie in einem Artikel von Philip Myall zu lesen ist.
Bascoulard lebte als Clochard in der Stadt Bourges. Er zeichnete Landschaftsbilder der Umgebung und Architekturen, wie etwa die große Kathedrale der Stadt. Seine Zeichnungen besaßen keinen außergewöhnlichen Stil, wie Trummer im Gespräch anmerkte.

Die Fotos entstanden mit Bascoulards eigener Kamera, ein Vertrauter drückte ab.<span class="copyright">Bascoulard</span>
Die Fotos entstanden mit Bascoulards eigener Kamera, ein Vertrauter drückte ab.Bascoulard

Der Künstler ließ sich bis zu seinem Tod im Jahr 1978 ablichten, nur zu diesem Zweck trug er, meist selbstgenähte, Frauenkleider. Seine linke Hand ruht in jedem Bild vor dem Unterleib, was Trummer an jene Bilder in der Kathedrale erinnert, welche Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies darstellen. In der rechten Hand hält er einen Gegenstand, der meist wie ein Beil oder Messer aussieht – oder ist es ein Spiegel, oder etwas anderes? Der Mann sieht jedenfalls nicht gefährlich aus, sein Blick in die Kamera ist jedoch bestimmt und selbstbewusst. Die Haltung ist stets leicht gekrümmt. Manchmal trägt Bascoulard altmodische Kleider, manchmal sieht er beinahe aus wie ein festlich gekleideter Samurai-Kämpfer, wie Trummer meint.

Aura der Einsamkeit

Jeder in der Stadt kannte Bascoulard, der in Bourges wie ein liebenswertes Faktotum angesehen wurde, erklärt Trummer. Warum nun ließ der Künstler sich in Frauenkleidern porträtieren? Der KUB-Direktor vermutet einen, möglicherweise zwanghaften, Drang zur Wiederholung, denn es sind zahlreiche Fotografien erhalten. Das Bedürfnis entstand offenbar nicht durch die Auseinandersetzung mit den surrealistischen Strömungen der Zeit, die sich früh mit dem Geschlechterthema beschäftigten, sondern aus dem Inneren heraus. Eine sexuelle Note ist nicht erkennbar, wohl aber spürbar ist die Einsamkeit, welche den Fotografierten wie eine Aura umhüllt. Trummer sieht in Bascoulard nicht zuletzt die – wohlgemerkt geschlechtslose – Figur eines traurigen Clowns, der eine schwere Last auf den Schultern trägt.

zur ausstellung

Marcel Bascoulard.

Bis 5. April im KUB Basement. Erweiterte Eröffnung bei freiem Eintritt ins KUB am Freitag, den 19. Februar, 17 bis 19 Uhr. Das Kunsthaus Bregenz ist von Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, am Donnerstag von 10 bis 19 Uhr geöffnet.

Bascoulard wurde 1952 verhaftet, als er von der Polizei in Frauenkleidern auf der Straße aufgegriffen wurde. Auf die Frage, warum er diese trage, meinte er, es handle sich um eine „künstlerische Notwendigkeit“. Das Leben des Künstlers wurde durch einen mysteriösen Mord beendet: das tragische Ende eines Lebens, das, wie auch die Bilder, geheimnisvoll bleibt.

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